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Aus: Ausgabe vom 18.11.2020, Seite 15 / Antifa
Gedenkstätte KZ Neuengamme

Lebendiges Denkmal

Erinnerungsprojekt »Ort der Verbundenheit« in Gedenkstätte KZ Neuengamme. Angehörige von Überlebenden gestalten Gedenkplakate
Von Kristian Stemmler
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Wachsendes Archiv: Gedenkposter zum Projekt in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Bildschirmfoto vom 17.11.2020)

Auf dem Plakat ist das alte Foto eines lachenden Mannes zu sehen, ein zweites, das ihn mit Frau und Kleinkind zeigt, sowie eine Posaune. Straßenbahnfahrer in Brüssel sei er gewesen, heißt es über den Belgier Franciscus Vande Velde im Begleittext. Aber seine Leidenschaft war demnach die Musik. Von einer gerechteren Welt habe er geträumt und sei in die Kommunistische Partei eingetreten. Im Juli 1941 habe die Gestapo ihn verhaftet. Kurze Zeit später sei er an den Ort deportiert worden, an dem er starb.

So ungewöhnlich dieses Plakat ist, so ungewöhnlich ist das Projekt, dessen Teil es ist. Unter dem Titel »Ort der Verbundenheit« ist in der Gedenkstätte KZ Neuengamme in Hamburg ein lebendiges Denkmal entstanden, das am Freitag offiziell eröffnet wurde. Kern des Projekts: Angehörige ehemaliger Gefangener des KZ aus der ganzen Welt gestalten an diesem Ort auf dem Außengelände der Gedenkstätte Plakatmotive über ihr verfolgtes Familienmitglied und erzählen so dessen Geschichte. Wie im Fall des belgischen Kommunisten Franciscus Vande Velde.

Aus den von den Angehörigen entworfenen Motiven werden Druckplatten erstellt, die in Archivregalen dauerhaft präsentiert werden. In der Druckwerkstatt können Besucher in Workshops diese Plakate im Hochdruckverfahren vervielfältigen und dort an einer Plakatwand präsentieren. »Wir verstehen Gedenken als einen aktiven Prozess, der von vielfältiger Beteiligung lebt«, heißt es zur Erklärung auf der mehrsprachigen Internetseite ­www.ort-der-verbundenheit.org, wo die Plakate auch online einsehbar sind. Dort finden Angehörige und Personen, die das Projekt unterstützen möchten, auch Anleitungen zum Mitmachen. »Gedenken heißt handeln!« lautet das Motto.

Wegen der Coronapandemie konnte nur eine begrenzte Anzahl von Personen an der Feier auf dem Gelände der Gedenkstätte teilnehmen. Aber die Veranstaltung wurde live im Internet per Videostream übertragen, um möglichst vielen Angehörigen und anderen am Projekt Interessierten die Teilnahme an der Eröffnung zu ermöglichen. Über das Netz kamen während der Feier Grüße und Glückwünsche aus Australien, Belgien, Frankreich, Italien, den Niederlanden und Spanien.

International ist auch der »Ort der Verbundenheit« selbst ausgerichtet, denn die Gefangenen des im äußersten Südosten Hamburgs gelegenen Stammlagers und seiner mehr als 85 Außenlager kamen aus vielen Ländern Europas. Sie mussten Zwangsarbeit für die auf dem Gelände befindliche SS-eigene Ziegelei, in der Rüstungsindustrie und beim Bau militärischer Anlagen leisten. Gesichert ist, dass von den etwa 100.000 Menschen, die bis 1945 im KZ inhaftiert waren, rund 42.900 Neuengamme nicht überlebten. Damit gilt das KZ als das tödlichste Arbeitslager der Nazizeit. Von den etwa 100.000 Inhaftierten sind inzwischen rund 44.000 namentlich bekannt.

Für viele Angehörige ist die Schreckenszeit ihres Familienmitglieds im Konzentrationslager Neuengamme ein prägendes Thema auch für das eigene Leben. Sie hatten und haben daher den Wunsch, ihre persönliche Verbundenheit am historischen Ort des Leidens zum Ausdruck zu bringen. Innerhalb von fünf Jahren entwickelten Angehörige darum diesen »Ort lebendigen Erinnerns«. Unterstützt wurden sie dabei von Jesko Fezer, Professor für Experimentelles Design der Hochschule für bildende Künste, und zehn seiner Studierenden.

Eine der Initiatorinnen des Projekts ist Uta Kühl, Schatzmeisterin der 1958 gegründeten Vereinigung Amicale Internationale KZ Neuengamme (AIN), zu der sich die nationalen Organisationen von Überlebenden des KZ Neuengamme sowie deren Angehörige zusammengeschlossen haben. Uta Kühl ist die Tochter des KZ-Überlebenden Hermann Kühl. Sie kämpfte bei ihrer Ansprache am Freitag mit den Tränen. »Sehr, sehr lange« habe sie sich allein gefühlt, »allein mit meiner Wut, allein mit meiner Trauer«. Das habe sich durch das Projekt »Ort der Verbundenheit« geändert. Es gebe ihr »Kraft, Zuversicht und Entschlossenheit«, andere Angehörige »zu kennen, mich auszutauschen, gemeinsam die Erinnerung wachzuhalten, wachsam zu sein und für ein ›Niemals wieder‹ zu kämpfen«, sagte Kühl.

Auch Mitinitiator Bernhard Esser, Sohn des ehemaligen KZ-Gefangenen Rudolf Esser, war bei seiner Rede sichtlich gerührt. Es liege »an uns allen, ob diese Plakate mit der Zeit verwittern und das Leiden, der Tod, die Naziverbrechen in Vergessenheit geraten – oder ob wir die Erinnerung an die Häftlinge des KZ Neuengamme wachhalten«, sagte er, »und ihre Geschichten in die Öffentlichkeit und die Welt hinaustragen«.

Kristof Van Mierop, Generalsekretär der AIN und Enkel des belgischen Überlebenden Roger Vyvey, wurde übers Internet bei der Feier zugeschaltet. Er betonte, es sei wichtig, dass an alle Gefangenen des KZ Neuengamme erinnert werde, an die überlebenden wie die toten. »Alle Häftlinge gingen in Neuengamme und seinen Außenlagern durch dieselbe Hölle, auch diejenigen, die sie überlebten«, sagte er.

Oliver von Wrochem, Leiter der Gedenkstätte, erklärte, mit dem »Ort der Verbundenheit« fänden »die Perspektiven der Angehörigen von Verfolgten einen dauerhaften und gut wahrnehmbaren Platz in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme«. Dieser sich »stetig weiterentwickelnde Ort lebendigen Erinnerns« könne die Besucher anregen, sich die »spürbaren Auswirkungen von Hafterfahrungen auf nachfolgende Generationen zu vergegenwärtigen«. Gerade in Zeiten eines erstarkenden Rechtspopulismus sei dieses Projekt ein wichtiges Zeichen.

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Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (18. November 2020 um 01:45 Uhr)
    »Gerade in Zeiten eines erstarkenden Rechtspopulismus sei dieses Projekt ein wichtiges Zeichen.«

    Die Zeichen des Widerstands fehlen überall. Mein Opa hat meine Oma und viele ihrer Angehörigen gerettet. Zum Beispiel meine Tante Wlada, aber auch ihren Bruder Dedek. Zwei Freunde von ihnen.

    Zuerst hatte er seine Frau, meine Oma Martha, in Sicherheit gebracht. Auch meine Mutter Gerda und ihre Schwester Anita konnte er retten. Alle wohnten in der Diedenhoferstraße 4, direkt am Wasserturm. Meiner Oma war dieser Ort wichtig, weil man gegenüber in der Kneipe »Am Wasserturm« in der Toilette sitzen konnte und den Ritualen der Synagoge in der Rykestraße folgen konnte, solange es ging.

    Meine Oma starb am 8. Juni 1945 bei einem Fahrstuhlunfall. Mein Opa Heinrich starb 1977.

    Ich denke nicht mehr daran, dass er einen Stolperstein erhält. Die Lebensretter kommen bei den Stolpersteinen nicht vor.

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