Gegründet 1947 Freitag, 4. Dezember 2020, Nr. 284
Die junge Welt wird von 2453 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 16.11.2020, Seite 5 / Inland
Arbeitskampf

Außer Betrieb

Passt zu Kahlschlagsplänen des Konzerns: Autobauer Daimler will Mercedes-Benz-Werk in Berlin-Marienfelde de facto stillegen
Von Oliver Rast
imago0078520252h.jpg
Traditionsbetrieb vor dem Ende? Gabelstapler im Mercedes-Benz-Werk Berlin-Marienfelde

Erste Berichte gab es bereits Ende September. Das Daimler-Management will nicht mehr in die Motorenproduktion im Mercedes-Benz-Werk Berlin-Marienfelde investieren. Von aktuell 2.500 Arbeitsplätzen soll der IG Metall (IGM) zufolge lediglich ein Fünftel übrigbleiben. Das wäre faktisch das Aus für den Standort, übrigens das älteste, 1902 gegründete Werk des Autobauers.

Die Belegschaft ist längst alarmiert, zeigt sich kämpferisch. Am vergangenen Donnerstag zog mit rund 1.200 Beschäftigten beinahe die komplette Schicht über das Betriebsgelände vor die Werkstore. Ein Protestsignal für den Standorterhalt samt Aufruf, die Produktion klimafreundlich zu transformieren. Jan Otto, Erster Bevollmächtigter der IGM Berlin, betonte vor den Demonstrierenden: »Wir wissen, dass wir von der Verbrennertechnologie Abschied nehmen müssen. Dazu sind wir bereit.« Das Know-how – von der Fertigung bis zur Entwicklung sei vorhanden. »Der Mut ebenfalls, nur den Managern fehlt er bisher«, sagte Otto.

Jetzt braucht es Initiativen von unten, das wissen die Beschäftigtenvertreter. Die Geschäftsführung reagiere nur, wenn die Lieferketten nicht mehr funktionieren, »und genau da wollen wir hin«, sagte Bojan Westphal, Daimler-Betriebsrat, auf der Kundgebung. Für die Kolleginnen und Kollegen gehe es um die Existenz. Und der Betriebsratsvorsitzende des Werkes, Michael Rahmel, ließ keinen Zweifel aufkommen: »Wir werden um jeden Arbeitsplatz hier kämpfen.«

Die Konzernspitze mit ihrem Chefsanierer und Vorstandsvorsitzenden Ola Källenius hält sich bedeckt, äußerte sich bislang nicht zu Einzelheiten des neuerlichen Kahlschlagplans. Nur soviel: Das Unternehmen hatte verkündet, die Produktionsstrecke des V6-Dieselmotors in Marienfelde einzustellen und sich verstärkt an anderen Standorten auf Elektromobilität zu konzentrieren. Die Fertigung in der Hauptstadt stillzulegen, passt zum Kürzungsprogramm von Daimler, in den kommenden Jahren weltweit 30.000 von etwa 290.000 Stellen zu streichen.

Vor wenigen Tagen löste eine Art Fahnenflucht weiteren Unmut in der Belegschaft aus. Nach IGM-Angaben heuerte der ehemalige Werksleiter René Reif bei Tesla an. Der US-Elektroautobauer zieht nur etwa 50 Kilometer südlich vom Mercedes-Benz-Werk im Eiltempo seine »Gigafactory« in Grünheide hoch. Das Handelsblatt spekulierte in seiner Wochenendausgabe, dass Reif »wohl keine Lust mehr auf den Job als ›Abwickler‹ gehabt habe.« Metaller Otto mokierte sich dabei über »seelenlose Manager«, mit denen man »die Zukunft nicht bauen« könne.

Erste Kundgebungen fanden bereits Anfang vergangener Woche statt. Bis zu 80 Beschäftigte und solidarische Aktivisten versammelten sich vor den Zufahrtsstraßen des Werkes. »Wie stark der Druck ist, etwas zu tun«, habe die Demonstrationsbereitschaft am Donnerstag belegt, sagte Angelika Teweleit, eine der Sprecherinnen der Vernetzung für kämpferische Gewerkschaften (VKG), am Sonntag gegenüber jW. Die Botschaft der kritischen Gewerkschafter und Daimler-Kollegen stand in großen Lettern auf einem meterlangen Transparent: »Streik ist die einzige Sprache, die sie verstehen.« Für Teweleit ist klar: Es dürfe keine Zugeständnisse mehr geben, die Erfahrung zeige, Verzicht sichere keine Arbeitsplätze, sondern ermutige Konzernbosse zu weiteren Angriffen.

Nur: Wird die IG Metall standhalten, gar in der Krise offensiver auftreten? Zuversicht gibt es. Der Gewerkschaftsvorsitzende Jörg Hofmann hatte am 8. November in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erklärt: »Corona macht uns kreativer in den Aktionsformen, aber nicht zahnlos.« Und wie geht der Kampf um die Traditionsfabrik in Berlin weiter? Aktionen stehen an, eine Großdemo nach der Betriebsversammlung am 9. Dezember etwa. Dann, so der örtliche IGM-Chef Otto, »wird es Feuer vom Himmel regnen.«

Unverzichtbar!

»Die junge Welt ist unverzichtbar, wegen ihrer klaren Positionierung beim Kampf für eine lebenswerte, von Ausbeutung befreite Welt. Sie verdeutlicht, dass nur in vereinten Kämpfen Erfolge errungen werden können!« – Andre Koletzki, Geprüfter Meister für Bäderbetriebe, Berlin

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung im Netz ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme – gedruckt und online!

Debatte

  • Beitrag von Matthias M. aus H. (16. November 2020 um 01:31 Uhr)
    Das ist das Dilemma. Wenn eine Branche mit Produkten, die aus der Zeit gefallen sind, eine Branche, die angesichts der Grenzen des Wachstums und angesichts der Klimakrise eigentlich wohlverdient und notwendig schrumpft, dann spuckt sie Heerscharen überflüssiger Arbeitskräfte aus.

    Was würden »wir« dazu sagen und schreiben, wenn Rheinmetall ein Werk schließt und 4/5 der Belegschaft abbaut?

Ähnliche:

  • Vergessener Ausstand. Der Arbeitskampf der Reichsbahner Ende Nov...
    26.11.2015

    Alle Signale auf Rot

    Ein Massenstreik bei der Reichsbahn legte vor 25 Jahren die ostdeutsche Wirtschaft lahm
  • Bei den Bayrischen Motorenwerken nur als handzahmer Sozialpartne...
    03.02.2015

    Freude am Union Busting

    Aktive Gewerkschaftsbekämpfung findet nicht nur bei BMW statt. Der bayrische Automobilhersteller betreibt sein Zermürbungswerk gegen renitente Arbeiter aber besonders gründlich. Das hat Tradition.
  • 18.02.2014

    Nicht alphabetisch

    In den Daimler-Werken gibt es Streit über die Listenaufstellung zur Betriebsratswahl. Oppositionelle Kandidatur in Berlin, Persönlichkeitswahl in Kassel

Regio:

Mehr aus: Inland

Die neue jW–Serie: »Wohnen im Haifischbecken« – ab Sonnabend, 5. Dezember, am Kiosk!