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Aus: Ausgabe vom 19.11.2020, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Krieg und Frieden

Zu jW vom 7./8.11.: »Klare Sache und damit hopp!«

Gerhard Henschels Lob für Andreas Noltes Buch »Man muss auf seiner Sprache spielen wie auf einem Instrument« hat mir sehr gut gefallen. Und dennoch enthält seine Würdigung einen kleinen Schönheitsfehler, der mich gewurmt hat. Allerdings weiß ich nicht, ob der Autor selbst ihn zu verantworten hat oder ob das in der Redaktion »verbrochen« wurde. Die Headline lautet: »Klare Sache und damit hopp!« Genau diesen Satz hat Leo Tolstoi in seinem »Krieg und Frieden« einer wunderbaren, liebenswerten, originellen Person in den Mund gelegt, die diesen bei einer Fuchs- und Hasenjagd mehrfach gesprochen hat, ob es passte oder nicht. In einer inzwischen alten, aber nach wie vor wunderbaren Übersetzung von Marianne Kegel lautet der Satz des Onkels, so wird er genannt: »Klare Sache und damit hopp.« In der neuen Übersetzung von Barbara Conrad heißt es nur: »Klare Sache hopp.« Vielleicht hat Walter Kempowski die Quelle sogar genannt. Aber als alter Tolstoi-Verehrer habe ich sie hier vermisst.

Hans Schoenefeldt, per E-Mail

Inhalte zählen

Zu jW vom 14./15.11.: »Remo H. Largo ist tot«

Ergänzend zu der kurzen Notiz zum Ableben von Remo Largo verweise ich auf einen Gastkommentar, den dieser 2009 in der GEW-Zeitschrift Erziehung und Wissenschaft unter dem Titel »Das Kind als Erfolgsprojekt« veröffentlicht hat. Darin schildert er, wie immer mehr Eltern unter dem Druck der durch globalisierte Dienstleistungsgesellschaften geschaffenen Verhältnisse ihre Kinder zu dem machen, was der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Frank-Olaf Radtke sinngemäß so formuliert hat: »Wir haben es zunehmend mit einer Erziehung zu tun, die die Menschen zu nutzenmaximierenden Marktsubjekten machen will, als die sie von der Humankapitaltheorie gedacht werden.« Wäre es nicht an der Zeit, sich in Sachen »Bildung« intensiver um Inhalte zu bemühen, darüber den Diskurs zu führen, statt sich überwiegend mit der sozialen und finanziellen Seite des Problems, die ich in ihrer Bedeutung nicht unterschätzen möchte, zu beschäftigen? Dies gilt sowohl für eine sich so titulierende »Bildungsgewerkschaft« als auch für die junge Welt. All dieses geschähe durchaus im Einklang mit und ganz im Sinne von Karl Marx: »Wenn der Mensch von den Umständen gebildet wird, so muss man die Umstände menschlich bilden.«

Hans-Joachim Müller, Bad Zwischenahn

Rechte bevorzugt

Zu jW vom 14./15.11.: »›Das scheint niemanden mehr abzuschrecken‹«

Keinem »Normalbürger« kann es einleuchten, dass angesichts strikter behördlicher Maßnahmen gegen die Pandemie wie zum Beispiel Hotel- und Gaststättenschließungen mit schwerwiegenden finanziellen Konsequenzen für die Betroffenen gleichzeitig Menschenmassen ohne Maske und vorgeschriebenen Abstand in großen Städten demonstrieren dürfen. War es anfangs nur eine »augenscheinlich bunte und friedliche Menge sogenannter Querdenker«, die gegen Einschränkungen von Grundrechten demonstrierte, teilweise auch Coronaleugner und Vertreter von Verschwörungstheorien, so gehören zahlreiche Demonstrationsteilnehmer inzwischen rechten bzw. faschistischen Gruppen und Gruppierungen an (…). Wie konnte das geschehen? (…) Linke Gegendemonstrationen unterliegen stets genauer Beobachtung durch die Polizei. Ist angesichts solcher Geschehnisse der Gedanke abwegig, dass man rechte bzw. faschistische Demonstranten so lange gewähren lässt, bis sie die Mehrheit bilden, so dass legal für Grundrechte und gegen Kapitalismus Demonstrierende aus Furcht vor »Unterwanderung« davon Abstand nehmen, sich für Großdemonstrationen etwa gegen Faschismus und Krieg zu engagieren? Hier ist dringend Klarstellung und Rechtssicherheit durch die verantwortlichen Behörden geboten.

Eva Ruppert, Bad Homburg

Über Leichen

Zu jW vom 14./15.11.: »Brauseriese dreht Hahn ab« und »Volkswagen setzt auf SUV in Wolfsburg«

(…) Lohnabhängige schlucken so manche Kröte, was häufig den Arbeitsplatzverlust nur verzögert und obendrein der Gesellschaft schadet. Extrem ist das natürlich in der Rüstungsindustrie. Jeder weiß, dass da schädliche Dinge produziert werden. Arbeitsplätze haben auch hier Priorität, statt dafür zu sorgen, dass diese perversen Erzeugnisse durch menschen- und umweltfreundliche Produkte ersetzt werden. Ethische Aspekte spielen keine Rolle. Auch Umweltschäden werden billigend in Kauf genommen, wie etwa bei dem Vorhaben von VW, das in dem Artikel »Volkswagen setzt auf SUV in Wolfsburg« geschildert wird. Da werden Milliarden für die monströsen SUV-Autos investiert. Dabei sollte inzwischen jedem klar sein, dass der Individualverkehr zugunsten der Umwelt reduziert werden müsste. Ein weiteres Beispiel für kurzfristige, egozentrische Entscheidungen ist der Bericht »Brauseriese dreht Hahn ab«. Einen so unkritischen Artikel in dieser Zeitung zu finden ist befremdlich. (…) Der Autor zitiert einen linken Politiker mit den folgenden Worten: »Dass ein profitables Unternehmen wie Coca-Cola rund 260 Arbeitsplätze … streichen will, … ist skandalös.« Skandalös ist meines Erachtens, dass eine Firma ein so schädliches Produkt auf den Markt bringen darf, und das in unglaublichen Mengen. Es ist bekannt, dass Coca-Cola-Getränke gesundheitsschädlich sind und die Produktion die Umwelt belastet. Der hohe Zuckeranteil führt zu Fettleibigkeit und Diabetes, zerstört Knochen und Zähne. Die Zusatzstoffe sind krebserregend. (…) In bezug auf Plastikmüll ist Coca-Cola der größte Umweltverschmutzer, außerdem wird das Grundwasser verschmutzt und der Grundwasserspiegel gesenkt. In Indien können mancherorts Dörfer wegen der vorgenannten Schäden nicht mehr existieren. In Kolumbien sollen sogar Morde auf das Konto von Coca-Cola gehen. All diese negativen Begleiterscheinungen sind den Arbeitern entweder nicht bekannt oder gleichgültig. Hauptsache, ihre Arbeitsplätze bleiben erhalten.

Irene Wagner, Berlin

Ist der Gedanke abwegig, dass man Rechte so lange gewähren lässt, bis legal gegen Kapitalismus Demonstrierende aus Furcht vor ›Unterwanderung‹ davon Abstand nehmen?

Unverzichtbar!

»Die junge Welt ist die Zeitung gegen Krieg, die schreibt, was andere weglassen. Nur durch Information ist Veränderung möglich, deswegen ist sie für uns unverzichtbar.«  – Rose-E. Wachata und Sonja Riedel für die jW-Leserinitiative Chemnitz/Erzgebirge

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

Auftakt der jW-Mietenserie: Heute Teil 1 – »Wohnen als Goldgrube. Die Inwertsetzung einer Mietnation«!