Die jW-Serie »Wohnen im Haifischbecken«
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Aus: Ausgabe vom 20.11.2020, Seite 15 / Feminismus
Geschlechterrollen

Gedanken zum Männertag

Aktive aus jungen Bewegungen äußern sich zu Empowerment, progressiven Lebensmodellen und notwendigem Abbau männlicher Machtpositionen
Von Gitta Düperthal
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Männliche Unterstützer wollten Kuchen backen: Protest gegen radikale Abtreibungsgegner in Berlin (Archivbild)

Am Donnerstag, dem 19. November, war internationaler Männertag. Dieser Feiertag, 1999 in Trinidad und Tobago eingeführt und von den Vereinten Nationen unterstützt, soll beispielsweise sozial engagierte Männer würdigen und die Gleichstellung der Geschlechter fördern. Angesichts der toxischen Männlichkeit autokratischer Staatspräsidenten wie Donald Trump in den USA, Recep Tayyip Erdogan in der Türkei und Jair Bolsonaro in Brasilien oder auch des Einflusses äußerst rechter Parteien und Strömungen wie der AfD und der »Identitären« hierzulande könnte man sich allerdings fragen, ob es an einem solchen Tag überhaupt etwas zu feiern gibt. Dazu befragte junge Welt in den letzten Tagen Aktive aus progressiven, jungen sozialen und linken Bewegungen, die sich für einen gesellschaftlichen Wandel und reale Gleichstellung von Frauen und Männern einsetzen.

Lili Kramer vom queerfeministischen Bündnis »What the fuck« (WTF) hält den Männertag für »eine überflüssige Erfindung mit einer problematischen Message«. Der Name suggeriere eine »Analogie zum Frauentag« oder »wie wir sagen, zum queerfeministischen Kampftag«. Bei letzterem drehe sich alles um Empowerment zu politischen Kämpfen für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung. Cismänner – also Männer, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das in ihrer Geburtsurkunde steht –, bräuchten aber keine Ermutigung, so Kramer. Macht beziehungsweise Privilegien besäßen sie bereits. Es stelle sich nicht die Frage, ob »Typen noch irgendeine Ermutigung brauchen, um Macht abzugeben«, sondern ob sie das überhaupt wollten, so die Sprecherin von WTF. Jetzt müsse Schluss mit der Fokussierung darauf sein, was Männer alles tun könnten. Statt dessen müssten sich »Flints« – also Frauen, Lesben, Inter- und Transsexuelle – besser organisieren und miteinander vernetzen.

Als Unterstützer dabei sind Männer bei WTF nicht wirklich begehrt: Als eine Männergruppe etwa die Proteste gegen den »Marsch für das Leben« unterstützen wollte, habe sie letztlich Aufmerksamkeit und Energien abgezogen, so Kramer. Statt tatkräftiger Hilfe habe es langwierige Debatten darüber gegeben, ob sie statt – wie vom Bündnis gebeten – Plakate zu kleben nicht lieber Kuchen backen könnten, welcher allerdings nicht benötigt wurde.

WTF sieht diverse Gründe, die bürgerliche Kleinfamilie als Lebensmodell abzulehnen. Letztere breite oftmals den Mantel des Schweigens über Gewaltverhältnisse und bewirke mitunter Entsolidarisierung oder Abwertung von Freundschaften. Fazit: WTF ist nicht der Meinung, dass traditionelle Familienmodelle und mit ihnen Heteromänner gefeiert werden müssten.

Rubin Kettner, ATTAC-Aktivist und Beteiligter der Proteste gegen die Abholzung im Dannenröder Wald, sieht das Geschlecht (Gender) ohnehin als »soziale Konstruktion« an – männliche Rollenmuster gelte es dabei zu überwinden. Es könne nicht mehr darum gehen, ob ein Mann glaube zu wissen, was Frauen wünschen, sondern diesen zuzuhören, um ihre tatsächlichen Wünsche zu erfahren und sein Verhalten dem anzupassen, so Kettner. Das bedeute manchmal auch »einfach die Fresse zu halten«. Auf gesellschaftlicher Ebene sei es wichtig, der überwiegend von Frauen geleisteten »Care-Arbeit« größere Wertschätzung zukommen zu lassen. Männer hingegen sollten ihre Machtpositionen im sozialen und familiären Umfeld reflektieren und aktiv abbauen. Gerade Waldbesetzerinnen und Waldbesetzer versuchten, eine Alternative ohne Hierarchien zu leben. Sie achteten darauf, die Care-Arbeit gerechter zu verteilen und der typischen Rollenverteilung unabhängig vom sozialen Geschlecht entgegenzuwirken.

Felix Konrad, Sprecher des selbstverwalteten Jugend- und Kulturzentrums »Projekt 31« in Nürnberg, unterstrich im Gespräch mit jW, dass die Coronapandemie aufgezeigt habe, wie relevant einerseits die Care-Arbeit für die Gesellschaft sei, dass diese aber nicht mehr als ein bisschen Anerkennung und Beifallklatschen dafür übrig habe. Durch schlechte oder gar keine Bezahlung und nur geringfügige gesellschaftliche Anerkennung werde diese Arbeit quasi unsichtbar gemacht, worunter vor allem Frauen litten. Als Cismann könne man dem entgegenwirken, indem man sich bisher Frauen zugeordnete Eigenschaften wie Empathie und Fürsorge selbst aneigne. Aus seiner Sicht ist es cool, zu putzen, anderen aktiv zuzuhören und sich gegenseitig emotional zu unterstützen. Feminismus in die Tat umzusetzen sei nicht immer ganz einfach – teils bleibe es auch in linken Kreisen bei Lippenbekenntnissen. Für eine bessere Welt führe jedoch nichts daran vorbei, sich kritisch mit der eigenen Männlichkeit auseinanderzusetzen.

In der kurdischen Frauenbewegung gebe es Konzepte und Beziehungsmodelle für »özgür es yasam« (das freie Zusammenleben), welches in erster Linie auf einem radikalen Mentalitätswandel aller Beteiligten beruhe, sagt Helin Dirik vom Amara-Frauenrat. Diese basierten nicht nur auf Ideen des inhaftierten Philosophen und Mitbegründers der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Abdullah Öcalan, sondern auch auf Diskussionen, die seit Jahren bei Konferenzen, Kongressen etc. geführt werden, sowohl in Kurdistan als auch in der Diaspora. Es sei davon auszugehen, dass »unsere Mentalitäten seit Jahrhunderten tief vom Kapitalismus und ­Patriarchat geprägt wurden«. Weil Ausbeutung, Gewalt, Macht und Ausgrenzung in diesen Systemen permanent auf der Tagesordnung stünden, seien »gesunde und freie Beziehungen« nur schwer zu realisieren. Wichtig sei, sich von den Einflüssen dieser Systeme zu befreien und die patriarchale Ordnung zu zerschlagen.

Wenn Frauen an allen Fronten und auf allen Ebenen präsent seien, stünden die Chancen für einen radikalen Wandel gut, sagte Dirik. Was allerdings nicht bedeute, dass deshalb »alle Männer über Nacht zum Feministen« würden. Kämpfe von Frauen träfen oft auf Ablehnung oder würden »in scheinbar harmlosen und scherzhaften Aussagen kleingemacht«. Dirik sieht als positives Beispiel die Revolution in Nordsyrien, welche ohne die autonomen Strukturen von Frauen nicht möglich gewesen wäre. Ein solcher Widerstand werde auch am konservativsten Mann nicht vorbeigehen, meinte die Sprecherin des Amara-Frauenrats.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Jürgen Harms: Bösartiges Zeugs Wenn ich Frau Düperthals »Gedanken zum Männertag« in der Freitagausgabe vom 20. November lese, dann wird mir einmal mehr klar, warum ich auch als Linker kein Feminist sein will. Denn wo sonst als unte...
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