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Aus: Ausgabe vom 19.11.2020, Seite 8 / Ansichten

Flinten-Katrin des Tages: Göring-Eckardt

Von Sebastian Carlens
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Wahre Erben des preußischen Kulturimperialismus: Die Grünen. Frontfrau Katrin Göring-Eckardt am 2. September 2020 in Berlin

In einem knappen Jahr ist Bundestagswahl. Für die Grünen, die nur das Ziel haben, in die – beziehungsweise in irgendeine – Regierung zu kommen, ist das ein Spagat, denn noch steht nicht einmal fest, wer für die Unionsparteien ins Rennen geht. Es kann durchaus sein, dass Friedrich Merz neuer Kanzler wird. Der Mann pflegt ein Familienbild wie in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts, er äußert sich herablassend gegenüber Minderheiten und verpestet mit seinem Privatflugzeug die Atmosphäre, um seinen Hedgefondsverbrechen nachzugehen. Kurzum, ein empathieloser Geldsack, ein ganz mieser Schnösel. Für die Grünen wäre wenigstens diese Personalie ein No-Go, oder?

Blöde Frage, natürlich nicht: Denn nicht anders als ein Bewerbungsschreiben an die chauvinistischsten und am meisten aggressiven Teile des deutschen Kapitals liest sich ein Interview der Grünen-Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt, das am Mittwoch die Rheinische Post veröffentlicht hat. Sie nutzt die Gelegenheit, mit einigen Missverständnissen aufzuräumen. Zuvorderst: Ihre Partei, die Grünen, war »noch nie eine pazifistische Partei«. Und mit der Bundeswehr kann es – auch gegen das Völkerrecht – überall hingehen, denn »wir haben die Erfahrung gemacht, dass ein Mandat der Vereinten Nationen blockiert werden kann«. Das Motto auf ihrer Webseite: »Die Zeiten ändern sich. Gehen wir mutig voran.«

Vielleicht ist es aber so, dass sich auch Herr Merz eine Scheibe vom bellizistischen Elan der Grünkernkrieger abschneiden kann. So trieb sich Göring-Eckardt vor einem Jahr in Hongkong herum, um sich dort in die chinesische Innenpolitik einzumischen. Sie wolle »Menschen, die für ihre Freiheit kämpfen, unterstützen«. Was glauben Sie, liebe Leserin, verehrter Leser: Wäre diese Frau, wäre ihre Partei bereit, in einen neuen Kolonialkrieg um die chinesische Stadt zu ziehen?

Einmal dürfen Sie raten.

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Debatte

  • Beitrag von Christel H. aus A. (19. November 2020 um 09:32 Uhr)
    Die arme Petra Kelly wird wohl jetzt in ihrem Grab rotieren.
  • Beitrag von Roland W. aus A. (19. November 2020 um 19:44 Uhr)
    Spätestens seit Joschkas »Nie wieder Auschwitz« sollten grüne politische Wendungen uns nicht sehr überraschen. Ihre Stricknadeln haben unsere Grünen in den Gründungsländern längst beiseitegelegt und Gefallen an Wirkungsvollerem gefunden. Die Friedensmasken sind längst gefallen, jeder Kriegseinsatz, militärische »Befreiungen« über Jahrzehnte mit allen Folgen, Opfern bis Flucht und Vertreibung, sind ihnen Friedenskampf. Neu-Grüne aus dem Osten haben nicht sehr lange gebraucht, das zu lernen, sich nicht mehr zwanghaft grün zu tarnen. Es bedurfte dazu nicht mehr der klärenden Worte von Göring-Eckardt. Getrieben von krankhaftem Antikommunismus, ist von Grünen dieser christlichen Prägung noch einiges zu erwarten. Nur keine Friedenspolitik. Wie eine Koalition mit solchen Politikerinnen aussehen soll, das wäre interessant zu wissen. Was haben alle diese Freiheits-, Friedens-, Rechtsstaats- und Menschenrechtshelden wie Göring-Eckardt eigentlich wirklich 1989 als Ziel gehabt? Das, was sie von sich gegeben haben, ganz sicher nicht. Was sie ihren Wählern erzählt haben, auch nicht. Und wo sind sie heute allesamt, wenn viele Tausende wie sie einst selbst nach Freiheit, Demokratie und Recht rufen? Sie könnten es doch am besten erklären, von Gauck bis Göring-Eckardt.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Herbert Gerusch: Allzeit christlich kriegsbereit In diesem Zusammenhang: Nicht zu vergessen sind auch die früheren Aktivitäten der »frommen« Göring-Eckardt in der evangelischen Amtskirche, zu der sie auch heute noch enge Verbindungen pflegt. In die...

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