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Aus: Ausgabe vom 16.11.2020, Seite 2 / Inland
Geplante Haribo-Werksschließung

»Es gibt genug Arbeit in allen Werken«

Geplante Standortschließung in Westsachsen: Haribo macht Beschäftigte nicht froh. Ein Gespräch mit Thomas Lißner
Interview: Gitta Düperthal
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Freundliches Bärchen, unfreundliche Firmenleitung: Bei Haribo ist nicht alles Gold, was glänzt

Der Süßwarenhersteller Haribo will sein Werk im sächsischen Wilkau-Haßlau zum 31. Dezember schließen. Wie lief die Debatte von Lokalpolitikern, Betriebsräten und Gewerkschaftern, die sich deshalb am Donnerstag im dortigen Rathaus trafen?

Ein breites Bündnis schloss sich zusammen, um sich für den Erhalt des Haribo-Werks im Land einzusetzen. Bundes- und Landtagsabgeordnete sowie Lokalpolitiker verschiedener Parteien – von der Linken bis zur CDU – appellierten an die Geschäftsführung, den einzigen Standort von Haribo in Ostdeutschland zu erhalten. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, CDU, sagte zu, das Gespräch mit der Eigentümerfamilie zu suchen – und zwar in Kooperation mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet von der CDU und seiner rheinland-pfälzischen Amtskollegin Maria Luise Dreyer, SPD. In beiden Bundesländern sind weitere vier Haribo-Betriebe angesiedelt. Ob CDU-Kommunalpolitiker wie Wilkau-Haßlaus Bürgermeister Stefan Feustel oder Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig, SPD: alle appellieren an die Firmenleitung, Alternativen zu finden. Das Werk ist von Bedeutung für die Stadt und den lokalen Arbeitsmarkt. Auch wegen der guten Geschäftslage des Unternehmens kann niemand nachvollziehen, dass der Betrieb dichtmachen soll. Dulig bot dem geschäftsführenden Gesellschafter Guido Riegel Hilfen des Freistaats zur Innovation und Investition an. Die Linken-Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann sieht die Unternehmensleitung in der Pflicht, da diese Gewinne aus Wilkau-Haßlau abgezogen hat, anstatt in den Standort zu investieren.

Wie reagiert die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten?

Gemeinsam mit dem Betriebsrat und dem DGB starten wir große Protestaktionen am 21. November um 14 Uhr am Zwickauer Kornmarkt – natürlich mit Abstand und Mund- und Nasenschutz. Was genau passiert, verraten wir noch nicht. Weil es nicht nur um die 150 Beschäftigten dort geht, sondern um die ganze Region, haben unsere Petition »Rettet Haribo in Wilkau-Haßlau« schon mehr als 10.000 Menschen unterschrieben. Um die Adventszeit herum soll es dann eine Menschenkette um das Werk geben.

Interessant ist auch die Geschichte des Werks zu DDR-Zeiten.

Das Haribo-Werk hier in Ostdeutschland hat eine Geschichte von mehr als 120 Jahren. Der Bäcker Oswald Stengel gründete es 1898 als Lebkuchenfabrik. 1949 wurde der Betrieb an das Land Sachsen verkauft. So entstand der volkseigene Betrieb Süßwarenfabrik Westsachsen. Zu DDR-Zeiten wurden von hier aus Gummibärchen, Gelatine-Elastik-Zuckerwaren genannt, auch in den Westen an Haribo geliefert. 1990 übernahm Haribo den Betrieb, seither einer der größten Arbeitgeber der Region. Den Menschen ist unverständlich, weshalb das Werk so plötzlich dichtgemacht wird, obgleich es dem Unternehmen gutgeht. Für alle Beteiligten ist das ein Schock.

Das Management behauptet, es fehle die »Flexibilität für ein schnell anpassbares Produktportfolio« – ist das so?

Nein. Maschinenführer dort sind in der Lage, flexibel und schnell auf eine andere Produktion umzustellen. Genau darauf sind die Beschäftigten ja so stolz. Es gab eine Wirtschaftlichkeitsprüfung, mit den Umsatzzahlen ist alles in Ordnung. Die Geschäftsleitung argumentierte, das Zentrallager von Haribo in Grafschaft sei etwa 500 Kilometer entfernt, die Wege zurückzulegen, sei nicht nachhaltig. Die Logistikkosten seien hoch.

Wie schätzen Sie das ein?

Nun, die Unternehmensführung bietet jetzt den Beschäftigten an, in den anderen Filialen weiter tätig zu sein. In der Hinsicht sind 500 Kilometer dann wohl kein Problem.

Welche Lösungen sind vorstellbar?

Transporte wären mit Zügen möglich. Zudem war der Bärchenhersteller in der Lage, fast drei Millionen Euro in ein Werk in den USA zu investieren. Das steht in keinem Verhältnis zur angeblichen Notwendigkeit, das Werk in Wilkau zu schließen. Haribo hat hier Gewinne in Millionenhöhe abgezogen. Übrigens ist der Umsatz während der Coronakrise in der Süßwarenbranche sogar gestiegen. Es gibt also genug Arbeit in allen Werken. Wir werden um den Erhalt der Fabrik in Wilkau kämpfen.

Thomas Lißner ist ­Sekretär der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG)

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