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Aus: Ausgabe vom 20.11.2020, Seite 8 / Ansichten

Korpsgeist und Kapital

Von Jörg Kronauer
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Da steckt doch mehr dahinter: Skandalkonzern Wirecard im Netz der Geheimdienste

In dunklen Andeutungen hatten sich die Ermittler der Münchner Staatsanwaltschaft schon vor der Zeugenbefragung im Wirecard-Untersuchungsausschuss am Donnerstag ergangen. Nein, ihr Kronzeuge Oliver Bellenhaus dürfe auf keinen Fall vor dem Ausschuss auftreten, hatten sie vorab erklärt: Der flüchtige Ex-Wirecard-Manager Jan Marsalek verfüge über »sehr gute Geheimdienstkontakte in mehrere Länder«. Wenn der Kronzeuge sich jetzt auf den Weg aus der U-Haft nach Berlin mache, um dort im großen Stil auszupacken, dann könne »die Möglichkeit eines Eingreifens von dritter Seite nicht unterschätzt werden«. Sollte das heißen, die deutschen Behörden seien möglicherweise nicht in der Lage, einen Untersuchungshäftling sicher von A nach B zu transportieren, weil ihm Geheimagenten irgendwelcher finsteren Mächte nach dem Leben trachteten? Das klang dubios. Allerdings hat die Gruselstory einen wahren Kern.

Die Geheimdienstbeziehungen des einstigen Dax-Konzerns sind einer der heikelsten Aspekte des Wirecard-Skandals. Dass Marsalek vom österreichischen Verfassungsschutz als V-Mann geführt wurde, dafür habe man »Anhaltspunkte«, bestätigte kürzlich die Bundesregierung. Die Behauptung des Kronzeugen, Marsalek habe über belastbare Kontakte zum Geheimdienst der Philippinen verfügt, lässt sich durch Indizien erhärten. Sollte Marsalek tatsächlich nach Russland geflohen sein, lägen Beziehungen zu den dortigen Spionagebehörden nicht fern. Dass er eng mit einem ehemaligen Geheimdienstchef Libyens kooperierte, der für Wirecard in London Spitzeltätigkeiten organisierte, ist belegt.

Viel spricht dafür, dass all dies nur die Spitze des Eisbergs ist. Die Finanztransfers, die Wirecard abwickelte, bedienten zu einem größeren Teil dubiose, teils mafiöse Milieus – eine wahre Fundgrube für Spione. Der BND hat eingeräumt, für Zahlungen im Wert von mindestens 22.000 Euro selbst Dienste von Wirecard in Anspruch genommen zu haben. Klaus-Dieter Fritsche, lange Jahre im Kanzleramt mit der Koordination der deutschen Dienste befasst, betätigte sich vor gut einem Jahr als Lobbyist für Wirecard. All das tut man kaum, wenn man den Laden, mit dem man kooperiert und den man fördert, nicht gut kennt. Dessen Führung wiederum war, wie die Ermittlungen bestätigen, eine korrupte Männerriege, von »militärisch-kameradschaftlichem Korpsgeist und Treueschwüren untereinander« geprägt. Wenn Marsalek in der Londoner City mit Geheimdienstkontakten prahlte – wie sah’s dann erst in der Wirecard-Führungsspitze aus?

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