Gegründet 1947 Montag, 30. November 2020, Nr. 280
Die junge Welt wird von 2453 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 21.11.2020, Seite 7 / Ausland
Kriegsverbrechen

Schwarz auf weiß

Untersuchungsbericht attestiert Kriegsverbrechen australischer Truppen in Afghanistan. Morde von Vorgesetzten vertuscht
Von Thomas Berger
7.JPG
Teilweise geschwärzter Untersuchungsbericht zu australischen Kriegsverbrechen in Afghanistan (Canberra)

Australien ist normalerweise mächtig stolz auf seine Streitkräfte, die »Diggers« genießen daheim geradezu Heldenstatus. Doch schon länger halten sich Vorwürfe, die diesem Bild nicht standhalten. Nunmehr ist es amtlich: Der über 300 Seiten starke Untersuchungsbericht zum Afghanistan-Einsatz in der Zeit von 2005 bis 2016, der am Donnerstag präsentiert wurde, spricht von nachweislich mindestens 39 Zivilisten, die »ungesetzlich getötet« wurden. 25 Soldaten sollen unmittelbar in diese 23 einzelnen Vorfälle verwickelt gewesen sein, die nun auch nach amtlicher Lesart als mutmaßliche Kriegsverbrechen durch die Truppen eingestuft werden. General Angus Campbell, dem Oberkommandierenden der Streitkräfte, blieb deshalb nur, dem afghanischen Volk in einer Erklärung seine »ernsthafte und uneingeschränkte« Entschuldigung für diese Taten auszusprechen.

Viereinhalb Jahre Arbeit seit der Auftragserteilung im März 2016 stecken in dem Bericht. Wie in dessen Einleitung nachzulesen ist, wurden in dieser Zeit 20.000 Seiten an Dokumenten gewälzt und etwa 25.000 Fotos in Augenschein genommen. 423 Zeugen sind vernommen worden. Vorgelegt hat die verstörende Sammlung der Generalinspekteur James Gaynor, der sich, um jeglichem Vorwurf etwaiger Einflussnahme entgegenzutreten, aus der Untersuchung selbst herausgehalten habe. Vielmehr war es Generalmajor Paul Brereton, Reserveoffizier und Richter am Obersten Gerichtshof des Bundesstaates New South Wales, der die Ermittlungen führte. Bei dem, was jetzt auch für jeden bei Interesse im Detail nachlesbar ist, handelt es sich um eine »aus Sicherheits- und Gründen des Personenschutzes« redaktionell bearbeitete Variante des Originalberichts, den Brereton am 29. Oktober dem Generalinspekteur übergeben hatte.

Schon am Vorabend der Berichtsvorstellung, so eine Verlautbarung aus der Präsidialverwaltung in Kabul, habe Australiens Premierminister Scott Morrison den afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani angerufen, um sich zu entschuldigen. In den politischen Führungskreisen Canberras wollte man mit der vorab erfolgten diplomatischen Eindämmung offenbar sichergehen, dass die Reaktionen in Afghanistan auf die erstmalige öffentliche Bestätigung gravierenden Fehlverhaltens eines der wichtigsten ausländischen Truppenstellers dort nicht zu harsch ausfielen. Auch die australische Außenministerin Marise Payne soll eine schriftliche Erklärung an ihren Amtskollegen in Kabul, Hanif Atmar, gesandt haben.

Von einer fragwürdigen »Kriegerkultur« in der Elitetruppe Special Air Service (SAS) spricht der Report. Schon im März hatte die Öffentlichkeit in und außerhalb Australiens einen Vorgeschmack auf die jetzigen Untersuchungsergebnisse bekommen, als der öffentlich-rechtliche Sender ABC Bildmaterial vom Mord an mindestens einem unbewaffneten Bauern veröffentlichte, dazu Schilderungen von Whistleblowern unter den Soldaten, die bei einzelnen der Vorfälle als Augenzeugen dabei waren. Erst durch die Enthüllungen einiger, die sich nicht mehr hinter die bisherige kollektive Mauer des Schweigens stellen wollten, waren die Untersuchungen überhaupt in Gang gekommen. Von der »möglicherweise beschämendsten Episode in der militärischen Geschichte Australiens« spricht Brereton, der auch die mittlere Führungsebene scharf kritisiert. Das Verhalten Vorgesetzter habe in signifikanter Weise zu einer Atmosphäre beigetragen, in der diese Kriegsverbrechen möglich wurden und lange Zeit vertuscht werden konnten. So wurden Morde verdeckt, indem den toten Zivilisten nachträglich Waffen untergeschoben wurden.

Premier Morrison, der vorab Einblick in den Bericht erhalten hatte, kündigte bereits vor einer Woche die Ernennung eines Spezialermittlers an. Laut Empfehlung des Reports sollen zudem 36 Fälle, die 19 Soldaten betreffen, an die Polizei übergeben werden. Die zweite SAS-Schwadron wurde als unmittelbare Reaktion der Armeespitze bereits aufgelöst, zudem sollen Auszeichnungen von Beschuldigten eingezogen werden. Brereton regt auch eine schnellstmögliche Entschädigung der Familien der afghanischen Opfer an, noch bevor es eine endgültige richterliche Bewertung der Taten gibt.

Unverzichtbar!

»Mit ihrer umfangreichen Berichterstattung in der Rubrik Betrieb und Gewerkschaft ist die junge Welt bei meiner Tätigkeit in einer betrieblichen Tarifkommission unverzichtbar – sie motiviert und stärkt in der Argumentation!« Claudia K., Angestellte in einem IT-Unternehmen

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung im Netz ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme – gedruckt und online!

Ähnliche:

»Gemeinsam statt alleinsam«: 3 Monate lang junge Welt im Aktionsabo lesen – für 62 €!