Gegründet 1947 Sa. / So., 5. / 6. Dezember 2020, Nr. 285
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Aus: Ausgabe vom 16.11.2020, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Gentrifizierte Sprengel

Zu jW vom 11.11.: »Roter Stadtteil«

Was in diesem Artikel über die Kommunalwahlen in Wien steht, ist, mit Verlaub, Unsinn. (…) In ihm wird die KPÖ total ignoriert, obwohl sie sich stark an der Wahl beteiligt hat (sie stellt mehrere Bezirksräte). Zum Beispiel heißt es: »Für einen Sitz im Wiener Gemeinderat hatte es für eine linke Liste zuletzt in den 1960ern gereicht.« Ist es zuviel verlangt, zu erwähnen, wer diese ominöse »linke Liste« war? Dann heißt es vom Wahlergebnis, dass es »den im Wahlkampf viel geäußerten Vorwurf, ›Links‹ sei lediglich eine Partei für die ›innerstädtische Bobo-Linke‹ (›Bobo‹ steht für ›bourgeoise Bohemiens‹), … eindrucksvoll entkräftet«. Dem steht später gegenüber: »Die ›Boboisierung‹ von Rudolfsheim-Fünfhaus ist in vollem Gange.« Das ist ein offener Widerspruch (…). Zumindest im 20. Bezirk (ebenfalls ein traditioneller Arbeiterbezirk) haben lediglich (und nachweislich) die gentrifizierten Sprengel »Links« gewählt. Ich wage also zu behaupten, dass die Feststellung des Autors einfach falsch ist. Und das Wichtigste: Die Wahl hatte Rahmenbedingungen, die sich stark von den bisherigen unterschieden. Es gab diesmal kein Duell zwischen Sozialdemokraten und Rechten (FPÖ). Das eröffnet Räume. Gleichzeitig ist die Wahlbeteiligung stadtweit stark gesunken. Im 15. Bezirk ist sie um acht Prozent auf 61 Prozent gefallen. (…)

Alexander Hartl, Onlinekommentar

Auftakt zum Faschismus

Zu jW vom 9.11.: »Wiener Massaker«

Ans Ende seines Beitrags stellt Erwin Riess eine Fußnote zum »Justizpalastbrand«. In diesem Zusammenhang möchte ich die Leser der jungen Welt auf die Broschüre »Die Wiener Julirevolte – Bericht eines Augenzeugen« von Rudolf Geist hinweisen (…), 2017 erschienen im Verlag Die Buchmacherei. Der Reichstagsbrand in Berlin ist ein allseits bekanntes geschichtliches Ereignis. Es bildete den Auftakt für eine breite Welle von Verhaftungen politischer Gegner des neu installierten Naziregimes in Deutschland. Vergleichsweise unbekannt ist der Brand des Justizpalastes in Wien einige Jahre vorher. Auch dieses Ereignis steht in einem engen Zusammenhang mit der Machtübergabe an den Faschismus. Der Augenzeuge Rudolf Geist berichtet, persönlich mehr als betroffen, über die Geschehnisse des Justizpalastbrandes in Wien am 15. Juli 1927. Es gab 89 Tote und Hunderte Verletzte. Dieser Tag war der Wendepunkt für den Austromarxismus der österreichischen Sozialdemokratie. Er war auch ein Schicksalstag und Wendepunkt in der Geschichte der Ersten Republik, in der der Austromarxismus eine entscheidende Rolle spielte. Am Ende dieser tragischen Entwicklung stand die Katastrophe vom 12. Februar 1934. Sie begann um sieben Uhr früh mit den Schüssen der Linzer Polizei auf das »Hotel Schiff«, die Zentrale der oberösterreichischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP). Daraus entwickelte sich ein vier Tage währender blutiger Kampf: Heimwehr, Polizei und Militär des Dollfuß-Regimes vereinigten ihr Gewaltpotential in der Bekämpfung der österreichischen Sozialdemokratie und ihres Schutzbundes. Am Ende stand der Tod von mindestens 300, möglicherweise sogar mehr als 1.000 Menschen. Das durch den inneren Kampf zerrissene Österreich wurde so zur leichten Beute Hitlers.

Rainer Knirsch, per E-Mail

Erhebliche Vorteile

Zu jW vom 5.11.: »Monstrum im Ostseegrund«

Bei aller Sympathie für viele Positionen der Genossin Sabine Leidig und insbesondere für ihr Engagement in »Bahn für alle«: Die feste Fehmarnbeltquerung ist nicht »ökologisch und verkehrlich mehr als fragwürdig«, sondern vielmehr in der Lage, erhebliche ökologische Vorteile zu ermöglichen. Ein Schnellverkehr zwischen Hamburg und Stockholm wird über diese Route als Tagesverbindung möglich (…). Die möglichst weitgehende Reduzierung der Flüge auf diesen Strecken bedeutet eine erhebliche und dringend notwendige Reduktion der Verschwendung fossiler Brennstoffe und der entsprechenden Klimakilleremissionen. Selbst für den Gütertransit ist die Strecke deutlich kürzer als die Variante von Hamburg via Fredericia nach Kopenhagen und bedeutet also ebenfalls Energieeinsparungen. (…) Dass es sich beim Meer um einen überaus sensiblen Naturraum handelt, ist keine Frage und muss natürlich in Detailplanungen berücksichtigt werden. Nur verdient eben auch die gleichfalls sensible Atmosphäre möglichst weitgehende Kerosinfreiheit, was in jede Abwägung einzubeziehen ist. Für kritikwürdig halte ich allerdings den – dazu noch unnötig vierspurigen – Straßenteil: Durch Alpentunnel waren früher Autoshuttles auf der Schiene üblich; im Fall des Damms nach Sylt gibt es solche noch immer und beim Kanaltunnel Calais–Dover sogar bei einem relativ neuen Bauwerk. Pkw und Lkw sind strukturell keine geeigneten Fernverkehrsmittel, Hochgeschwindigkeitszüge schon. (…) Wie auch immer: Auf welche Weise endlich der Luftverkehr drastisch reduzierbar wäre, dazu müsste sich Genossin Leidig ebenso äußern wie die örtlichen Gegner der festen Querung, mögen sie auch durchaus ernsthafte Naturschutzmotive haben.

Bernhard May, Solingen

Nicht über Leichen

Zu jW vom 12.11.: »Pandemie und Profit«

(…) Wenn es stimmt, dass die Pandemie die Kinderarmut verstärkt, wäre es doch am besten, mit konsequenten Maßnahmen Corona zu bekämpfen, so wie zum Beispiel China oder Süd- und Nordkorea es getan haben. Was aber empfiehlt der Autor (…)? Genau wie die sogenannten Querdenker attackiert er Christian Drosten und das Robert-Koch-Institut (damit befindet er sich in zweifelhafter Gesellschaft, fehlte nur noch der Hinweis auf Bill Gates) und fordert eine »wissenschaftliche, politische und mediale Pluralität und Kontroversität in der gegenwärtigen Pandemiedebatte«. So als befänden wir uns in einer »Coronadiktatur«. Nur Verrückte können die Gefährlichkeit von Corona »kontrovers« diskutieren. Sollen wir etwa statt auf Drosten lieber auf »Experten« hören, die bereit sind, über Leichen zu gehen?

Franz Schoierer, Onlinekommentar

Nur Verrückte können die Gefährlichkeit von Corona ›kontrovers‹ diskutieren. Sollen wir etwa auf ›Experten‹ hören, die bereit sind, über Leichen zu gehen?

Unverzichtbar!

»Die junge Welt ist die Zeitung gegen Krieg, die schreibt, was andere weglassen. Nur durch Information ist Veränderung möglich, deswegen ist sie für uns unverzichtbar.«  – Rose-E. Wachata und Sonja Riedel für die jW-Leserinitiative Chemnitz/Erzgebirge

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Auftakt der jW-Mietenserie: Heute Teil 1 – »Wohnen als Goldgrube. Die Inwertsetzung einer Mietnation«!