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Aus: Ausgabe vom 16.11.2020, Seite 12 / Thema
»Neue Rechte«

Außen Marmor, innen Gips

Ein Rittergut als neurechte Kaderschmiede und zwei rechte Zeitschriften mit derselben politischen Herkunft. Über das »Institut für Staatspolitik«, Sezession und Cato
Von Wolfgang Laskowski
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Arme Ritter: Polizisten schirmen Teilnehmer der »Sommerakademie« des Instituts für Staatspolitik in Schnellroda am 16. September 2016 gegen Demonstranten ab. Auf dem Bild Götz Kubitschek ganz links, Martin Sellner ganz rechts

In diesen Tagen erscheint im Hamburger VSA-Verlag der vom antifaschistischen Magazin Der rechte Rand herausgegebene Sammelband »Das IfS. Faschist*innen des 21. Jahrhunderts«. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung des Verlags zwei kurze Aufsätze von Wolfgang Laskowski. (jW)

Das »Institut für Staatspolitik« (IfS) hat Medien und Öffentlichkeit davon überzeugt, an seinem Sitz in Schnellroda sei das Zentrum einer rechtsintellektuellen Erneuerung zu finden. Dieser durch erfolgreiche Selbstvermarktung vermittelte Eindruck, das »Institut« sei der alleinige Impulsgeber der Rechten in Deutschland, hat zu dessen beispielloser publizistischer Aufwertung beigetragen. Doch wer die Aktivitäten des IfS und seines Kreises über Jahre beobachtet, kann wissen: Hinter der rechtsintellektuellen Marmorfassade sind die ideologischen Säulen, die das IfS tragen, mit der alten Gipsmischung gefüllt: Rassismus, rechtes autoritäres Denken und faschistischer Stil.

Antwort auf diskursive Niederlage

Zum Zeitpunkt der Gründung des IfS hatte sich eine gewisse Stagnation im rechtsintellektuellen Milieu breitgemacht. Von dem Aufbruch, den es im Gefolge des Nationalismus der Wiedervereinigung verspürt hatte, war nurmehr die Wochenzeitung Junge Freiheit als publizistisches Forum geblieben. Die Versuche hingegen, auf den Kommandobrücken großer Medien- und Verlagshäuser Fuß zu fassen, waren gescheitert. Anders als von den rechten »89ern« erhofft, stand nach 1990 weder die Westbindung des vereinigten Deutschland in Frage noch die aus Sicht der Rechten dominante Fixierung der politischen Kultur auf die Zeit der Naziherrschaft. In der rechten publizistischen Szene wurde der fortdauernde Triumph einer angeblichen Hegemonie des Linksliberalismus beklagt, die ihren Ausdruck dann in der Gesellschaftspolitik der »rot-grünen« Bundesregierung gefunden habe. Schließlich wurde der öffentliche Erfolg der Ausstellung »Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht 1941–1944« des »Hamburger Instituts für Sozialforschung« als diskursive Niederlage empfunden. Darauf gelte es, so Karlheinz Weißmann sinngemäß damals in der Jungen Freiheit, mit der Gründung des IfS zu antworten.

Von Beginn an ging es dem IfS darum, den akademischen Nachwuchs weltanschaulich zu prägen und zugleich ein Forum rechtsintellektueller Selbstverständigung für Zielgruppen zu schaffen, die von anderen rechten Foren wie den Burschenschaften, dem »Studienzentrum Weikersheim« oder der »Staats- und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft« (SWG) in Hamburg nicht erreicht wurden. Zudem ging es darum, die Resonanzräume für rechte Politik zu erweitern. So sprach etwa bereits auf der »2. Sommerakademie« des IfS im September 2001 der damalige CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann über »Strategien des Parlamentarismus«. Hohmann sorgte 2003 mit einer als antisemitisch bewerteten Rede zum Tag der Deutschen Einheit für einen Skandal, in dessen Folge er aus der CDU ausgeschlossen wurde. Heute sitzt er für die »Alternative für Deutschland« (AfD) im Bundestag.

Im Mittelpunkt der Arbeit in Schnellroda standen und stehen bis heute jene zentralen Punkte, die der Rechten Orientierungspunkte weltanschaulicher Vergewisserung sind: Volk, Nation, Identität und, daraus resultierend, Themen wie Migration, Bildung, Staat und Demographie. Früh beschäftigte man sich im IfS mit Diskursstrategien in der Absicht, Methoden der begrifflichen und thematischen Hegemoniearbeit von rechts zu entwickeln, dort »Metapolitik« genannt. Im August 2002 erschien ein Quartalsheft zur Frage »Erfolg und Misserfolg in der ›Leitkulturdebatte‹«, in dem exemplarisch erörtert wurde, weshalb sich die CDU damals mit ihrem Begriff »Leitkultur« nicht durchsetzen konnte. Es folgten Arbeiten zur »Amadeu-Antonio-Stiftung« und zum Verfassungsschutz. In der Zeitschrift Sezession wurde zugleich ein Kanon rechter Autoren etabliert, die weltanschauliche Bezugsgrößen des Milieus sind: von Carl Schmitt und Ernst Jünger zu Armin Mohler und Gerd-Klaus Kaltenbrunner.

Die Arbeit des IfS als Vortrags- und Lesezirkel hatte jedoch zunächst keine aktivierende Wirkung auf den akademischen rechten Nachwuchs. Es fehlten schlicht die Formen, mit denen sich kulturelle Ausstrahlung jenseits des Dreiecks Volkstanz, Lektüre von Ernst Jünger und Neonaziaufmarsch realisieren ließ. In der Folge experimentierte man im Umfeld des IfS mit Formen politisch-kommunikativer Interventionen, die den »68ern« und der Neuen Linken abgeschaut waren. Mal störte man eine Lesung von Günter Grass im Hamburger Thalia-Theater, mal enterte die Gruppe um Götz Kubitschek und Felix Menzel die Balustrade des Hauptgebäudes der Berliner Humboldt-Universität, wo ein linker Studentenkongress stattfand. Diese Aktionen hatten den Zweck, die Wirkung unkonventioneller Methoden politischer Kommunikation, wie sie später bei den »Identitären« zu finden sein würden, auszuprobieren. Gleichzeitig wurde jungen, aktivistischen Männern ein Angebot zur politischen Vergemeinschaftung gemacht, das über Lektürekurse und die Fecht- und Trinkrituale der Burschenschaften hinauswies.

Die Reichweite der Aktivitäten des IfS beschränkte sich bis 2010 im wesentlichen auf das eigene Milieu. Außerhalb der rechtsintellektuellen Blase wurde es von Wissenschaftlern und Antifaschisten wahrgenommen. Dies änderte sich mit dem Erfolg von »Deutschland schafft sich ab«, dem Buch des ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin (SPD). Die Schrift versammelt zum Thema Migration und Integration all jene rassistischen Thesen und Deutungsansätze, welche die extreme Rechte bereits seit Jahrzehnten vertritt. Sarrazins Buch öffnete die Tür für die gesellschaftliche Akzeptanz rechter und rassistischer Diskurse. Damit verbunden war eine Erweiterung des Resonanzraumes des IfS. Das Sonderheft »Sarrazin lesen« der Sezession wurde bei Amazon zeitweise gemeinsam mit dem Buch »Deutschland schafft sich ab« angeboten. Noch vor der Gründung der »Alternative für Deutschland« (AfD) fanden sich zwischen zehn und fünfzehn Prozent in Umfragen bereit, einer »Sarrazin-Partei« ihre Stimme zu geben. Mit der Gründung der AfD im Jahr 2013 fanden jene, die den Thesen Sarrazins zustimmten, ein parteipolitisches Forum.

Politische Projekte

Die Parteigründung wurde im IfS-Umfeld mit skeptischer Sympathie begleitet. Die Euphorie war zunächst wohl deshalb gebremst, weil ein nachhaltiger Erfolg einer Rechtspartei in Deutschland bis dahin nicht gegeben war. Dies änderte sich mit der AfD rasch. Eine Mitgliedschaft blieb Götz Kubi­tschek allerdings vom AfD-Bundesvorstand unter Bernd Lucke verwehrt. Dies hinderte ihn jedoch nicht daran, die extrem rechten Kräfte in und außerhalb der Partei zu sammeln und politisch zu formieren. Björn Höcke wiederum bekundete auf einer Tagung des IfS im November 2015, er empfange in Schnellroda »geistiges Manna«. Nicht zuletzt war der Geschäftsführer des IfS, Erik Lehnert, mindestens bis März 2019 in der AfD-Bundestagsfraktion und vom Herbst 2019 bis zum Sommer 2020 im Vorstand des Stiftungsvereins der parteinahen »Desiderius-Erasmus-Stiftung« tätig. Im IfS ist man jedoch darauf bedacht, sich nicht in Abhängigkeit von der AfD zu begeben. Die Befürchtung: Die Partei werde durch ihre parlamentarische Institutionalisierung an inhaltlichem Profil verlieren. Vielmehr setzt man auf eine strategische Arbeitsteilung zwischen Organisation und rechten Mobilisierungen auf der Straße und im Netz.

Seinen Ruf, das strategische Zentrum der Rechten in Deutschland zu sein, bezieht das IfS aus der Personalie Götz Kubitschek und seiner Betätigung als Ideenscout für neue Formen rechter Organisation. So reisten er und Martin Semlitsch (bzw. Lichtmesz) im Jahr 2012 nach Frankreich zu einem Treffen der »Génération Identitaire«, der organisatorischen Keimzelle der »Identitären«. Von dort brachten sie Bausteine für eine »neu-rechte« Jugendkultur mit, die unter anderem von Martin Sellner aufgegriffen wurden. Initiativen wie die Gründung der rechten Kampagnenagentur »Ein Prozent«, die in der Öffentlichkeit als »größtes patriotisches Bürgernetzwerk« auftritt, werden wiederum von extrem rechten Akteuren umgesetzt, für welche die »Sommerakademien« des IfS Vernetzungsplattform und Ideenbörse waren. Ob das rechte Hausprojekt in Halle oder Internetformate wie der Blog »Laut gedacht«: Sie alle sind praktische Auswirkungen der sich in Schnellroda zusammenfindenden Akteure, die dort geschult und vernetzt werden. Doch nicht jedes im Umfeld des IfS entstandene Projekt ist ein Erfolg, wie das Scheitern der »Identitären« zeigt.

In den vergangenen zwei Jahren ist Götz Kubitschek zum viel porträtierten vermeintlichen politischen Outlaw der Republik geworden. Er sei »Vordenker«, »Kopf der Rechten in Deutschland«, »Ideengeber« und »führender Rechtsintellektueller«, um nur einige der ihm zugeschriebenen Attribute zu nennen. Das belgische Magazin Politico kürte ihn im Dezember 2019 gar zu einer der wichtigsten politischen Persönlichkeiten für das Jahr 2020. Kubitschek und das IfS geben sich alle Mühe, die Fassade ihrer Aktivitäten in glänzendem Marmor erscheinen zu lassen. Die Selbstinszenierung als feinsinnig-distanzierte Intellektuelle, die den Rechtsruck im Land wohlwollend publizistisch begleiten oder als Ratgeber fungieren, verstellt den Blick darauf, dass das IfS zu einer wichtigen Plattform der extremen Rechten in Deutschland geworden ist. Doch anders als die mediale Wahrnehmung glauben machen will, ist es nicht die zentrale Schaltstelle rechter Strategieplanung. Die mediale Fokussierung auf das Schnellroda-Netzwerk ignoriert, dass es mit der »Bibliothek des Konservatismus«, der Wochenzeitung Junge Freiheit und der Zeitschrift Cato noch andere Akteure im Umfeld der AfD gibt, die zur rechten Ideologieproduktion beitragen.

In eine Lücke gestoßen

Die Zeitschrift Sezession trat im Sterbejahr Armin Mohlers 2003 mit dem Anspruch an, dessen Erbe fortzuführen. Zugleich lag das Feld »neu-rechter« Periodika weitgehend brach. Die Zeitschrift Criticón, seit 1970 Theorie- und Selbstverständigungsorgan der »Neuen Rechten« in Deutschland, war 1998 in die Hände von Gunnar Sohn übergegangen, der sie zu einem für das »neu-rechte« Milieu uninteressanten Wirtschaftsblatt umbaute. Die Zeitschrift Mut, über Jahrzehnte Scharnierorgan zwischen Konservatismus und »Neuer Rechter«, hatte ebenfalls aufgrund einer inhaltlichen Umorientierung an Bedeutung verloren. Andere rechte Zeitschriften wie Gegengift, Neue Ordnung oder Aula entfalteten in der Bundesrepublik nicht annähernd die Reichweite von Criticón. So konnte Sezession in eine publizistische Lücke stoßen und war von Beginn an das Sprachrohr des Instituts für Staatspolitik. Ziel war es, neben dessen Sommerakademien ein Forum zu schaffen, Thesen und Themen der »Neuen Rechten« zu diskutieren. Ihren inhaltlichen Aufbau hat Sezession seitdem im wesentlichen beibehalten.

Seit der Gründung stellt Sezession Autoren, Dichter oder Philosophen mit ihrem Werk vor, die im weitesten Sinne rechts stehen und somit für rechtes Denken fruchtbar gemacht werden sollen. Die Bandbreite der vorgestellten Personen ist groß. Dennoch wurde über die Jahre klar, wer – wie Carl Schmitt und Ernst Jünger – zu den Hausheiligen der Sezession zählt. Den porträtierten Personen und rechten Identitätsthemen wie Einwanderung, Demographie, Islam, Familie oder Zweiter Weltkrieg und Nazivergangenheit widmet die Zeitschrift Aufsätze, die den Charakter thematischer Einführungen haben. Sie zielen auf einen akademischen Nachwuchs, der an rechte Denker und rechtes Denken grundsätzlich herangeführt wird. In den ersten Jahren erschienen diese Einführungen in der Rubrik »Grundlagen«, die von der bis heute existierenden Rubrik »Autorenportrait« ergänzt wurde. Wie ein thematisch roter Faden zieht sich durch die Jahrgänge der Sezession die Debatte um die Selbstverortung der »Neuen Rechten« als politische Strömung.

Während zuerst die kulturpessimistische Klage über die Dekadenz liberaler Gesellschaften dominierte, änderte sich mit Beginn der Debatte um das erste Buch von Thilo Sarrazin der Ton grundsätzlich. Frühzeitig erkannten die »neu-rechten« ­Protagonisten um Götz Kubitschek das Potential einer rassistischen Debatte, die alle Motive und Begriffe enthielt, die die »Neue Rechte« seit Jahrzehnten zu setzen versuchte. Man sah sich vor einem politischen Bedeutungszuwachs, der mit der Entwicklung der AfD und der Herausbildung rassistischer Mobilisierungen wie »Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« (Pegida) auch eintrat. Das intellektuelle Niveau der Artikel variiert stark. Philosophische und programmatische Texte, die sich mit der Ideengeschichte der »Neuen Rechten« befassen, lesen sich sehr anspruchs- und voraussetzungsvoll. Texte hingegen, die sich mit liberalen oder linken Konzepten von Kultur und Gesellschaft befassen, kommen über eine reine Deskription ihres Gegenstandes oftmals nicht hinaus. Auf hohem Niveau hingegen bewegen sich Rezensionen auch belletristischer Bücher.

Über Jahre war der Historiker Karlheinz Weißmann stilprägender Autor der Sezession und bestimmte mit seinen Aufsätzen, Glossen und Rezensionen ihre Richtung. Kennzeichnend für Weißmanns Überlegungen war die Frage nach der Macht und dem Gestaltungswillen von Eliten in staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen. Weißmanns analysestarke, aber aktionsarme Zugriffe auf rechte Themen verliehen Sezession einen gravitätischen Habitus. Die Autorenschaft – Autorinnen sind, abgesehen von Ellen Kositza und Caroline Sommerfeld-Lethen, die Ausnahme – rekrutierte sich in den ersten Jahren aus dem Umfeld der Jungen Freiheit (JF). Zudem finden sich dort Personen wie Bernd Rabehl, die ursprünglich nicht dem »neu-rechten« Milieu zuzurechnen waren, sich ihm aber inhaltlich angenähert haben. In den zurückliegenden Jahren kamen Nachwuchsautoren aus dem Umkreis der »Identitären« hinzu. Programmatische Texte kommen nach dem Bruch zwischen Sezession und Weißmann von Kubitschek oder auch dem ehemaligen Funktionär des »Nationaldemokratischen Hochschulbundes« (NHB), dem Juristen Thor von Waldstein. Kubitschek ist zugleich verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift.

Sezession erschien bis 2006 vierteljährlich, seit 2007 erscheint die Zeitschrift zweimonatlich. Zweifelsohne ist die Auflage in den vergangenen Jahren dank der medialen Präsenz ihres Verlegers Götz Kubitschek gestiegen, nach eigenen Angaben liegt sie bei 3.000 Exemplaren. Die Verknüpfung mit dem gleichnamigen Onlineangebot ermöglicht die Interaktion mit den Lesern. Die Reichweite der gedruckten Sezession ist jedoch nicht an der Auflage allein zu messen: In einem Milieu, in dem Elitedenken und Verachtung der Massen herrschen, ist es wichtig, wer die Zeitschrift liest.

Inhaltliche Bezugnahmen von Feuilletonautoren in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Süddeutschen Zeitung auf die Sezession zeigen, dass diese im etablierten Kulturbetrieb bereits wahrgenommen wurde, als es in den genannten Zeitungen noch keine Reportagen aus Schnellroda gab. Die intendierte intellektuelle Wirkung von Sezession besteht darin, langfristig Diskursverläufe zu beeinflussen. Ihre Leserschaft dürfte sich, abgesehen von den burschenschaftlichen Kreisen, bei AfD-Mandats- und Funktionsträgern sowie deren parlamentarischen Mitarbeitern finden. Sezession ist keine Publikumszeitschrift und nicht im Zeitschriftenhandel erhältlich. Zudem sind in ihrer politischen Nachbarschaft in den vergangenen Jahren Zeitschriften entstanden, deren Profil sich zwar von ihr unterscheidet, die jedoch auf eine ähnliche Zielgruppe setzen. Für eine hohe Leserbindung an die Zeitschrift sorgen nicht zuletzt die sogenannten Akademien und Salons des IfS. Diese an den akademischen Nachwuchs adressierten Schulungen können die Begegnung mit dem Kreis der Sezession-Autoren ermöglichen und neue Leser rekrutieren. Vorträge, die auf den »Akademien« des IfS gehalten werden, finden sich anschließend in Sezession, inhaltlich aufbereitet, wieder. Auf diese Weise gewann die Zeitschrift in den letzten Jahren jüngere Autoren.

Publizistische Zellteilung

Die seit Frühjahr 2017 zweimonatlich erscheinende Zeitschrift Cato ist Produkt einer »neu-rechten« publizistischen Zellteilung. Im Zuge der Debatte um Rolle, Aufgaben und Chancen der Gründung der AfD war es 2014 im IfS zu einer Spaltung zwischen Karlheinz Weißmann und Götz Kubitschek gekommen. In der Folge verließ Weißmann das IfS und stellte seine Mitarbeit für Sezession ein. Das Erbe des verstorbenen Caspar von Schrenck-Notzing sah Weißmann nun in der »Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung« (FKBF) mit Sitz in Berlin verwirklicht, die Trägerin der »Bibliothek des Konservatismus« ist und deren Stiftungsvorsitz JF-Chefredakteur Dieter Stein innehat. Der Verlag der JF ist denn auch alleiniger Gesellschafter des Magazins Cato. In diesem Umfeld trug man sich bereits einige Jahre mit dem Gedanken der Gründung einer Zeitschrift. Mit Cato hoben Weißmann, Stein und Andreas Lombard (Landt-Verlag) ein neues publizistisches Forum für »neu-rechte« Theorie und Lebensart aus der Taufe; die Startauflagen betrugen nach eigenen Angaben 50.000 Exemplare. Dass dies im engen Marktsegment rechter Zeitschriften nicht ohne Risiko ist, scheint den Machern bewusst. Auf die Frage, ob es zwischen Magazinen wie Eigentümlich frei, Sezession, Tichys Einblick und Cicero auf dem publizistischen Markt noch Platz für eine solche Zeitschrift gebe, antwortete Chefredakteur Lombard im Interview mit der JF, Cato richte sich an ein »Milieu, das nicht Mainstream ist und sich oft (…) als konservativ versteht«. Gerade »der Erfolg von Eigentümlich frei, aber auch die Entwicklung bei Tumult (…) zeigen den Bedarf klar an«. Auf die Sezession angesprochen, antwortet Lombard, diese habe eine »spezielle, nationalrevolutionäre Ausrichtung. Das wäre mir zu eng«. Eine metapolitische Linie liege ihm näher als die tagespolitische Intervention, sagt Lombard. Doch gerade die »Metapolitik« ist bei Sezession erklärtes, wenn auch immer weniger eingelöstes Programm.

Cato ist eine Publikumszeitschrift, setzt in den bislang erschienenen Ausgaben auf ausladendes Layout und Bildstrecken und scheut auch vor boulevardesken Formaten nicht zurück. Zu den festen Rubriken zählen Interview, Essay und Kolumne. In einer Rubrik wird auf die Frage geantwortet: »Was ist deutsch?« Wie zuvor in Sezession legt Karlheinz Weißmann die ideologischen Fundamente der Zeitschrift. Die inhaltliche Agenda ist klar »neu-rechts« ausgerichtet. So würdigte eine der zurückliegenden Ausgaben Botho Strauß’ Werk als Impulsgeber für den rechten Aufbruch zu Beginn der 1990er Jahre. Doch anders als inzwischen bei Sezession ist der faschistische Aktivistensound in Cato gänzlich abwesend.

Konzeptionell scheint Cato stärker an die Tradition von Mut anzuknüpfen als an die Binnenidentitätsdiskurse eines »neu-rechten« Bewegungsflügels, die in Sezession inzwischen dominieren. Mit dem Werbespruch »Ihre Arche für die Stürme von morgen« gibt sich Cato gediegen, wertkonservativ und zielt auf eine bildungs- und besitzbürgerliche Leserschaft. Dennoch spielen sich Sezession und Cato indirekt inhaltliche Bälle zu, etwa wenn in einer Cato-Ausgabe die US-amerikanische Feministin Camille Paglia porträtiert wird, deren Buch im Verlag Antaios erscheinen sollte. Neben Autoren aus dem JF-Umkreis kann Cato auch solche an sich binden, die nicht zum rechtsintellektuellen Milieu gehören. Darin folgt sie dem Muster der Jungen Freiheit. Mit Cato und Sezession fischen zwei Zeitschriften in denselben rechtsintellektuellen Gewässern. Was das Marktsegment rechter Publikationen angeht, so konkurrieren sie miteinander. Inhaltlich jedoch verhalten sich beide Zeitschriften wie die unterschiedlichen »neu-rechten« Strömungen durchaus komplementär zueinander.

Der rechte Rand. Das antifaschistische Magazin (Hrsg.): Das IfS. Faschist*innen des 21. Jahrhunderts. Einblicke in 20 Jahre »Institut für Staatspolitik«. VSA-Verlag Hamburg 2020, 184 Seiten, 12,80 Euro

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