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Aus: Ausgabe vom 17.11.2020, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitskampf

Gummibärchen gehören dem Osten

Haribo: Gewerkschaft NGG mobilisiert für Kundgebung in Zwickau
Von Oliver Rast
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Haribo: Konsumenten sind gefragt, Beschäftigte hingegen müssen um ihre Jobs bangen – am einzigen Oststandort in Wilkau-Haßlau bei Zwickau etwa

Unternehmen sind flexibel – besonders bei der Rechtfertigung von Jobvernichtung und Betriebsdemontagen. Maßgeblich für die Entscheidung, das Werk des Süßwarenherstellers Haribo in Wilkau-Haßlau bei Zwickau dichtzumachen, sei »eine kürzlich abgeschlossene Wirtschaftlichkeitsprüfung«, sagte ein Unternehmenssprecher noch vergangene Woche auf jW-Nachfrage. Und bei der sei die einstige VEB Süßwarenfabrik Wesa durchgefallen. Man wolle die Produktion an weniger Standorten, aber mit mehr Produktionsstrecken bündeln, hieß es weiter (siehe jW vom 12.11.). Nun, nur wenige Tage später, ein neuer Zungenschlag: Der Pressestab der Haribo-Hauptzentrale im rheinland-pfälzischen Grafschaft begründete die angekündigte Werkschließung bis Jahresende gegenüber dem Bonner Generalanzeiger (Wochenendausgabe) mit den »Unwägbarkeiten durch die Coronapandemie«. Daher müsse sich das Unternehmen »noch wettbewerbsfähiger aufstellen«.

Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) reagierte prompt: »Dass die Geschäftsführung nun noch Corona ins Spiel bringt, ist traurig und macht wütend«, wird der zuständige Gewerkschaftssekretär Thomas Lißner am Sonntag in einer Mitteilung zitiert. Anders als andere Unternehmen sei Haribo profitabel, der Standort in Wilkau-Haßlau verzeichne seit Jahren steigende Umsätze und führe Überschüsse an das Mutterunternehmen ab, so Lißner. »Statt neue Scheingründe heranzuziehen, muss der Schließungsbeschluss zurückgenommen und müssen Gespräche über die Zukunft des Werkes geführt werden«, forderte der Gewerkschafter.

Bislang handelt die Haribo-Eigentümerfamilie Riegel verantwortungslos, findet die NGG. Deshalb würden jetzt fast 150 Kollegen und ihre Familien um ihre Existenz bangen. »Das Werk mit einem Federstrich zu schließen, nehmen wir nicht hin«, versicherte Lißner. Verärgert zeigte sich unlängst auch Sabine Zimmermann, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linke-Bundestagsfraktion, im jW-Gespräch: »Es ist nicht akzeptabel, dass eine über hundertjährige Süßwarentradition in Wilkau-Haßlau von heute auf morgen abrupt beendet werden soll«. Ähnlich reagierte Henning Homann, SPD-Generalsekretär im Landesverband Sachsen, auf jW-Nachfrage: »Die Beschäftigten dürfen nicht einfach so auf der Straße landen«.

Unterdessen organisieren Belegschaft und Gewerkschaft Gegenwehr: Am kommenden Sonnabend findet um 14 Uhr auf dem Kornmarkt in Zwickau eine Protestkundgebung statt. Eine Petition zur Rettung des Werkes haben NGG-Angaben zufolge bereits mehr als 11.000 Menschen unterzeichnet.

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