Gegründet 1947 Montag, 30. November 2020, Nr. 280
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Aus: Ausgabe vom 21.11.2020, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Wochenende

Von Gerd Schönfeld (Text), Olaf »Ol« Schwarzbach (Zeichnungen)
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Im Berliner Verlag Edition Rothahndruck erscheint in diesen Tagen ein handsigniertes Künstlerbuch, Text: Gerd Schönfeld, Nachwort: Sepp Fernstaub, Zeichnungen: Olaf »Ol« Schwarzbach, Auflage: 60 Exemplare. jW veröffentlicht daraus mit freundlicher Genehmigung des Verlags Textauszüge und zwei Zeichnungen. (jW)

Franz in der Haltung eines strammstehenden Soldaten. Aber im Liegen. Der Wecker hat vor drei Stunden geklingelt. Jetzt ist es acht. Drei Stunden in Karnickel­starre. Der Gedanke an die Arbeit schwebt über ihm wie ein Adler mit ausgestreckten Krallen. Seit zwei Stunden hätte er in Gummistiefeln auf dem Misthaufen stehen müssen. Mit der Forke in den Händen. Achthundert Kubikmeter Pferdescheiße umsetzen. Von A nach B, dann nach A. Und wieder zurück. Dazwischen wässern und düngen. Bis der Mist eine Temperatur von siebzig Grad erreicht. Von oben die Sonne mit vierzig, der Mist unter den Gummistiefeln fast doppelt so heiß.

Aber es ist kein gewöhnlicher Mist von gewöhnlichen Pferden. Er kommt aus den Rennställen. Aus den Ärschen der Sieger des Großen Einlaufs. Mit Namen wie Phönix oder Apoll. Sie fressen nur das Beste, scheißen hochwertige Nährstoffe, samt Phosphor und Arsen. Für die höchste Liga der Nahrungsmittelindustrie: Champignons. So dicht an der Prominenz war er noch nie. Und er darf die Klofrau sein. Dafür die undichten Zentnersäcke mit Kalkammonsalpeter, der in den Mist gemischt wird und schon beim Tragen in seine Stiefel rieselt. Denn seine Füße haben einen zu hohen Spann. Darum muss er Stiefel tragen, die drei Nummern zu groß sind. Sonst würde er sie gar nicht ankriegen. Sie klaffen an den Waden wie Trichter auseinander. Und zum Feierabend, wenn er die Stiefel wieder auszieht, ist es wie Nikolaus für die Ratten. Braune Pferdescheiße, vermischt mit weißem Dünger, zerquetschte Fliegen und Wespen, der Matsch von Engerlingen, der an seinen Socken klitscht. Sogar Heuschrecken, die sich im Sprung verirrt haben.

Wenn dann der Mist gegart ist, dank dreimaligen Umsetzens mit der Forke, er die gewünschte Temperatur erreicht hat, schlägt die Stunde des Meisters. Im grünen Trabi, mit knallendem Auspuff und gezogenem Choke, in einer Wolke von Abgasen, schafft er es grade noch, vorm Misthaufen zu stoppen. Sein Auto, ein Bündel rissiger Presspappe. Auf der eingedrückten Fahrertür klebt Paketband. Er greift in den Mist, hält ihn sich unter die Nase. Zerbröselt ihn zwischen den Fingern. Er prüft die Konsistenz. Wehe, er findet Klumpen; Zeichen dafür, dass man die Forke zu voll genommen hat, um die Sache schnell hinter sich zu bringen.

Er ist jähzornig. Einmal wollte er in eine Kümmelstange beißen, besann sich aber und schmiss sie einem Kollegen an den Kopf. Denn verklumpter Mist bedeutet volkswirtschaftliche Einbuße. Das Myzel der Pilze lässt sich da nicht einbringen. Die Pilze würden auch gar nicht wachsen. Und wenn, hätten sie nicht die Kraft, sich da durchzuboxen. Wenn der Meister aber halbwegs zufrieden ist – richtig zufrieden ist er nie –, kommt das unausweichliche Ritual. Das Zücken eines kleinen Päckchens mit Pfeifentabak. Dunkler Prestige. Jeder muss sich ein paar Krümel nehmen. Ein bisschen Tabak auf den Handflächen betrachten. »Seht ihr? Nur größer, den Tabak etwas feuchter. Das ist die ideale Struktur für die Champignons.« Nachdem er den Tabak wieder eingesammelt hat, fährt er mit Karacho vom Hof, so wie er gekommen ist.

(...)

Heute wäre das Spicken des Myzels in den Mist an der Reihe. Und das Schleppen unzähliger Kisten mit Kies, mit dem der Mist beschichtet wird. Damit die Pilze, wenn sie wachsen, festen Halt finden. Dann wird der Kies mit öligem Papier eingedeckt, das mit Insektengift behandelt wurde. Und wenn alles in Sack und Tüten ist, schlägt wieder die Stunde der Höllenmaschine. Einmal soll es vorgekommen sein, dass jemand das Rad für die Dieselzufuhr bis zum Anschlag aufdrehte. Der Tank leuchtete wie die Sonne bei Capri. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann er zur Bombe wurde.

»Wen’s trifft, den trifft’s«, soll sein Kollege gesagt haben, der schon bei Rommel war. Er zog sich einen Watteanzug an, stellte sich unter die Dusche und robbte sich an den glühenden Tank, um die Dieselzufuhr abzustellen. Gestern beim Frühstück hatte er leuchtende Augen, erzählte von der »Abendschau«. »Franz. Wenn du einen Fernseher hättest. Hach. Gestern, die ›Abendschau‹, ich sage dir. Drüben in Britz, eine Champignonzucht, hach, die haben eine Technik. Alles mit Maschinen. Wie Roboter. Das Personal, hach, du denkst, es sind Ärzte. In weißen Ganzkörperanzügen. Mit Haube. Als würden die ’ne Kobaltkanone bedienen. Die brauchen nur noch am Fließband zu stehen, um die Champignons zu sortieren. – Durchhalten, Junge!« Er boxte Franz auf den Arm. »Irgendwann haben wir das im Osten auch. Hach! Dann laufen wir nur noch in Weiß rum.«

(...)

Ab Montag wird er sich um seinen Haushalt kümmern. Er wird sich Gardinen kaufen. Fenster putzen. Und endlich ein Linoleum für die Küche. Und eine Schere, um ihn auszuschneiden. Es gibt ja immer Ecken und Kanten. Natürlich haben es dann die Kakerlaken schwerer, aus den vermoderten Dielen zu flitzen. Auch wenn sie es schafften, sie sind ja sehr zurückhaltend. Man knipst das Licht an, und schon sind sie weg. Im Untergrund erprobt. Die Museen schmücken sich mit jedem Mist, und sei es eine alte Scherbe. Doch bei jahrmillionenalten Völkern, die noch unter uns leben, wird der Kammerjäger gerufen. Aber damit kann er sich nicht auch noch abgeben. Es reicht ihm erst mal, sein Bierglas zu finden. Er wird ein Experiment veranstalten. Den Rest vom Himbeergeist mit Wermutwein. Sonst hat er den Wermut immer mit Dry Gin gemischt. Im Verhältnis eins zu eins. Schon nach einem Glas fühlt man sich gebremst. Hat keine Angst mehr, da draußen in der Welt was zu versäumen. Wie wird es erst nach Wermut mit Himbeergeist? Die alkoholische Panzerfaust als Weg zur Askese. Der Wermut schmeckt mit dem hohen Promillegeist zwar nicht so gut wie mit Dry Gin, macht seine Wohnung aber schneller zum Altersheim. Ihn kotzt schon der Weg zum Bett an. Und als er endlich drauf gelandet ist, hörte er aus der Nachbarwohnung Füßetrampeln. Juchzen. Dann ein Sprechchor: »Pack es. Wag es. Steh deinen Mann! Seit an Seit mit den Genossen voran. Sieben, acht, neun, zehn, klasse.« Dann Gitarrengeklimper. Er angelte sich die Schnur vom Stethoskop, das auf den Boden gefallen ist. Beide Stöpsel in die Ohren und den Trichter an die Wand.

»Bravo.«

»Und jetzt du, Tolja.«

»Hört auf rumzublödeln. Lasst uns noch mal das Lied vom Mondwein singen. Ein A, Alex. Ein A.«

»Wenn der Mondwein scheint. Und der Rotschein weint.«

»Stop, Ilonka. Ilonka! Ihr dürft das nicht so romantisch singen. Wenn ihr Mond singt, weg mit dem Schmelz. Sein Schein ist rot. Der Wein ist Blut. Die Blutrinne. Es ist Bauernkrieg.«

»Ja, Viktor. Aber wenn der Rotschein weint, ist es da nicht wirkungsvoller, wenn man den Mond andichtet? Und dann gefällt wird. Von einer Fürstenkugel?«

»Das ist Schleim, Ilonka. Oder willst du kleinbürgerliche Schmiere. Ihr singt die Quarte. Als würdet ihr dabei Striptease tanzen. Aber die Quarte, die muss krachen. Stellt euch vor, ihr würdet im Schlusssprung auf eine Pauke springen – denkt an die Marseillaise. Denkt an Lenin. Tonja. was sagst du?«

»Ooch, Viktor. Ich hab nich mähr de Kraft für Quorten. Heut is dein Geburtschtog.«

»Wir werden das bis Sonnabend draufhaben, Viktor. Bis zu unserer Einstufung sind es noch acht Tage.«

»Was sagst du, Ramona? Oder bist du mehr für Dideldum und Dideldei? – Ramona! Ich spreche mit dir.«

»Das wollte ich dir schon immer sagen, Viktor. Die Ramona hat sich noch nie konstruktiv eingebracht.«

»Hörst du, Ramona, was das Kollektiv über dich denkt? Gefallen dir überhaupt unsere Lieder? Oder lieber Yippie Yeah? Das wär dir lieber, ja!«

»Ick hab doch janüscht jesagt. Wat willste denn von mir.«

»Typisch. Mein Name ist Hase. Und dann in den Rücken. Wie die Sozialdemokratie.«

»Victor. Jetzt is aber jut. Die arbeitet ’nen bisschen härter als du. Neun Stunden am Band. Is doch allet nur, weil se dir ’nen Korb jejeben hat.«

»Hut ab, Tolja. Die Pariser Kommunardinnen mussten härter arbeiten als deine Ramona. Und sind trotzdem auf die Barrikaden gestiegen.«

»Warum sollte ick uff de Barrikaden jehn? Ick denke, det is allet verwirklicht in der DDR.«

»Hört, hört. Auf einmal zeigt sie Flagge. Und wie sie es sagt. Findest du das auch, Ilonka?«

»Viktor hat recht. Deinen ironischen Beiton kannst du bei uns stecken lassen. Und du, Tolja, pass nächstens besser auf, wen du aus der Kneipe abschleppst.«

Franz hörte noch die Wohnungstür knallen und das sich entfernende Tak-tak-tak von Schuhabsätzen im Treppenhaus. Dann war auch nebenan Ruhe. – Irgendwann gab es Tütensuppe. Sie war gelbgrün, mit schleimiger Konsistenz. Nachdem er einen Esslöffel davon gegessen hat, guckte er auf das Haltbarkeitsdatum. Zu verbrauchen bis 1915. Wer weiß, ob er noch leben würde, wenn er nicht schnell wach geworden wäre. Durch ein Würgen in seinem Hals. Immer diese Horrorträume. Andre träumen von der schönen Natur. Und er träumt nur vom Wald, wenn einer am Ast baumelt.

(...)

Franz gab sich einen Ruck. Man muss sich aufraffen. Ein bisschen unter die Leute. Gut, dass an den Schuhen nur die Sohlen Löcher haben. Das Oberleder noch perfekt. Nur das Hemd muss über die Hose, weil am Kuhstall die Knöpfe fehlen. Darüber die Lederjacke, weil das Hemd zwei große Löcher hat. Es kotzt ihn an, dieser Sommer. Zwischen all den kurzen Hosen. Kurzen Röcken. Er kraucht zwischen ihnen wie ’ne Echse von den Galapagosinseln. Das ekelhafte Schwitzen und die ewigen Fragen, ob es ihm in der dicken Jacke nicht zu heiß sei. Erst mal zum Spätverkauf. Denn alle Geschäfte haben am Sonnabend ab dreizehn Uhr geschlossen. Und im ganzen Bezirk gibt es nur einen Spätverkauf. Der hat am Sonnabend von vierzehn bis zwanzig Uhr auf. Am Sonntag nur bis achtzehn Uhr. Wenn er nicht aus technischen Gründen geschlossen hat.

Auf der Straße war es wie erwartet. Die Demse hat alles aus der Stadt vertrieben. Es war still wie in seiner Wohnung. Nur wenn er an einer Kneipe vorbeikam, hörte er den Ventilator über der Tür. Vorm Spätverkauf stand ’ne Schlange. Das könnte Stunden dauern. Auf der Uhr unter der Hochbahn konnte er erkennen, dass es erst sechzehn Uhr war. Vielleicht sollte er noch in die Kneipe. Der Hackepeter hat schon auf. Aber da wird er nicht bedient. Er war mal mit ’ner Mulattin drin. Als der Kellner an den Tisch kam, sagte er, dass er so was vor dreißig Jahren nicht bedient hätte. Und heute auch nicht. Klarer Fall. Eine aufrechte nationalsozialistische Persönlichkeit.

Auf der andern Straßenseite der Schusterjunge. Eine ehemalige Kommunistenkneipe. »Junge«, sagte ihm mal ein Besoffener, dessen Oberkiefer nur aus einem Frontzahn bestand, »det muss drei Jahre vor Hitler jewesen sein. Jedenfalls wir warn viere oder fünfe, kommen ausm Schuster, stehn vorm Nazipeter zwee Händevoll SA. Denk mal nich, dass wir abjehauen sind. Habn wir uns jekloppt. Hach. Aber holla. Ick sag dir nur eens. Wenn wir zwee oder dreie mehr jewesen wärn. Und Hitler wär nich an de Macht jekomm. Und die Sozis von nebenan, die ausm Keglerheim in ihrn Stresemanns, die hättn wir jleich mit verdroschen.«

(...)

Auf dem Weg nach Hause dachte er an den Saufabend bei den Chemikern. An Sabine, an die Frau, für die seine Zahnlücke eine glänzende Abwechslung war. Zwei Monate blieben sie danach zusammen. Wenn er nicht so ein Idiot gewesen wär. Die einzige Frau, die seine Saufexzesse wie ein Zauberer wegsteckte, der unzählige Schlangen im Zylinder verschwinden lässt. Und plötzlich war sie in seinem Kopf. Und er fürchtete, sie würde sich wieder als Dauergast einnisten. Als sei es ihr Oberstübchen. Und nicht seines. Grade haben sich die Erinnerungen an sie verdünnt. Er ging auch nicht mehr an das Fenster, wenn er Hackenschuhe auf dem Hof hörte. Er rannte nicht mehr jedes Mal zur Tür, wenn jemand im Haus die Treppen hoch stieg. Saß nicht mehr stundenlang im Café, in das sie gerne ging. Immer in der Hoffnung, sie käme rein, setzte sich an seinen Tisch. Und es wär wie immer. Er beugte seinen Kopf nach rechts, dann nach links, um die jeweilige Hirnhälfte zu leeren. Als seien die Erinnerungen und das schlechte Gewissen eine Flüssigkeit. Aber sie waren ein Stumpf, der im Zeitraffer durch sein Hirn die Wurzeln schlug. Er bot ihr seinen rechten Arm an, als wollte sie sich einhaken. Er steckte sich den Zeigefinger durch die Zahnlücke, als sei es ihre Zunge. Er hielt ihr die Haustür auf. Und beim Treppensteigen ließ er sie vor. Er sah und hörte sie kichernd ihren Mantel heben, mit dem Hintern wackeln.

Und als er seine Wohnungstür öffnete, hoffte er, dass sie in seinem Bett liegt und ihn schon freudig erwartet. Aber es war nur ihr grüner OP-Schwesternkittel, den sie vor zwei Monaten bei ihm vergessen hatte. Der zerknittert unterm Fenster lag.

(...)

Er legte sich auf ihren Kittel. Und unterm Kittel, da wo der Hintern wär, stopfte er das Kissen. Einen runterholen wird er sich. Juchzen und quieken wird sie vor Lust. Er versuchte es mit piepsiger Stimme, um ein bisschen Atmosphäre zu schaffen. Heute Nacht, als er nach Hause kam, war er vor Sehnsucht nach ihr aus dem Häuschen, ist dabei eingeschlafen. Jetzt ist er ausgeschlafen. Und kaum will er sich auf sie konzentrieren, das Kissen streicheln, den Kittel umarmen, denkt er an Rennefix im Knirpsenland. Seit der dritten Klasse hat er nicht mehr dran gedacht. »Als Rennefix mal hungrig war, aß er ein heißes Bügeleisen gar.« Jetzt erst fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, dass Rennefix es einfach nur gegessen hat. Hart wie es war. Und nicht gar. So wie man Kartoffeln kocht. Es kotzt ihn an, dass sein Kopf keinen Korken hat. Dieser Scheiß-Rennefix. Immer kommen ihm irgendwelche Gestalten in die Quere, machen selbst das Wichsen zum Hornberger Schießen. Erst mal eine rauchen.

(...)

Was kostet die Welt?

Anmerkungen des Korrektörs

Die alkoholischen Eskapaden des depressiven Witzboldes und passionierten Rauchers Franz spielen sich um 1970 in Ostberlin ab. Alle erwähnten Schauplätze – zumeist ja Kneipen im Einzugsbereich westliche Dimi­troffstraße (mittlerweile Danziger Straße) – waren bis 1990 real. Einige existieren heute noch als solche, wenn auch stark verändert, andere sind umgewidmet. Die exotischen Tabakwaren – mit ihren utopischen Preisen – und diversen zeitgenössischen Alkoholika sowie Psychopharmaka und andere DDR-Spezifika erschließen sich – nicht nur Eingeweihten – aus dem Text.

Eine Schachtel Salem (gelb sowohl als rot) kostete damals 1,60 Mark der DDR, gehörte damit – wie auch die legendäre Karo – zu den billigsten Zigaretten. Die »normalen Leute« – die heute sog. »Mitte« – rauchten meist Casino (2,00 M für 20 St.), Juwel (2,50 M) oder f6 und Cabinet (je 3,20 M). Der im Text mehrfach erwähnte »Hochstapler« protzt mit einer Duett (6,00 M), Westzigaretten wie Philip Morris kosteten 7,00 M. – Der illegale Umtauschkurs von Ostmark in Westmark betrug 1970 ca. 4:1, steigerte sich bis 1989 auf 10:1 (1990 sogar max. 20:1) und pegelte sich nach der Wende auf 5:1 ein. Eine Schachtel Cabinet kostete um 1989 herum 32 Westpfennig (= 16 Eurocent). Heute kostet eine Schachtel Cabinet 7,00 Euro, also das knapp 44fache. – Um nicht schmählich zu untertreiben, werde ich von den Mieten schweigen …

Nicht so ganz! In der ominösen Champignonzucht – in DDR-Kaufhallen gab es »selbstverfreilich« keine, die Pilze landeten in der gehobenen Gastronomie – verdiente Franz als lediger Hilfsarbeiter ca. 500 M; Frisöre (800 M), Ingenieure (1.000 M) und Zahnärzte (1.200 M) natürlich mehr. Franz bezahlte damals 24,25 M Miete für seine Buchte in der Immanuelkirchstraße, Schwamm drüber, wie jesagt. Neben Strom und Gas löhnte er auch 2,05 M Rundfunkgebühr. Der aktuelle Rundfunkbeitrag beläuft sich auf 17,50 Euro, immerhin eine Steigerung ums 85fache. Das ist der Preis für Meinungsfreiheit und Qualitätsjournalismus. Solche Sachen gehen Franz heut durch den Kopf, wenn er sich für 30 M einen Pfannkuchen kauft. Für eine gehobene Flasche Schnaps hätte sein Gehalt jedenfalls nicht gereicht. – Urgesteine wie Franz und ich haben die Utopie hinter uns. Das treibt uns vorwärts und bringt uns in Schwung.

Besondere Erwähnung verdient »Rennefix«, der Franz beim Wichsen stört. In dem Kinderbuch »Nimmerklug im Knirpsenland« von Nikolai Nossow (»Приключения Незнайки и его друзей«, 1954; erste deutsche Auflage 1956, Kinderbuchverlag Berlin, Illustrationen von Alexej Laptew, Übersetzung aus dem Russischen von Lieselotte Remané) ist Rennefix (Торопыжка; von торопить = [an]treiben, beeilen, [zur Eile] drängen) ein Freund des Protagonisten Nimmerklug. Wie in Kinderbüchern üblich, erleben die Knirpse – »etwa so groß wie Einmachgurken« (typischer Nachbiss zum Wodka) – dieses und jenes Abenteuer. Ein unbescholtener Wikipedia-Autor blickt heute folgendermaßen auf dieses »Propagandawerk«:

»Das Buch ist für Kleinkinder gut verständlich, kann aber auch erwachsene Leser in den Bann ziehen. Auffällig ist die Einfachheit der Geschichte, die allerdings sehr moralisierend wirkt. Wenn auch nicht mit erhobenem Zeigefinger, so wird dem Leser doch sehr deutlich klargemacht, was der Autor für eine Gesellschaft im Sinn hat: die Gesellschaft, in der alle gleich sind, erinnert stark an eine ideale, utopische, kommunistische Gesellschaft. Geld ist unbekannt, nur Leistung zählt. Der Glaube an den Fortschritt ist unverkennbar, Maschinen sind dazu da, dem Menschen körperliche Arbeit abzunehmen und Erträge zu maximieren, nicht, um Gewinne zu steigern.«*

Damit ist eigentlich alles über die sympathisierend skeptische »sozialistische Weltanschauung« von Franz gesagt.

Sepp Fernstaub

* de.wikipedia.org/wiki/Nimmerklug_im_Knirpsenland (zuletzt aufgerufen: 16.11.2020)

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Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (21. November 2020 um 15:34 Uhr)
    Eine wunderschöne Einlassung! Die vielsprechenden Darstellungen stimmen zwar nicht alle, aber warum sollten sie? Sehr schöne Erinnerungen werden wach! Bitte schreiben Sie bald wieder darüber!

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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