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Aus: Ausgabe vom 17.11.2020, Seite 12 / Thema
Kritik der politischen Ökonomie

Die Tücken der Schwarmintelligenz

Entscheidungen eines einzelnen Kapitalisten mögen sinnvoll erscheinen und sich im ganzen als Schwachsinn erweisen. Über Emergenz als grundsätzliches Paradoxon kapitalistischer Wirtschaft
Von Klaus Müller
Nahaufnahme von Gänsefliegen in Formatio
Emergenz im Tierreich: Die V-Form eines Vogelschwarms resultiert nicht daraus, dass ein Vogel als Anführer ausgewählt wird, hinter dem sich die anderen Vögel einreihen. Vielmehr ergibt sich das Verhalten jedes Vogels aus dem Verhalten der ihm benachbarten Vögel.

Als begeisterter Junge wartete ich im ausverkauften Stadion auf die Ankunft der Friedensfahrer. Im Stadion gab es in den 1950er Jahren – außer auf der Tribüne – nur Stehplätze. Die Leute kamen früh, Stunden vor dem Ende der Etappe, um sich gute Plätze zu sichern. Viele setzten sich auf mitgebrachte Klappstühle, Kissen oder Decken, weil langes Stehen ermüdet. Kurz vor der Zielankunft erhoben sich die ersten, um besser sehen zu können, als die Radrennfahrer in die Stadioneinfahrt einbogen. Sie behinderten die Sicht der hinter ihnen Sitzenden, die nach vergeblichen Protesten schließlich auch aufstanden. Innerhalb weniger Minuten standen alle Zuschauer. Das Ergebnis war frappierend: Nachdem sich alle erhoben hatten, sah keiner besser, als er vorher im Sitzen gesehen hatte. Offenbar bleiben Handlungen, die dem einzelnen Vorteile bringen oder Nachteile ersparen, ergebnislos oder führen gar zu ungewollten Ergebnissen, wenn alle das gleiche tun. Tun alle, was aus der Sicht des einzelnen richtig ist, tritt kein Vorteil ein, weder für den einzelnen noch für die Gesamtheit. Die zwischenzeitlichen Vorteile schwinden, überwunden geglaubte Nachteile kehren zurück. Die missliche Lage ist ohne Eingriffe von außen irreversibel. Keiner will sich wieder setzen, denn der erste, der sich setzt, hat sofort einen Nachteil. Er sieht schlechter oder nichts mehr. Den ersten, der seine Handlungen korrigiert, wird es nicht geben. Erfolg hätte vielleicht eine zentrale Steuerung: Über den Stadionlautsprecher könnten etwa die Zuschauer aufgefordert werden, sich gleichzeitig wieder zu setzen.

Das Phänomen der Emergenz

Was ich als 12jähriger nicht wusste, war, dass man das Problem in den Wissenschaften Emergenz nennt, abgeleitet vom lateinischen Verb emergere, auftauchen oder hervortreten. Emergenz bedeutet, dass auf der Ebene des Ganzen eine Eigenschaft auftaucht, die keine seiner Teile aufweist. Die Emergenz betrifft das Verhältnis der Ebenen eines hierarchischen Systems, zum Beispiel zwischen einzelnen und allen Zuschauern, zwischen den Teilen und dem Ganzem, zwischen der Mikro- und der Makroebene, zwischen dem Betrieb und der Volkswirtschaft – letzteres eine fundamentale Unterscheidung in den Wirtschaftswissenschaften. Die Wirkungen auf höheren Organisationsebenen gehen nicht linear hervor aus dem, was auf den unteren Ebenen passiert. Die Prozesse, Handlungen und die Wechselwirkungen der Kategorien auf niederen Ebenen führen auf den übergeordneten bzw. auf der Gesamtebene zu neuen Erscheinungen, zum Teil zu unerwarteten Eigenschaften, die aus der Sicht der Elemente einer Ganzheit unverständlich und überraschend sind. Das Phänomen ist über alle wissenschaftlichen Disziplinen hinweg verbreitet. Natrium und Chlor sind zwei giftige Substanzen. Ihre chemische Verbindung ergibt kein doppelt so starkes Gift, sondern das relativ harmlose Kochsalz NaCl, Natriumchlorid. Die Merkmale des Wasserstoffs und die des Sauerstoffs verschwinden, wenn sich beide Elemente zu Wasser zusammenfügen. Die Eigenschaften des Wassers unterscheiden sich von denen seiner Ausgangsstoffe. Sie entstehen erst durch das Zusammenwirken der Komponenten, dann, wenn sich die Elektronenhülsen der Wasserstoff- und Sauerstoffmoleküle gegenseitig durchdringen. So ähnlich auch das Bewusstsein: Es beruht auf neuronalen Prozessen, die selbst über kein Bewusstsein verfügen. Die Zelle ist noch kein Mensch, der Baum noch kein Wald, der Betrieb ist noch keine Volkswirtschaft.

Weitere Beispiele für Emergenz sind Verkehrsstaus, Insektenkolonien und Vogelschwärme. Die V-Form eines Vogelschwarms resultiert nicht daraus, »dass ein Vogel als Anführer ausgewählt wird, hinter dem sich die anderen Vögel einreihen. Vielmehr resultiert das Verhalten jedes Vogels aus dem Verhalten der ihm benachbarten Vögel. Die V-Form ist weder geplant noch zentral gesteuert, sie resultiert aus einfachen paarweisen Interaktionsregeln. Höherstufige Regelmäßigkeiten sind so oft das Resultat einfacher Regeln und lokaler Interaktion auf einer niedrigeren Stufe.«¹

Die Sozialwissenschaften sind reich an emergenten Sachverhalten. So sind ökonomische Makrophänomene emergent, wenn sie zwar durch Vorgänge auf der Mikroebene hervorgebracht werden, sich aber von diesen durch andere, oft gegensätzliche Merkmale unterscheiden. Schon Aristoteles (384–322 v. u. Z.) hielt es für falsch, soziale Phänomene nur als die Summe individueller Handlungen zu begreifen. Verborgene Kräfte und Zusammenhänge bewirkten, dass die Resultate des Handelns mit deren Motiven wenig oder nichts zu tun haben. Auch Max Weber (1864–1920) nannte es eine Grundtatsache aller Geschichte, dass das Resultat politischen Handelns »oft in geradezu paradoxem Verhältnis zu seinem ursprünglichen Sinn steht«.² Friedrich Engels hat das Problem klar benannt, ohne von Emergenz zu reden. »Denn was jeder einzelne will, wird von jedem anderen verhindert, und was herauskommt, ist etwas, was keiner gewollt hat«, schrieb er im September 1890 an den Publizisten Joseph Bloch.³

Der einzelne wider das Ganze

Die Unternehmen organisieren ihr Tun perfekt, planen pedantisch ihre Vorhaben, organisieren effizient ihre Produktion. Von der Forschung über die Arbeitsvorbereitung und die Produktion bis zum Absatz haben sie meist alles im Griff: die Aufgaben klug verteilt, alle Abläufe bestens koordiniert. Aber freie, mehr oder weniger rationale Entscheidungen führen zu Chaos, Irrationalität und Willkür in der Volkswirtschaft. Jeder produziert gegen jeden, will der erste unter vielen sein, will mehr verkaufen als die anderen. Die Konkurrenz und die Jagd nach Profiten stoßen die Volkswirtschaft in Anarchie. Im ganzen herrscht Unordnung. Planlosigkeit im großen Maßstab, die Verschwendung und Umweltschäden sind die Kehrseite einzelwirtschaftlicher Gründlichkeit. Konjunkturen, der Wechsel von Aufschwung und Krise, die Zyklen der Industrie, des Handels und des Kredits, das Schwanken der Marktpreise und Zinsen sind das Ergebnis des bewussten, rationalen und irrationalen Handelns der einzelnen Wirtschaftsakteure. Doch sie sind nicht von ihnen gewollt. Sie erscheinen »ihnen als übermächtige, sie willenlos beherrschende Naturgesetze, (die) sich ihnen gegenüber als blinde Notwendigkeit geltend machen«.⁴

Der Widerspruch spitzt sich periodisch zu: Zwischen dem, was privat produziert und dem, was gesellschaftlich benötigt wird. Er eskaliert in der Krise, die das Gleichgewicht vorübergehend wieder herstellt, indem sie die Einzelakteure zu Anpassungen an das von ihnen ungewollt herbeigeführte Desaster zwingt. Über das selbstbestimmte, individuelle Handeln setzen sich Zusammenhänge durch, die ähnlich einem Kräfteparallelogramm in der Physik, so Friedrich Engels, zu gesamtwirtschaftlichen Ergebnissen führen, die vom einzelnen Unternehmen weder gewollt noch voraussehbar sein müssen und in ihrer Gesamtwirkung als fremde Macht den Einzelakteuren gegenüberstehen. Renate Mayntz wünscht, dass Menschen, wenn sie es schon nicht wissen, wenigstens abschätzen sollten, »zu was ihr Tun führt oder wozu es beitragen kann«. Denn anders als Atome, Zellen, Pflanzen und Tiere sind Menschen »mitverantwortlich für das – nicht immer wünschenswerte – Neue, das ständig in komplexen sozialen Systemen entsteht«.⁵

So erstrebenswert und ethisch berechtigt es sein mag, ist es doch wenig aussichtsreich, von Unternehmen zu verlangen, ihre Entscheidungen über ihr betriebswirtschaftliches Kalkül hinaus freiwillig von fernen, unsicheren oder auch bekannten Wirkungen ihres Handelns abhängig zu machen. Der auf seinen Vorteil bedachte einzelne verdrängt oder übersieht die zeitlich verzögerten gesamtwirtschaftlichen Wirkungen seines Tuns oder Unterlassens. Das ist ihm nur bedingt vorzuwerfen. Sein Anteil am gesamtwirtschaftlichen Ergebnis ist oft kaum wahrnehmbar oder messbar, die Komplexität manchmal schwer zu durchschauen. Und sich damit herauszureden, dass die anderen nicht besser sind, beruhigt das schlechte Gewissen. Kurzfristig positive individuelle Effekte wie Profit und Wachstum werden stärker wahrgenommen als langfristige negative Gesamteffekte wie Überproduktion und Umweltzerstörung.

Der Widerspruch zwischen betriebswirtschaftlicher Vernunft bzw. Logik und volkswirtschaftlicher oder gesamtgesellschaftlicher Irrationalität ist offensichtlich. Dennoch verkünden die den Markt anbetenden Ökonomen seit Jahrhunderten, dass egozentrisches, rücksichtsloses Handeln des einzelnen am besten das Gemeinwohl befördere, eine Behauptung, die spätestens seit Charles Fourier (1772–1837), dem utopischen Sozialisten aus Frankreich, widerlegt ist. »Was die soziale Bewegung betrifft, so sieht man jede interessierte Klasse das Böse wünschen, überall setzt sich das persönliche Interesse in Gegensatz zu dem allgemeinen Interesse. Der Arzt wünscht, dass die Mitbürger recht viele Krankheiten bekommen, denn er würde zugrunde gerichtet sein, wenn alle Welt ohne Krankheit stürbe; dasselbe geschähe den Advokaten, wenn jeder Streit schiedsrichterlich auszugleichen wäre. Der Geistliche ist interessiert, dass es viele Tote gibt, und zwar viele reiche Tote, Beerdigungen à 1.000 Franken. Der Richter ersehnt jährlich wenigstens 45.000 Verbrechen und dass möglichst in jeder Familie ein gerichtliches Verfahren durchgeführt wird, damit die Gerichtshöfe stets beschäftigt, also notwendig sind. Der Wucherer wünscht Hungersnot, der Weinhändler und der Glaser wünschen sich Hagel, der die Ernte vernichtet und alle Scheiben in den Häusern zertrümmert. Architekten und Baumeister ersehnen Feuersbrünste, die Teile der Stadt in Schutt und Asche legen. So handeln in diesem lächerlichen Mechanismus der Zivilisation die Teile gegen das Ganze und jeder einzelne gegen alle.«⁶

Heute hoffen Reparatur- und Servicewerkstätten, dass es täglich »knallt« auf den Straßen, die überschuldeten Kommunen, dass die Verkehrsteilnehmer möglichst viele Ordnungswidrigkeiten begehen, und die Pharmakonzerne, dass viele Menschen erkranken. Der Gegensatz zwischen einzelwirtschaftlichem Tun und gesamtwirtschaftlicher Wirkung ist eine immanente Wesenseigenschaft des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Karl Marx hat die Doppeldeutigkeit des Fortschritts benannt: »Jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebene Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit (…) Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.«⁷ Die Ambivalenz des Fortschritts: Er hat das Leben der Menschen verbessert und zugleich das Zerstörungspotential erhöht. Für Theodor W. Adorno (1903–1969) war der Fortschritt »von der Steinschleuder zur Megatonnenbombe satanisches Gelächter«.⁸ Schon ein altes Sprichwort lautet, dass der Weg zur Hölle mit guten Absichten gepflastert sei.

Ökonomische Relationen

Für die ökonomische Emergenz gibt es weitere, weniger dramatische Beispiele: Erhöhen einzelne Unternehmer die Preise, ist das vorteilhaft für sie, sofern die Nachfrage nicht einbricht. Steigen jedoch die Preise aller Waren im gleichen Verhältnis, hat keiner einen Vorteil. Allenfalls die Illusion, dass seine Lage besser geworden sei. Denn was beim Verkauf gewonnen wird, geht beim Kauf wieder verloren. Oder: Der einzelne glaubt, reicher zu werden, indem er spart. In Betrachtung des Ganzen stellt sich das Sparen anders dar. Je mehr jeder einzelne spart, also nicht konsumiert, um so mehr wird nicht nur die Nachfrage nach Konsumtionsmitteln zurückgehen, sondern auch die der Produktionsmittel. Es wird weniger produziert und Arbeitskräfte werden entlassen. Was dem einzelnen nützt, ihn reicher werden lässt, das Sparen, führt dazu, dass die Gesellschaft verarmt, wenn alle die Askese übertreiben.

Unternehmer erzielen höhere Profite, wenn sie kostengünstig produzieren, indem sie die Löhne senken, zumal im Normalfall ihre Arbeiter die Produkte nicht kaufen, die sie selbst herstellen. Wäre das anders, würden höhere Löhne für den Kapitalisten die Voraussetzung sein, mehr Produkte verkaufen zu können. Die gestiegenen Löhne flössen in das Unternehmen zurück. Führten Lohnerhöhungen zu einer Mehrnachfrage nach Produkten des betreffenden Betriebes, wird eingewandt, könnten Unternehmer, anstatt mehr Geld zu zahlen, ihren Arbeitern gleich die Produkte schenken, zum Beispiel Autos, Kaffeemaschinen oder Sommerblusen. Unlogisch ist das nicht, auch wenn der Begriff »Geschenk« abwegig ist, schließlich haben die Arbeiter die Produkte hergestellt. Doch was für den Betrieb nicht gilt, ist für die Volkswirtschaft richtig: Die Gesamtheit der Bürger kauft die von ihnen hergestellten Erzeugnisse, von Ex- und Importen abgesehen. Individuelle Lohnerhöhungen bedeuten für den Betrieb einen Kostenanstieg, bewirken aber keine höhere Nachfrage nach seinen Erzeugnissen, zumindest in der Regel nicht.

Anders dagegen die Lohnerhöhungen für alle oder viele Beschäftigte einer Volkswirtschaft: Sie erhöhen die Nachfrage nach Waren dieser Gesamtheit. Den Gesetzen der formalen Logik widersprechen sich gegensätzliche Urteile. Steigende Löhne verschlechtern und sie verbessern zugleich die Verwertung des Kapitals? Wie soll das gehen? Die dialektische Logik zeigt, dass die sich scheinbar ausschließenden Aussagen eben doch vereinbar sind, sofern man ihre Relativität beachtet. Sie gelten für jeweils andere Beziehungen, einmal für das individuelle, zum anderen für das Gesamtkapital, einmal für die kurze, zum andern für die »lange« Zeit. Wer sagt, geringere Löhne sind gut für den Unternehmer, hat recht, solange er den Zusammenhang betriebswirtschaftlich, aus der Sicht des einzelnen Produzenten, beurteilt und allein auf kurzzeitige Effekte setzt. Er irrt, wenn derselbe Vorgang volkswirtschaftlich, aus der Sicht des Ganzen oder aller Produzenten, gesehen wird. Zahlen alle Unternehmer geringere Löhne, reduzieren sie die zahlungsfähige Nachfrage. Sie können sich zwar zunächst über niedrigere Kosten freuen, müssen aber bestürzt erkennen, dass sich ihre kostengünstig produzierten Waren nicht mehr vollständig zu den bisherigen Preisen absetzen lassen. Wenn sie Pech haben, bleiben Unternehmer auf Überschüssen sitzen, erleiden Verluste. Was dem einzelnen Vorteile bringt, erzeugt Ärger, wenn alle es tun. Joan Robinson, die kluge britische Ökonomin, hat das klar benannt. In ihrem großen Werk »The Accumulation of Capital« bezeichnet sie es als »ein elementares Paradoxon des Kapitalismus. Jeder Unternehmer für sich genommen zieht aus einem niedrigen Reallohn einen Vorteil, bezogen auf sein eigenes Produkt. Alle Unternehmer zusammen aber werden von einer beschränkten Aufnahmefähigkeit der Warenmärkte betroffen, die aus niedrigen Reallöhnen entspringt.«⁹

Sinn und Unsinn der Werbung

Werbung ist für kapitalistische Unternehmen unverzichtbar. Jeder kämpft gegen jeden, will ein Stück des Kuchens, lieber ein großes als ein kleines, lieber einen Krümel als gar nichts. Er wehrt sich verbissen gegen die anderen, die ihn durch Werbung und Manipulation vom Futternapf verdrängen wollen. Doch gerade auf weitgehend gesättigten Märkten ist Werbung, volkswirtschaftlich gesehen, ohne Sinn, so bitter nötig sie im Kampf ums Goldene Kalb für jeden einzelnen Unternehmer sein mag. Denn man wird insgesamt allenfalls die Menge absetzen, welche die Nachfrage befriedigt, egal ob mit oder ohne Werbe­tamtam. Ein Beispiel: Zehn Produzenten von Zahncreme bedienen den Markt. Zunächst wirbt keiner. Jeder hat seine Kunden – seine »Zielgruppe«, wie es im Marketingjargon heißt – und verkauft eine bestimmte Menge an sie. Da beginnt einer durch Werbung in besonderer Weise auf sich aufmerksam zu machen. Glückt es ihm, Kunden anderer Hersteller abzuwerben, reagieren die Konkurrenten mit »Vergeltungswerbung«. Am Ende werben alle zehn Produzenten. Das Ergebnis enttäuschend: Sie verkaufen zusammen nicht mehr als vor ihren teuren Werbeaktionen. Ein Mehrabsatz aller wäre nur realistisch, entschlössen sich die Käufer, sich nicht nur morgens und abends die Zähne zu putzen, sondern auch mittags und nach dem Kuchen am Nachmittag.

Was für den einzelnen also sinnvoll sein kann, ist sinnfrei für die Gesamtheit. »Der Schwachsinn des Ganzen setzt sich aus lauter gesundem Menschenverstand zusammen«, sagt Adorno. Dass die Werbung oft einfach Betrug ist, sei nur am Rande erwähnt. Jeder kennt die »Weidemilch« von Kühen, die nie auf einer Wiese grasten. Oder den Bergbauernkäse, erzeugt auf in tiefen Tälern gelegenen Bauernhöfen. Die Verpackungen, auf denen Himbeeren, Walnüsse und prächtige Steinpilze prangen, aber Produkte enthalten, in denen neben Minimengen der Früchte – wenn überhaupt – vor allem Kunstaromen und Pestizide drin sind. Die Politiker schauen weg, wenn die Industrie lügt.

Jeder Unternehmer strebt nach Extraprofit. Ihn erzielt, sieht man von den unbegrenzten Möglichkeiten ab, zu betrügen und zu manipulieren, wer kostengünstigere, produktivere Technik als erster nutzt und mit neuen, verbesserten Produkten die Kunden erfreut. Da alle anderen die Vorteile auch genießen wollen, imitieren sie den dynamischen Unternehmer, wie Joseph Alois Schumpeter (1883–1950), Pleitebankier und Harvard-Professor, den Neuerer nennt. Das Ergebnis: Die Extraprofite verschwinden, wenn alle nach ihnen streben und das Gleiche tun. Der Extraprofit ist nur eine zeitweilige Erscheinung und dennoch dauerhaft, weil vergehende und entstehende Extraprofite sich überlagern. Die Konkurrenz beseitigt ihn und erzwingt ihn immer wieder neu. Es bestehe, so Friedrich Engels in seiner »Dialektik der Natur«, »ein kolossales Missverhältnis zwischen den vorgesteckten Zielen und den erreichten Resultaten, dass die unvorhergesehenen Wirkungen vorherrschen, dass die unkontrollierten Kräfte weit mächtiger sind als die planmäßig in Bewegung gesetzten. Und dies kann nicht anders sein, solange die wesentlichste geschichtliche Tätigkeit der Menschen (…), die gesellschaftliche Produktion, erst recht dem Wechselspiel unbeabsichtigter Einwirkungen von unkontrollierten Kräften unterworfen ist und den gewollten Zweck nur ausnahmsweise, weit häufiger aber sein gerades Gegenteil realisiert.«¹⁰

Manchmal sagt man, das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile. Verschwinden aber die Vorteile, die einzelne erzielen – wie die Anmerkungen zu Preisen, Löhnen, Sparen, Werbung und Extraprofiten zeigen –, wenn alle dasselbe tun, dann ist das Ganze offenbar weniger als die Summe seiner Elemente. Wie auch immer: Das Ganze ist von anderer Qualität als die Teile. Privates Handeln führt zu Ergebnissen, die vom einzelnen nicht gewollt bzw. aus seiner Sicht nicht erklärbar sind. Ökonomische Emergenz zwingt dazu, betriebs- und volkswirtschaftliche Wirkungen gleicher Vorgänge streng zu unterscheiden. Denn einzelwirtschaftliches Gelingen ist Form und Voraussetzung des gesamtwirtschaftlichen Scheiterns.

Anmerkungen

1 Robert Keith Sawyer: Emergenz, Komplexität und die Zukunft der Soziologie, in: Jens Greve, Annette Schnabel (Hrsg.): Emergenz. Zur Analyse und Erklärung komplexer Strukturen, Berlin 2011, S.187–213, hier S. 188

2 Max Weber: Politik als Beruf, Zweiter Vortrag einer Vortragsreihe »Geistige Arbeit als Beruf«, München/Leipzig 1919, S. 64 f.

3 Friedrich Engels: Briefe Januar 1888 – Dezember 1890, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 37, Berlin 1967, S. 462–465

4 Karl Marx: Das Kapital, Dritter Band, in: MEW, Bd. 25, Berlin 1973, S. 839

5 Renate Mayntz: Individuelles Handeln und gesellschaftliche Ereignisse: Zur Mikro-Makro-Problematik in den Sozialwissenschaften. In: Dieselbe: Sozialwissenschaftliches Erklären. Probleme der Theorienbildung und Methodologie, Schriften des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung Köln, Bd. 63, Frankfurt am Main/New York 2009, S. 123–132, hier S. 132

6 frei zitiert nach: Peter Thal (Hrsg.): Adam Smith gestern und heute. 200 Jahre Reichtum der Nationen, Berlin 1976, S. 76. Vgl. auch Klaus Müller: Mikroökonomie. Eine praxisnahe, kritische und theoriengeschichtlich fundierte Einführung, 8. Aufl., Chemnitz 2020, S. 110–117

7 Karl Marx: Das Kapital, Erster Band, in: MEW, Bd. 23, Berlin 1972, S. 529 f.

8 Theodor W. Adorno: Stichworte. Kritische Modelle, Frankfurt/Main, 1969, S. 41

9 Joan Robinson: The Accumulation of Capital, 2. Aufl., London 1965, S. 99, zit. n. Werner Hofmann: Sozialökonomische Studientexte, Bd. 3, Theorie der Wirtschaftsentwicklung. Vom Merkantilismus bis zur Gegenwart, 2. Aufl., Berlin 1971, S. 281

10 Friedrich Engels: Dialektik der Natur, in: MEW, Bd. 20, Berlin 1975, S. 305–570, S. 323

Klaus Müller schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 21. Oktober über Löhne, Preise und das Zustandekommen von Arbeitslosigkeit in der Volkswirtschaftslehre.

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