Gegründet 1947 Sa. / So., 28. / 29. November 2020, Nr. 279
Die junge Welt wird von 2453 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 23.11.2020, Seite 4 / Inland
Protest gegen rechte Gewalt

Den Neonazis auf der Spur

Demonstration in Berlin-Neukölln: Antifaschisten fordern Aufklärung rechter Anschlagsserie
Von Felix Schlosser
chm_ 20201121_3303.jpg
Demonstrationszug am späten Samstag abend in Berlin-Neukölln

Rund tausend Menschen demonstierten am Sonnabend unter dem Motto »Fight back – Rechten Terror bekämpfen« im Süden des Berliner Bezirks Neukölln. Dazu aufgerufen hatte ein Bündnis verschiedener antifaschistischer Gruppen.

Der Tag dafür war nicht zufällig gewählt: Der 21. November ist der Todestag des Hausbesetzers und Antifaschisten Silvio Meier, der im Jahr 1992 nach einer Auseinandersetzung mit Neonazis im U-Bahnhof Samariterstraße durch mehrere Messerstiche ermordet wurde. Infolgedessen war es zu einer wütenden Spontandemonstration gekommen, aus der heraus ein rechtes Jugendzentrum attackiert wurde. Der Mord und der anschließende Protest bildeten den Auftakt zu einer alljährlichen Gedenkdemonstration. Neben dem Erinnern an den Ermordeten werden dabei immer wieder Neonazistrukturen und -treffpunkte in der Stadt thematisiert und teils angegriffen.

Während die Demonstration bis ins Jahr 2017 meist durch den linksalternativ geprägten Ortsteil Friedrichshain führte, ging es dieses Jahr in den Süden Neuköllns. Grund ist eine dort seit Jahren andauernde rechte Anschlagsserie, bei der es unter anderem zu Angriffen, Bedrohungen und Brandanschlägen auf Autos von Antifaschisten gekommen ist. Bei der Demonstration am Sonnabend wurden wiederholt Parolen skandiert, um Solidarität mit Opfern rassistischer oder rechter Gewalt zum Ausdruck zu bringen. So wurde etwa an den 2005 in Dessau in Polizeigewahrsam verbrannten Oury Jalloh oder den 2012 in Neukölln erschossenen Burak Bektas erinnert.

Die Route führte entlang zweier Restaurants namens Torero und Novi Sad. Eine Sprecherin der Initiative »Kein Raum der AfD« kritisierte, dass sich dort immer wieder der AfD-Bezirksverband Neukölln treffen dürfe. Dieser habe mit Tilo P., der als einer der Hauptverdächtigen in der Anschlagsserie gilt, sogar bis ins Jahr 2019 einen Neonazi im Bezirksvorstand gehabt.

Dass sich viele Antifaschisten an dem Tag zur Demonstration versammelten, sei »ein wichtiges Zeichen«, sagte Dana Schwarz vom Bündnis »Fight back« am Sonnabend gegenüber jW. Ganz besonders freue man sich darüber, dass es gelungen sei, die Teilnehmenden hinaus aus traditionell linken Kiezen an den Ort zu bringen, an dem die mutmaßlichen Täter der Neonazianschlagsserie wohnen und bislang relativ unbehelligt ihr Leben führen. »Diese Sicherheit wollen wir ihnen nicht nur mit der Demonstration, sondern auch mit weiteren Aktionen und einer Unterstützung der Betroffenen nehmen«, so Schwarz weiter.

Bereits im Vorfeld der Demonstration war es zu Aktionen gekommen. So beteiligten sich einige Aktivisten an einer Kundgebung der Initiative Basta, die jede Woche Donnerstag vor dem Berliner Landeskriminalamt für die Aufklärung der rechtsterroristischen Anschlagsserie protestiert. Zudem war einem Bericht auf der Medienplattform »Indymedia« zu entnehmen, dass am Vorabend der Demonstration Plakate rund um die Polizeiabschnitte 48 und 35 in Rudow und Johannisthal verklebt wurden, die vor rassistisch agierenden Beamten warnten. Auch Verflechtungen von Polizisten mit der AfD wurden kritisiert.

Im Kampf gegen Neonazis könne man sich »nicht auf den Staat verlassen«, sondern müsse »selbst aktiv werden«, konstatierte Bündnissprecherin Schwarz. Diese zeigten die »immer wiederkehrenden, als ›Einzelfälle‹ verklärten Enttarnungen von rechten und rassistischen Polizisten«. Auch nach der Demonstration müsse Südneukölln im Fokus von Antifaschisten bleiben.

Unverzichtbar!

»Mit ihrer umfangreichen Berichterstattung in der Rubrik Betrieb und Gewerkschaft ist die junge Welt bei meiner Tätigkeit in einer betrieblichen Tarifkommission unverzichtbar – sie motiviert und stärkt in der Argumentation!« Claudia K., Angestellte in einem IT-Unternehmen

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung im Netz ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme – gedruckt und online!

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Inland

»Gemeinsam statt alleinsam«: 3 Monate lang junge Welt im Aktionsabo lesen – für 62 €!