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Aus: Ausgabe vom 13.11.2020, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Union Busting

»Dreiste Tricksereien sind charakteristisch«

Aktionstag am Freitag, dem 13.: Kritik an Kaffeehauskette Starbucks, die mit verschiedenen Mitteln Betriebsratsarbeit verhindert. Ein Gespräch mit Jessica Reisner
Interview: Oliver Rast
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Tolles Image, teurer Kaffee, miese Arbeitsbedingungen: Am Freitag wird gegen die Methoden von Starbucks protestiert

An diesem Freitag, dem 13. November, steht wieder ein Aktionstag der »Aktion Arbeitsunrecht« an. Dieses Mal thematisieren Sie die Machenschaften der Kaffeehauskette Starbucks, Ihr Motto: »Starbucks: Fette Gewinne, niedrige Löhne«. Wie unterscheiden sich die Arbeitsbedingungen dort von denen in anderen Kaffeehausketten?

Wir greifen Starbucks aufgrund eines konkreten Falles von Betriebsratsbekämpfung in Berlin an. Wie es bei anderen Ketten aussieht, würde uns auch inte­ressieren. Wir wissen es nicht. In Deutschland hat sich Segafredo in den letzten Jahren mit mehr als 350 Filialen zur Nummer eins auf dem Markt gemausert, während Starbucks mit 165 stagniert.

Starbucks folgt den Prinzipien der Systemgastronomie, die McDonald’s entwickelt hat. Früher waren diese Franchise-Ketten zu 100 Prozent betriebsratsfrei. Inzwischen hat sich die »Union Busting«-Strategie noch verfeinert. Man lässt wenige Vorzeigebetriebsräte existieren, auch einen deutschen Gesamtbetriebsrat zu. Aber wehe, der Betriebsrat betreibt tatsächlich eine unabhängige, aktive Interessenvertretung! Dann reagiert das Management mit Zermürbungsmethoden, die auf Kündigung der Protagonisten und die Zerschlagung des Gremiums abzielen.

Wie ist das bei Starbucks in Berlin gelaufen?

Charakteristisch sind die dreisten Tricksereien mit dem Betriebsbegriff. Starbucks sabotierte die Betriebsratsarbeit in Berlin durch willkürliche, bewusst unsinnige Zusammenfassungen von Filialen mit wechselnder Distrikteinteilung. Die Distrikte gelten als eine Art virtueller Betrieb. Dazu gehörten dann Filialen in verschiedenen Ecken Berlins. Durch schikanöse Versetzungen von Betriebsratsmitgliedern ist es dem Management gelungen, ein aktives Gremium aufzulösen. Zu dem Skandal gehört, dass das Arbeitsgericht Berlin diesen Mumpitz auch noch absegnete! Hinzu kommen juristische Nachstellungen durch Anwälte, die in Deutschland inzwischen Routine sind: absurde Abmahnungen, konstruierte Kündigungsversuche. Der Betriebsratsvorsitzende Michael B. hat ein Dutzend teils bizarrer Kündigungsversuche angesammelt.

An welchen Orten haben Sie Aktionen bei Starbucks-Filialen geplant?

Auf der Liste stehen Berlin, Düren, Duisburg, Hamburg, Köln, Nürnberg und Siegen. Weitere können sich anschließen, klar. Auf unserer Webseite gibt es Flyer zum Download, die in Supermarktregalen hinterlassen werden können, die Starbucks-Produkte führen. Es gibt Kundgebungen und Agit-Prop-Aktionen. Online rufen wir dazu auf, kritische Kommentare zum Umgang mit den Beschäftigten auf Starbucks-Webseiten und Bewertungsportalen zu schreiben.

Wie sieht es mit der Mobilisierung unter Starbucks-Beschäftigten aus? Organisieren sie sich verstärkt gegen die eigene Geschäftsleitung?

Die Lage ist schwierig. Starbucks arbeitet mit befristeten Verträgen, Kritik wird umgehend sanktioniert. Das erzeugt ein Klima der Angst und bei vielen eine Art Duckmäuser- und Strebermentalität. Das Management verlangt den Beschäftigten viel Flexibilität ab, mit kurzfristigen Einsätzen in wechselnden Filialen. Es gibt eine hohe Fluktuation. Das erschwert die Organisierung.

Glauben Sie, dass ein einmaliger Aktionstag die Unternehmensführung beeindruckt?

Wir gehen davon aus, dass es für jedes Unternehmen ärgerlich ist, wenn dessen Marke mit Ausbeutung und schmutzigen Methoden assoziiert wird. Starbucks ist hier besonders angreifbar, weil die Produkte überteuert sind. Der Preis wird durch »Fair trade« und Wohlfühlatmosphäre gerechtfertigt.

Das Aktionsformat »#Freitag13« hat bereits richtig weh getan: Der Essenskurier Deliveroo flüchtete regelrecht aus Deutschland, der H&M-Aktienkurs rutschte 2017 ab. Am 13. September 2019 sind wir gegen Werkverträge bei Tönnies vorgegangen; jetzt steht das gesetzliche Verbot derselben in der gesamten Fleischindustrie an.

Wie soll es nach den Aktionen am Freitag in Sachen Starbucks weitergehen?

Die Beschäftigten brauchen flankierende Maßnahmen kritischer, solidarischer Konsumentinnen und Konsumenten. Wir rufen zum unbefristeten Konsumstreik gegen Starbucks auf bis unsere zentralen Forderungen erfüllt sind: Betriebsratswahlen, Schutz aktiver Betriebsräte, Schluss mit Kettenbefristungen.

Jessica Reisner ist Vorstandsmitglied bei ­»Aktion Arbeitsunrecht«

arbeitsunrecht.de/starbucks

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