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Aus: Ausgabe vom 23.11.2020, Seite 2 / Inland
OB-Wahl in Stuttgart

»Ich habe den Ruf, der echte Grüne zu sein«

Neuer Oberbürgermeister in Stuttgart wird am Sonntag gewählt. Drei Kandidaten mit Chancen treten erneut an. Ein Gespräch mit Hannes Rockenbauch
Interview: Kristian Stemmler
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Hannes Rockenbauch will Oberbürgermeister im viele Jahre lang von Bündnis 90/Die Grünen regierten Stuttgart werden

Sie kandidieren am Sonntag bei der Neuauflage der Wahl für das Amt des Oberbürgermeisters von Stuttgart. Ihre Chancen sind gestiegen, weil die Kandidatin von Bündnis 90/Die Grünen, Veronika Kienzle, überraschend aufgab. Wie kam es dazu?

Kurz nach der OB-Wahl am 8. November habe ich mit den Kandidatinnen und Kandidaten, die Chancen gegen den CDU-Mann Frank Nopper haben, Gespräche geführt. Ich wollte ausloten, ob wir einen Konsenskandidaten finden und eine inhaltliche Basis verabschieden können. Kienzle war meine Wunschkandidatin. Das mit den Inhalten klappte bei den Gesprächen ganz gut, aber es gelang nicht, sich auf Kienzle zu einigen, weil Marian Schreier, der als unabhängiger Bewerber antritt, an seiner Kandidatur festhält. Veronika Kienzle hat daraufhin erklärt, nicht zum zweiten Wahlgang anzutreten, was ich sehr bedauere.

Marian Schreier ist in der SPD, tritt aber nicht für die Partei an. Der sozialdemokratische Kandidat Martin Körner hatte seine Bewerbung nach dem für ihn enttäuschenden Ergebnis am 8. November zurückgezogen. Wie ist das Verhältnis von Schreier zur SPD?

Das verstehe ich bis heute auch nicht so richtig. Er hat gegen die SPD kandidiert, hat dann ein Parteiausschlussverfahren abgewendet, indem er seine Mitgliedschaft ruhen lässt. Aber er ist weiter Mitglied, und nun unterstützen ihn wieder Teile der SPD (am Freitag entschied der SPD-Stadtverband, keine Wahlempfehlung für Schreier abzugeben, jW).

Sie treten jetzt gegen ihn und Frank Nopper an.

Ja. Ich habe mich so entschieden, weil das grün-soziale Lager unbedingt einen glaubwürdigen Kandidaten braucht. Ich will jetzt einen konsequent ökologischen und sozialen Wahlkampf führen. Dank meiner Kandidatur muss der Wähler nicht gegen etwas wählen, sondern kann für etwas abstimmen: für ein klimapositives Stuttgart bis 2030, für mehr bezahlbaren Wohnraum, eine echte Verkehrswende. Es ist möglich, einen ökologisch-sozial orientierten Oberbürgermeister in Stuttgart zu wählen, wenn ein wenig mehr als ein Drittel der Wähler es so wollen. Bei der zweiten Wahl reicht ja die einfache Mehrheit. Meine beiden chancenreichen Mitbewerber können gerne zusammen 65 Prozent bekommen, solange ich mit 35 Prozent vorne liege.

Sie zählen auf die Unterstützung aus dem grünen Lager und einen Teil der Stimmen, die der offizielle SPD-Kandidat im ersten Wahlgang bekommen hatte?

Das ist jedenfalls mein Ziel. Die Wähler sehen laut Umfragen unter anderem als meine Stärken, dass ich das Angebot im bezahlbaren Wohnungsbau ausbauen will und mir das sozial-kulturelle Zusammenleben in der Stadt wichtig ist. Seit 16 Jahren bin ich quasi als »soziales Gewissen« im Gemeinderat aktiv und bekannt als Gegenpart zum bisherigen OB Fritz Kuhn von den Grünen. Ich habe mir den Ruf erworben, der echte Grüne zu sein.

Was ist Ihre Vision für Stuttgart?

Wir wollen die Stadt zu einem Vorbild machen. Sie soll Modellstadt werden in puncto neue Mobilität, in puncto Energieversorgung der Quartiere. Stuttgart soll »die grüne Stadt« werden.

Das halten Sie für machbar?

Absolut. Man muss ja nur mal in andere Städte gucken, die innerhalb von ein, zwei Jahren zum Beispiel gigantische Radwegnetze ausgerollt haben, weil sie sich getraut haben, für Flächengerechtigkeit zu sorgen und Parkplätze oder Straßen als sichere Radwege zu nutzen. Nur ein Beispiel: Sevilla hat von 2009 bis 2011 mal geschwind 43 Kilometer Radwege gebaut. Hier in Stuttgart haben wir deutlich zuwenig gemacht. Wir haben den politischen Willen, die Stadt so umzubauen, dass keiner mehr das Auto vermisst.

Würde Ihnen der Kontakt zu außerparlamentarischen Gruppen weiterhin wichtig sein, wenn Sie zum OB gewählt würden?

Ganz klar. Die Zusammenarbeit etwa mit »Fridays for Future« oder den Mieterinitiativen muss weitergehen. Wir können es nur gemeinsam hinkriegen, wir brauchen die zivilgesellschaftlichen Akteure. Am Ende können wir solche gigantischen Projekte wie die klimapositive Stadt nur gemeinsam bewältigen. Die Stadt muss eine starke Rolle spielen, auch beim Wohnungsbau. Wenn man das dem Markt überlässt, sind die Mieten nicht mehr bezahlbar.

Hannes Rockenbauch ist Ingenieur für Architektur und Stadtplanung und Vorsitzender der Fraktionsgemeinschaft SÖS/Linke plus im Stuttgarter Gemeinderat

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