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Aus: Ausgabe vom 20.11.2020, Seite 16 / Sport
Tennis

Gespielt ­werden muss ­trotzdem noch

Fast schon virtuelles Tennis: Dominic Thiem und Daniil Medwedew sind bei den ATP-Finals in London zuerst ins Semifinale eingezogen
Von Peer Schmitt
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Erster! Dominic Thiem im Spiel gegen Rafael Nadal

Nicht einmal die knapp 200 Meter zwischen Hotel und Austragungsort dürfen die Spieler der diesjährigen ATP-Finals unbewacht zu Fuß absolvieren. So streng sind die Quarantänebestimmungen. Der Begriff des Hausarrests macht längst auch im gesitteten Profisport die Runde. Verwundert und betrübt zeigte sich darüber etwa Rafael Nadal, seit diesem Jahr ja weise lakonischer Melancholiker. Sportlich lieferte der Spanier in seinem zweiten Gruppenspiel gegen den Vorjahresfinalisten Dominic Thiem mit neu gefundener Angriffslust – Netzattacken gleich dutzendweise – eines der besten Matches dieses Quarantänejahres ab. Es ging für ihn denkbar knapp – 6:7 (7:9), 6:7 (4:7) – verloren.

Thiem, der schon sein Auftaktmatch gegen Stefanos Tsitsipas gewonnen hatte – eine Neuauflage des letztjährigen Endspiels –, zog so als erster ins Semifinale am Sonnabend ein.

Applaus aus der Dose

Der Titel der ATP-Finals ist einer der wenigen, die in Nadals Sammlung noch fehlen. Eine signifikante Lücke. Von den ganz großen Spielern der Open Era weist diesen Makel außer ihm nur Mats Wilander auf (für die großen Australier Rod Laver und John Newcombe kam die Erfindung des Turnierformats zu spät). Das letzte Mal stand Nadal 2013 im Finale und war chancenlos gegen Novak Djokovic.

Quarantäne hin oder her, die ATP hätte es sich in diesem Jahr wohl nur von einer Katastrophe nehmen lassen, das Jahresendturnier der besten acht der Weltrangliste durchzuführen. Schließlich ist es die 50. Ausgabe. Zum ersten Mal wurde es 1970 in Tokio ausgetragen, damals im Gruppenmodus mit sechs Teilnehmern ohne echtes Endspiel. Der Sieger hieß Stan Smith (der bereits 34jährige Rod Laver wurde bei seiner einzigen Teilnahme Zweiter).

Turnierformat und Austragungsort wechselten seitdem immer mal wieder. Seine legendäre Phase hatte das Tunier von 1977 bis 1989 im Madison Square Garden in New York. Danach fand es als ATP-»Weltmeisterschaft« zunächst in Frankfurt am Main, dann in Hannover statt. Seit 2009 ist London Austragungsort der nunmehr »ATP Finals« getauften Veranstaltung.

Das Modell für die Quarantäneausgabe waren wohl die diesjährigen US Open: Abschirmung im Hotel, keine Zuschauer vor Ort, Applaus und Popmusik aus der Dose, automatisierte Linienrichterentscheidungen, die potentiellen Gegner und Trainerstäbe auf der VIP-Tribüne, Lichteffekte für die TV-Bilddramaturgie. Ein beinahe virtualisiertes Tennis für die nähere Zukunft. Von mehr oder minder anfälligen Körpern unter real vorgegebenen Bedingungen gespielt werden muss es trotzdem noch. Und ein eher langsamer Hallenbelag mit eher flachem Ballabsprung ist beinahe uneinnehmbares Djokovic-Territorium. Viermal in Folge triumphierte der Serbe von 2012 bis 2015 in London, bevor er im Finale 2016 von Andy Murray in dessen bisher bester Saison gestoppt wurde.

Alles oder nichts

In seinem zweiten Gruppenspiel am Mittwoch gegen Daniil Medwedew wurde der Weltranglistenerste Djokovic allerdings förmlich demontiert. Der Russe war mit dem Selbstbewusstsein eines Turniersiegers nach London gekommen. Vor zwei Wochen hatte er beim Masters 1000 in Paris das Finale gegen Alexander Zverev gewonnen. Das erneute Aufeinandertreffen der beiden im ersten Gruppenspiel bereitete Medwedew sogar noch weniger Probleme.

Große Probleme hatte Djokovic am Mittwoch damit, den Aufschlag von Medwedew überhaupt nur zu returnieren. Auf seinen ersten Breakball musste der Serbe bis zum Beginn des zweiten Satzes warten. Da stand es aus seiner Sicht bereits 3:6, 0:2. Medwedew hatte sieben Spiele in Folge gewonnen. Selbst in langen Grundlinienduellen war der Russe meist überlegen. Djokovic bemühte sich um Rhythmuswechsel und Variationen, schlug manchen Rückhand-Slice, ging häufiger ans Netz, streute Stoppbälle ein. Auch bei seiner ersten Breakchance spielte er einen Stoppball. Medwedew erkannte ihn früh, erlief ihn mühelos und konterte mit einer trockenen Vorhand cross court. Nach dem so abgewehrten Breakball schlug er zur Entspannung erst mal zwei Asse in Folge zur 3:0-Führung. Das Match war praktisch gelaufen.

Djokovic versuchte danach zwar vor allem auf seiner Vorhandseite das Tempo zu erhöhen, noch näher an der Grundlinie zu stehen, aber das Hochrisikospiel ist seine Sache nicht. Er beging quasi zwangsläufig für ihn untypisch viele Fehler. Medwedew gewann in Offensive wie Defensive überlegen und ungefährdet 6:3, 6:3 und ist für das Halbfinale qualifiziert. Für Djokovic kommt es am heutigen Freitag zu einer Alles-oder-nichts-Begegnung mit Zverev. Der Sieger steht im Halbfinale. Es ist eine Revanche für das Finale von 2018. Damals gewann überraschend Zverev.

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