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Aus: Ausgabe vom 19.11.2020, Seite 11 / Feuilleton
Anna Seghers 120

»Ihr Antifaschismus war fundamental«

Über seine Großmutter Anna Seghers. Gespräch mit Jean Radvanyi
Von Hansgeorg Hermann
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»Der Wiederaufbau der Kultur hatte enorme Bedeutung.« Anna Seghers liest (21.9.1962)

Ihre Großmutter Anna Seghers kehrte 1947 aus dem Exil in Mexiko nach Deutschland zurück und lebte zunächst im US-amerikanischen Sektor Berlins. Sie selbst wurden 1949 in Paris geboren und sind dort aufgewachsen. Wie oft haben Sie Ihre für damalige Verhältnisse sehr weit entfernt lebende Großmutter gesehen?

Meine Eltern und ich sind jedes Jahr zwei-, dreimal nach Berlin gefahren. Und auch Anna Seghers ist gereist – sie kam nach Paris, sie liebte Paris. Mein Vater Pierre Radvanyi war schon 1945 aus Mexiko nach Europa zurückgekommen. Er hatte sein Abitur in Mexiko gemacht und bekam in Frankreich ein Stipendium für sein Physikstudium. Erst ab 1954/55 konnte meine Großmutter nicht mehr kommen – Frankreich verweigerte ihr im beginnenden Kalten Krieg das Visum.

Wurde in Ihrer Familie darüber gesprochen, warum Anna Seghers 1950 in den Ostteil der Stadt umzog?

Zunächst einmal wollte sie, als sie Mexiko verließ, unbedingt nach Deutschland zurück. Deutsch war ihre Sprache, sie war Schriftstellerin, und ihre Leser lebten hauptsächlich in diesem Land. Im Südwesten Berlins hatte sie vor dem Krieg gewohnt, in diese Gegend der Stadt wollte sie zurück. Ausschlaggebend für den Umzug in den Osten waren die in den beiden Teilen Deutschlands sehr unterschiedlichen Auffassungen von Erinnerung und Beurteilung des Hitlerfaschismus. Meine Großmutter stand der in der DDR gepflegten Interpretation der Nazizeit natürlich sehr viel näher als der im Westen, wo die Nazifunktionäre in Nullkommanichts wieder auf ihren alten Posten saßen. Ihr Antifaschismus war fundamental.

Dem entspricht eine Bemerkung, die sie in einem 2008 im Aufbau-Verlag veröffentlichten Brief zu den Attentätern um Claus Schenk Graf von Stauffenberg machte: »Die Verschwörung vom 20. Juli, die wir heute noch feiern, als habe sie unsere Seele, die Seele der Deutschen berührt, sie war isoliert vom Volk. Weil das Komplott sich, wenn es gelungen wäre, gar nicht auf das Volk hätte stützen wollen.« Der in der BRD gefeierte Widerstand war der von »anständigen« Führern der Wehrmacht.

Das war sicher ein Punkt, der zu ihrer Entscheidung für die DDR beigetragen hat. Was wir später allerdings viel heftiger kritisiert haben am Westen, an der BRD, waren die Berufsverbote der siebziger Jahre. Ich war damals Student, und für mich und meine Großmutter waren der sogenannte Radikalenerlass in der BRD, die Kommunistenhetze, absolut vorrangig. Die Verehrung Stauffenbergs schien uns jungen Franzosen weniger interessant.

Spiegel-Mitarbeiter Volker Weidermann hat zum 120. Geburtstag von Anna Seghers ein schmales Buch über ihre Jahre im mexikanischen Exil vorgelegt, »Brennendes Licht«. Seine Rechercheergebnisse hat er in einem Artikel im Heft vom 7. November zusammengefasst, der in der Onlineausgabe des Magazins überschrieben war mit: »Sie wusste um ihre eigenen Lügen«. Das beschreibt recht gut Seghers’ Reputation im Westen: eine Schriftstellerin von Weltgeltung, leider Kommunistin, daher ohne besonderen Wert für die Geschichtsschreibung westlichen Zuschnitts. Haben Sie Weidermanns Buch schon gelesen?

Nein, ich weiß nur, dass es da ist, genau wie das Buch »Im Schutz von Adler und Schlange« zum selben Thema. Das hat Monika Melchert verfasst, die immerhin lange die Seghers-Archive verwaltete. Was diese sogenannten Lügen angeht: Wie wollen wir heute diese Generation beurteilen, die fest zur politischen Linken stand und sich nicht vorstellen konnte, diese Seite jemals zu verlassen oder gar zu wechseln? Meine Großmutter war ja nicht alleine im Osten Berlins – viele andere waren zurückgekommen, Bertolt Brecht zum Beispiel. Oder russische und deutsche Dirigenten. Der Wiederaufbau der Kultur hatte enorme Bedeutung, von Theatern und Opern bis zu Literatur und Musik. Selbstverständlich wussten diese Künstler um Fehler und Irrtümer im System. Sie haben sich keine Illusionen gemacht, aber das als »Lüge« zu bezeichnen, ist falsch. Es ist für manchen heute sicher schwierig, ihr Denken und Handeln völlig zu begreifen.

Jean Radvanyi, 71 Jahre alt, lebt in Paris. Er ist emeritierter Professor für russische Geographie und war von 2008 bis 2012 Direktor des Französisch-Russischen Zentrums für Geistes- und Sozialwissenschaften in Moskau

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