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Aus: Ausgabe vom 13.11.2020, Seite 11 / Feuilleton
Rock

Das Helle und das Dunkle

Es wird wieder gerockt: Bruce Springsteens Album »Letter to You«
Von Rouven Ahl
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Nicht mehr allein: Bruce Springsteen rockt wieder mit der E Street Band

Wurde ja auch Zeit: Auf seinem neuen Album »Letter to You« ist Bruce Springsteen wieder mit der E Street Band vereint. Nach sechs Jahren. Es gibt nur wenige Gruppen, die einen vergleichbaren Sog entfalten können wie eben Springsteens langjährige Weggefährten, mit denen er in den vergangenen Jahrzehnten eine Art On-off-Beziehung pflegte.

Ohne die Band hat Springsteen tolle Alben gemacht (»Nebraska«, 1982), mit ihr großartige (»Born to Run«, 1975). Die Rückkehr der E Street Band macht sich prompt im Songwriting Springsteens bemerkbar: Es wird wieder gerockt. So frisch und voller Leidenschaft, wie es Springsteen in der jüngeren Vergangenheit nicht mehr konnte. Oder wollte.

Springsteen bezeichnet »Letter to You« im Podcast von Autor Malcolm Gladwell und Musikproduzent Rick Rubin als »bestes Album, das ich seit langem mit meiner Band gemacht habe«. Wohl wahr. Sämtlichen Beteiligten hört man den Spaß an, den sie bei den Aufnahmen hatten. Nicht zuletzt, weil das Album in nur wenigen Tagen live eingespielt wurde, ist es von einer Dringlichkeit und Energie, die einen packt und nicht mehr loslässt.

Gleichwohl: War es auf seinen ersten Alben die reine Lebenslust und adoleszente Sehnsucht, die Springsteen wie kein zweiter in Songs zu verpacken wusste, schleicht sich nun ein anderes Thema ein: Vergänglichkeit. Erster (»One Minute You’re Here«) und letzter Song (»I’ll See You in My Dreams«) handeln vom Ableben und Vermissen geliebter Menschen. »Last Man Standing« bedeutet, dass Springsteen das letzte noch lebende Mitglied seiner ersten Band ist. Was einen schon zum Nachdenken bringen kann. Andererseits: Man geht ja nie so ganz.

Das 20. Studioalbum von Springsteen hätte also durchaus ein zutiefst nostalgisches werden können. Und bei manchem Saxophonpart von Jake Clemons, dem Neffen des verstorbenen, langjährigen Saxophonisten der Band, Clarence Clemons, schlägt diese melancholische Nostalgie auch durch. Stärker ist freilich der Blick nach vorn. Die Ironie dabei: Gleich drei Lieder schrieb Springsteen bereits in den 70er Jahren, für »Letter to You« wurden sie neu arrangiert. »Song for Orphans«, »If I Was the Priest«, vor allem »Janey Needs a Shooter« gehören denn auch zu den besten Stücken der Platte.

Von den neuen Songs hat es Springsteen nach eigener Aussage »House of a Thousand Guitars« besonders angetan. Das Stück feiert die Macht der Musik, ihre vereinende Kraft. Ein nachgerade klassisches Springsteen-Motiv.

Auf »Letter to You« feiern der »Boss« und seine Musiker sich und das Leben, mit seinen hellen und dunklen Seiten. Es wäre der ideale Abschluss einer sehr großen Karriere. Doch dafür wirkt Springsteen viel zu umtriebig, zu hungrig. Zu hungrig auf das Leben und die Musik. War bei ihm eh immer dasselbe.

Bruce Springsteen: »Letter to You« (Columbia/Sony)

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