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Aus: Ausgabe vom 21.11.2020, Seite 8 / Ansichten

Grenzen der Heuchelei

Zoff bei Grünen-Parteitag erwartet
Von Claudia Wangerin
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Aktivisten von Robin Wood haben vor der Parteizentrale der hessischen Grünen in der Landeshauptstadt zwei Bäume besetzt. 20. November 2020, Wiesbaden

Nachdem am Donnerstag zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen Umweltbewegte eine Geschäftsstelle der Grünen besetzten, weil die vorgebliche Ökopartei in Hessen als Juniorpartner der CDU einen alten Mischwald für den Bau einer Autobahn roden lässt, will Parteichef Robert Habeck »raus aus einem engen Milieu« und »ein Angebot an die Breite der Gesellschaft« machen. Er glaube, die Partei trage diesen Kurs »ganz, ganz entschieden mit«, sagte Habeck am Freitag im ZDF-»Morgenmagazin«. Auch Wahlergebnisse hätten gezeigt, »dass die Gesellschaft das will«.

Aha. Und was genau? – Auf Bundesebene fordern die Grünen aus der Opposition heraus eine andere Verkehrspolitik. Wie ernst das zu nehmen ist, wenn sie mitregieren, darüber dürfte auf dem dreitägigen Bundesparteitag, der am Freitag pandemiebedingt als Videokonferenz eröffnet wurde, noch gestritten werden. Habeck erwartet »Kampfabstimmungen« über einige Punkte des neuen Grundsatzprogramms.

Zu viele im Parteiestablishment der Grünen haben gehofft, die Stimmen tief besorgter umweltbewusster Menschen abgreifen zu können, ohne dafür sehr bald eine Gegenleistung zu erbringen. Sie haben auf junge Aktivistinnen wie Luisa Neubauer gesetzt und zugleich darauf, aus diesen sehr schnell zahnlose Tiger machen zu können, die ihre verlogene Politik mittragen. Dafür hat Neubauers Alterskohorte, soweit sie politisch aktiv ist, aber den Ernst der Lage zu gut begriffen. Die 24jährige ist in Deutschland zweifellos das prominenteste Gesicht der Jugendbewegung »Fridays for Future« – was manchmal auch für Kritik in deren Reihen sorgt, nicht nur wegen des Wunsches nach mehr Rotation, wenn es um Talkshow-Auftritte geht, sondern auch, weil Neubauer Mitglied der Grünen ist. Noch.

Aber sie nimmt diesen gegenüber kein Blatt vor den Mund und versucht nicht, ihre Mitstreiterinnen auf der Straße und im besetzten Dannenröder Wald zu beschwichtigen. Im Gegenteil: »Ich kann nicht glauben, dass wir im Jahr 2020 ernsthaft Ökosysteme gegen Rodungsaufträge einer schwarz-grünen Regierung verteidigen müssen«, schrieb sie Anfang Oktober in einem Tweet, der von mehreren Medien zitiert wurde. Mit der parteilosen Carola Rackete, die als Seenotretterin bekannt wurde, aber auch in der Umwelt- und Klimaschutzbewegung aktiv ist und mitunter von Ökosozialismus spricht, forderte Neubauer vergangene Woche in einem Gastbeitrag für den Spiegel: »Wir brauchen Systeme, die für uns und nicht gegen uns arbeiten.«

Was die etablierten Grünen für eine ungefährliche Frischzellenkur hielten, könnte sie im Endeffekt alt aussehen lassen, wenn sie von jungen Frauen, die sie instrumentalisieren wollten, gezwungen werden, Farbe zu bekennen. Zumindest in der ökologischen Frage. Dass sie mal als Partei der Friedensbewegung galten, davon wollen Spitzengrüne ja inzwischen selbst nichts mehr wissen.

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Debatte

  • Beitrag von Matthias M. aus H. (20. November 2020 um 22:55 Uhr)
    Die Grünen könnten wieder mal von der alten Tante SPD lernen, was passiert, wenn man als potentieller Juniorpartner sich zu sehr verbiegt, nur um an der Macht lutschen zu dürfen. Obwohl … als ein Herr Joseph Fischer mit Adorno auf den Lippen den letzten Rest Pazifismus über Bord warf und die Luftwaffe in ihren ersten* Angriffskrieg schickte, das hat den Grünen offenbar nicht geschadet. Pazifismus war mal der ursprüngliche Markenkern. Kelly und Bastian rotieren in ihren Gräbern. Scheint so zu sein, dass die klassischen Grün-Stammwähler*innen eine völlig andere Klientel sind als die (enttäuschten und gegebenenfalls ehemaligen) SPD-Stammwähler*innen …

    * Ach ja, je nach Zählweise und Traditionsverständnis nicht der erste, sondern sogar der vierte. 1961 bekam die Luftwaffe Gratulationen zum 50jährigen Bestehen (mir liegt ein Flugrevue-Sonderheft dazu vor). Also Tradition nahtlos seit 1911, also zählen Erster Weltkrieg, »Legion Condor« in Spanien, Zweiter Weltkrieg auch mit, sorry.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Reinhard Hopp: Grüne Kreislaufwirtschaft So ein Videoparteitag hat natürlich viele unschätzbare Vorteile. Bei kritischen Wortmeldungen – so es in dieser olivgrün-schwarzen Truppe denn solche in nennenswerter Zahl überhaupt noch geben mag (?)...

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