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Aus: Ausgabe vom 16.11.2020, Seite 8 / Ansichten

Schwarzbrotesser des Tages: Gerd Müller

Von Kristian Stemmler
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Gerd Müller im Bundestag

Gerd Müller kennt sich aus in Afrika. Nein, nicht der Fußballer, der Bundesentwicklungsminister von der CSU. Wenn ein »afrikanischer Mann« 100 Dollar verdiene, erläuterte Müller im November 2016 Parteifreunden, dann gebe er 70 davon für »Alkohol, Suff, Drogen, Frauen natürlich« aus. Als die Empörung hochkochte, entschuldigte sich der Minister. Schließlich wollte er sein Image als »gutes Gewissen der CSU« nicht gefährden, das er sich mit dem Dreschen pseudohumanistischer Phrasen erworben hat.

Doch diesmal ist der Ruf wohl schwer zu retten. Bild am Sonntag (BamS) hat Müller das Etikett »Minister Schamlos« verpasst. Da muss schon was dran sein, wenn Springer einen CSU-Mann fallenlässt. Das Blatt warf ihm vor, seine Frau bei sieben Dienstreisen, sechs davon nach Afrika, im VIP-Bereich der Regierungsmaschine mitgenommen zu haben. Das Nachsehen hätten die entwicklungspolitischen Sprecher von Grünen und FDP gehabt, die bei keiner dieser Reisen dabei waren. Gegenüber dpa gab Müllers Sprecher zu, der Minister sei fünfmal von seiner Ehefrau im Regierungsflieger begleitet worden, viermal per Linienflug. Aber alle anfallenden Kosten habe die Frau selbst bezahlt.

Das wird Müller kaum noch helfen, denn was BamS weiter herausfand, ist noch entlarvender. Protokollmitarbeiter haben dem Blatt offenbar gesteckt, dass kaum ein Minister so viele Sonderwünsche habe wie Müller, der sich geriert wie ein Rockstar auf Welttournee. Mehrfach habe er Vier-Sterne-Hotels in Afrika abgelehnt, auf einem Upgrade auf fünf Sterne bestanden. Auch seien die Essenswünsche sehr speziell. Einmal habe sein »geliebtes Schwarzbrot« eingeflogen werden müssen. Macht sich nicht gut für einen Entwicklungsminister, der im TV gern den Hunger und die Armut in Afrika skandalisiert. Auch wenn Schwarzbrot erst mal bodenständiger klingt als Suff und Drogen.

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Debatte

  • Beitrag von Tobias B. aus . (16. November 2020 um 08:08 Uhr)
    Na ja, liebe junge Welt, nur weil es in der Bild steht, muss es noch nicht richtig sein. Sonst lasst ihr doch auch kein gutes Haar an diesem Blatt. Und jetzt schreibt ihr Vorwürfe ungeprüft ab ... Das ist billig und einer Zeitung, die sich selbst als unverzichtbar erklärt nicht wirklich würdig.

    Ich kann den Müller zwar auch nicht leiden, aber ein wenig Substanz sollten Vorwürfe schon haben – gerade wenn sie dem politischen Gegner betreffen.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Marco Beyer: Bild-Leser des Tages ... Man kann ja über den Entwicklungsminister Gerd Müller denken, was man möchte, und gerne auch Kritik üben. Aber diese sollte dann sachlich und ordentlich recherchiert sein. Das Studium eines plumpen Sp...

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