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Aus: Ausgabe vom 21.11.2020, Seite 11 / Feuilleton
Dschihad und toxische Männlichkeit

Sturmtrupp des Patriarchats

Der »Islamische Staat« konnte sich infolge von NATO-Kriegen ausbreiten. Wut auf den Westen erklärt aber nicht sein Programm
Von Claudia Wangerin
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»Frauenverachtung und Hass auf religiöse Minderheiten« (IS-Propagandavideo)

Während AfD und Pegida den »Islamischen Staat« (IS) und andere Dschihadistenmilizen als wahres Gesicht des Islam betrachten und den Generalverdacht gegen Menschen aus dem Nahen und Mittleren Osten schüren, erklären sich Teile der Linken die Motivation der IS-Kämpfer mit »Wut- und Rachegefühlen« – hervorgerufen durch Imperialismus und Rassismus. NATO-Kriege gegen muslimische Länder und die Diskriminierung von Menschen mit Migrationsgeschichte in westlichen Ländern hat Georg Auernheimer im jW-Beitrag »Das Geflecht der Bedingungen« vom 13.11. als Gründe für die Radikalisierung ausgemacht.

Als alleiniger Erklärungsansatz kann dies den Generalverdacht aber nicht entkräften, sondern sogar ungewollt verstärken: Menschen aus einer bestimmten Herkunftsregion wären dann grundsätzlich anfällig für die menschenverachtende Ideologie des IS, da sie alle direkt oder indirekt von Krieg oder Rassismus betroffen sind. Darauf spekulieren zwar IS-Strategen – bei der Rekrutierung ihrer Kämpfer spielen aber noch ganz andere Faktoren eine wesentliche Rolle.

Mit Wut auf den Westen und seine Mehrheitsgesellschaften lässt sich auch ein Großteil der IS-Verbrechen nicht erklären, da die meisten Opfer gar nicht westlicher Herkunft sind: Seine bisher größten Massaker verübte der IS im August 2014 an Jesiden im Nordirak – der erste Sprengstoffanschlag von IS-Anhängern in Deutschland galt einem Sikh-Tempel. Von Rassismus in westlichen Ländern sind zudem etliche Menschen betroffen, die selbst vor den Dschihadisten geflüchtet sind. Auf der anderen Seite schlossen sich auch weiße, westliche Konvertiten, bei denen eigene Rassismuserfahrungen als Grund ausscheiden, dem IS an.

Dass ein gewisser Martin Lemke aus Sachsen-Anhalt im syrischen »Kalifat« zeitweise mit drei Ehefrauen und einer jesidischen Sklavin lebte, erklärt die Motivation vielleicht schon eher: Der extrem patriarchale Charakter des IS macht ihn attraktiv für Männer aus aller Welt, die ein Problem mit Frauen des 21. Jahrhunderts haben. Das Versprechen, Frauen zugeteilt zu bekommen, dient als Anreiz bei der Rekrutierung von IS-Kämpfern jeglicher Herkunft. Sie führen nicht zuletzt einen erbitterten Kampf gegen das Ende des Patriarchats. Insofern müssten ultrarechte Evangelikale in den USA sie insgeheim verstehen.

Wer sich ein realistisches Bild vom IS machen will, darf seine Frauenverachtung und seinen Hass auf religiöse Minderheiten außerhalb des christlichen Kulturkreises nicht ausblenden. Er ist keine Widerstandsbewegung, die zu Exzessen neigt, aber ansonsten diskutable Ziele hätte. Für Christen sieht der IS eine Kopfsteuer vor – die jesidische Minderheit will er als Gruppe vernichten und hätte diesen Plan 2014 zu größeren Teilen verwirklicht, wenn nicht Kampfverbände der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und syrisch-kurdische Volksverteidigungseinheiten (YPG) eingegriffen und einen Fluchtkorridor freigekämpft hätten.

All das passt weder zur völkisch-rechten Kulturkampferzählung noch passt es zu einem verkürzenden Antiimperialismus. Der IS hat sich in einem Machtvakuum ausgebreitet, das durch die US-Invasion im Irak geschaffen worden war – und zweifellos passen seine Anschläge in westlichen Ländern den dortigen Law-and-Order-Strategen gut ins Konzept. Wer aber glaubt, nur im Westen gebe es echte Akteure und im Nahen und Mittleren Osten nur Spielfiguren, Schwungmasse und kopflose Desperados, nimmt die Menschen dort nicht ernst – weder im Guten noch im Schlechten.

Dass der IS sich erhofft hat, von rassistischen Straßenbewegungen in Deutschland und Europa zu profitieren, ist bekannt: »Die freuen sich über Pegida und hoffen, dass es dadurch zu Gegenreaktionen von radikalen Muslimen kommt«, sagte der Ex-CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer, als er Ende 2014 von der Recherchereise für sein Buch »Inside IS« zurückgekehrt war, im Gespräch mit der Welt. Umgekehrt wirkten auch Tweets von AfD-Politikern nach dschihadistischen Anschlägen in Europa fast euphorisch angesichts des politischen Kapitals, das sich daraus schlagen ließ: »Viele Grüße aus Brüssel. Wir haben soeben das Parlament verlassen. Hubschrauber kreisen, Militär rückt an. Sirenen überall. Offenbar viele Tote am Flughafen und am Zentralbahnhof. Hat aber alles nix mit nix zu tun«, twitterte die AfD-Europaabgeordnete Beatrix von Storch im März 2016.

Wenige Wochen später kam es zum Sprengstoffanschlag auf eine Hochzeitsfeier im Essener Sikh-Tempel, bei dem drei Menschen verletzt wurden. Der Priester überlebte das Attentat am 16. April 2016, das der IS für sich reklamierte, nur knapp. Die unmittelbaren Täter waren zwei männliche Jugendliche, deren Familien aus dem NATO-Staat Türkei stammen. Beide dürften kaum an Rache für Rassismus in Deutschland oder Vergeltung für NATO-Kriege gegen muslimische Länder gedacht haben, als sie eine viel kleinere religiöse Minderheit mit indischem Hintergrund angriffen. Die Schwester eines der Attentäter sagte Ende 2016 dem Stern, ihr Bruder habe vor seiner Radikalisierung »Liebeskummer« gehabt, zuerst viel Gangsta-Rap gehört und dann immer mehr gebetet. Irgendwann habe er keine Musik mehr gehört und auch ihr dies ausreden wollen. Außerdem habe er erklärt, eine Muslimin müsse ein Kopftuch tragen.

Am 19. Dezember 2016 folgte das Lkw-Attentat auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz, das als bisher schwerster dschihadistischer Anschlag auf deutschem Boden gilt. Vor dem mutmaßlichen Haupttäter Anis Amri hatten syrische Staatsbürger, die ihn aus der Flüchtlingsunterkunft in Emmerich kannten, bereits 2015 gewarnt – nachdem der Tunesier versucht hatte, sie für den Dschihad in ihrem Land zu begeistern. Er hatte sogar in ihrer Gegenwart Videochats mit bewaffneten Männern im syrischen Kampfgebiet geführt.

Amris Hoffnung, sich als Dschihadist unter Muslimen wie ein Fisch im Wasser bewegen zu können, war offensichtlich falsch: Seine Mitbewohner hatten für sein Treiben nicht das geringste Verständnis – sie informierten mit Hilfe eines Dolmetschers die Heimleitung beziehungsweise die Polizei. Leider interessierten sich deutsche Behörden erst nach dem Anschlag mit zwölf Toten ernsthaft für ihre Beobachtungen.

Solche Beispiele sind der rassistischen Instrumentalisierung des IS-Terrors entgegenzusetzen – nicht einfach nur das Klischee von »jungen Menschen« aus der arabischen Welt, die nur den falschen Weg gewählt haben, um einer eigentlich berechtigten Wut Ausdruck zu verleihen.

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