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Aus: Ausgabe vom 19.11.2020, Seite 5 / Inland
Stabiles Netze und Profit

Verdi für stabile Renditen

Gewerkschaft: Sinken der Netzentgelte könnte bis zu 100.000 Arbeitsplätze kosten und Energiewende behindern
Von Bernd Müller
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Energiewende: Strombetreiber befürchten Verlust von Milliardensummen

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) und die Betriebsräte von 40 Energieversorgern und Stadtwerken sorgen sich um die Energiewende. In einem Brief an Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und den Präsidenten der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, setzen sie sich dafür ein, dass die »Renditen« der Versorgungsnetze nicht geschmälert werden.

Sollte der von der Bundesnetzagentur festgelegte Eigenkapitalzins in dem Maße abgesenkt werden, wie angekündigt wurde, dann sei nicht nur die Energiewende in Gefahr – es drohe ein Verlust von Arbeitsplätzen: Die Rede ist von mehr als 100.000 Beschäftigten bei den Strom- und Gasnetzbetreibern.

Der Eigenkapitalzins geht in die Netzentgelte ein, die von den Verbrauchern über ihre Strom- und Gasrechnungen bezahlt werden müssen. Diese Entgelte machen inzwischen ein gutes Fünftel der Strompreise für Haushaltskunden aus. Der Zinssatz wird jeweils für die Dauer von fünf Jahren festgelegt, und er besteht aus zwei Komponenten: einem auf gesetzlicher Grundlage festgelegten Basiszins und einem Wagniszuschlag. Es lasse sich schon jetzt ein Absinken des Basiszinses prognostizieren, teilte die Bundesnetzagentur auf Anfrage des Handelsblattes (Dienstagausgabe) mit. Zu dessen Höhe wolle man sich noch nicht äußern.

In der Bundesrepublik gibt es rund 900 Strom- und etwa 700 Gasnetzbetreiber, und sie fürchten den Verlust von Milliardensummen. Besonders für die Großen in der Branche bedeutet das Absenken des Eigenkapitalzinses einen Schlag ins Kontor: Deutschlands größter Energiekonzern Eon betreibt seit der Übernahme von Innogy Stromleitungen mit einer Länge von 351.000 Kilometern und ein Gasnetz mit 52.000 Kilometern. Der Gewinn aus dem Netzgeschäft beträgt 1,6 Milliarden Euro und trägt gut ein Drittel zum Profit des gesamten Konzerns bei.

Die Betriebsräte befürchten nun, dass die Netzbetreiber einerseits in Zukunft weniger investieren, andererseits gehen sie davon aus, dass der größer werdende wirtschaftliche Druck zu Lasten der Beschäftigten gehen wird. »Wir fürchten, dass die Unternehmen, wenn sie sparen müssen, zuerst am Personal sparen«, sagte Christoph Schmitz, Bundesvorstand von Verdi, laut Handelsblatt. Weil die Unternehmen trotz geringerer Einnahmen bestimmte Investitionen tätigen müssten, würden sie im Zweifel eher bei den Beschäftigten sparen.

Die sogenannte Energiewende stellt die Betreiber von Strom- und Gasleitungen vor erhebliche Herausforderungen. Die Stromnetze müssen das Ausscheiden von Atom- und Kohlekraftwerken verkraften, gleichzeitig erfordert die dezentrale Einspeisung durch Wind- und Solaranlagen eine intelligente (hochkomplizierte) Steuerung der Netze. Auch die Elektromobilität muss mit eingebunden werden. Die Gasnetze werden inzwischen fit gemacht für das Beimischen von Wasserstoff. Alles zusammen treibt die Digitalisierung der Netze weiter voran.

Damit dies gelinge und die notwendigen Investitionen getätigt werden könnten, müsse der Eigenkapitalzins mindestens auf dem bisherigen Niveau bleiben, erklärte Schmitz. Statt weniger brauche man für die Energiewende mehr Personal – »vor allem hochqualifizierte und hochkompetente Mitarbeiter«.

Am Montag hatte die Bundesnetzagentur einen weiteren Schritt in Richtung Digitalisierung der Stromnetze ermöglicht und entschieden, der Energiewirtschaft die umkämpfte 450-Megahertz-Funkfrequenz zu überlassen. Mit deren Hilfe können beispielsweise »intelligente«, also KI-gesteuerte Stromzähler betrieben werden. Bis Mitte Dezember läuft das Ausschreibungsverfahren, und der Gewinner muss rund 130 Millionen Euro dafür berappen. Eon hat dafür schon mit zahlreichen Stadtwerken und Regionalversorgern ein entsprechendes Konsortium gegründet.

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