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Aus: Ausgabe vom 12.11.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Technologieführerschaft

Huaweis Gegenwehr

Rückschlag im Wirtschaftskrieg des Westens gegen China: Schwedisches Gericht hebt Ausschluss des Konzerns beim 5G-Netzausbau zunächst auf
Von Jörg Kronauer
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Mobilfunkmast in Schweden: Huawei vorläufig wieder im Rennen um den Netzausbau

Huawei wehrt sich: Der chinesische Konzern hat in Stockholm gegen seinen Ausschluss vom Aufbau der schwedischen 5G-Netze geklagt – und im ersten Schritt recht bekommen. Im Oktober hatte die dortige Post- und Telekommunikationsbehörde seine Verbannung aus den Netzen der fünften Mobilfunkgeneration des skandinavischen Landes verfügt. Zur Begründung berief sie sich, wie inzwischen üblich, auf nicht hinterfragte Geheimdienstvorwürfe. Am Montag setzte das Verwaltungsgericht in Stockholm die Entscheidung der Behörde vorläufig aus (siehe jW vom 11.11.). Der Kampf um die Beteiligung von Huawei beim Netzausbau geht nun in die nächste Runde. Abgesehen von den globalen Schlachten um den neuen Mobilfunkstandard hält er auf dem Smartphoneweltmarkt und vor allem in der Halbleiterindustrie an.

Rückschläge bei Smartphones

Auf dem Smartphoneweltmarkt hat Huawei Rückschläge hinnehmen müssen. War es dem Konzern im zweiten Quartal 2020 trotz aller Widrigkeiten noch gelungen, erstmals mehr Smartphones zu verkaufen als der bisherige Platzhirsch Samsung, so ist sein Absatz in der Branche im dritten Quartal derb eingebrochen. Mit einem Anteil von 14,7 Prozent liegt Huawei nun wieder deutlich hinter Samsung (22,7 Prozent). Profitiert hat besonders einer der chinesischen Konkurrenten: Xiaomi konnte seine Verkäufe im Jahresvergleich um 42 Prozent steigern und hat mit einem Marktanteil von 13,1 Prozent Apple (11,8 Prozent) von Platz drei verdrängt. Weitere chinesische Produzenten rücken ebenfalls nach: Vivo hält einen Weltmarktanteil von 8,9 Prozent, Oppo setzt auf Europa, hat im Oktober eine strategische Partnerschaft mit der Deutschen Telekom geschlossen und will in zwei bis drei Jahren in der BRD einen zweistelligen Anteil erreichen. Huawei dagegen will sich Berichten zufolge von seiner Marke Honor trennen und konzentriert sich aktuell darauf, das Betriebssystem Android (Google), dessen Nutzung ihm US-Sanktionen verbieten, durch seine Eigenentwicklung Harmony OS zu ersetzen. Das soll zum Jahreswechsel beginnen. Gelingt es, dann stünde das Beinahemonopol von Android vor dem Fall.

Im Hintergrund des Kampfs um Anteile am profitablen Smartphonemarkt wird freilich eine ungleich bedeutendere Schlacht ausgetragen: die um die Produktion von Halbleitern, ohne die kein Smartphone, kein 5G-Netz und auch sonst rein gar nichts in der rasant boomenden Welt digitaler Technologien läuft. Die USA setzen im Kampf gegen Huawei wie auch in ihrem Krieg gegen die gesamte chinesische Hightechbranche zunehmend darauf, den Verkauf von Halbleitern an chinesische Unternehmen durch extraterritoriale Sanktionen zu verbieten. Das ist nicht ohne Risiko: Branchenkreise beziffern den Wert der weltweit verkauften Halbleiter zur Zeit auf mehr als 400 Milliarden US-Dollar im Jahr. Rund 36 Prozent davon erwerben chinesische Unternehmen. Wer diesen Absatzmarkt verliert, gräbt sich womöglich sein eigenes Grab. Und das droht in der Tat: Beijing hat kürzlich angekündigt, seinen Investitionsfonds zum Ausbau der Halbleiterindustrie, die in China tatsächlich noch riesige Lücken aufweist, um 28,9 Milliarden US-Dollar aufzustocken, und es zeichnen sich zugleich erste Erfolge ab. So urteilte diese Woche das Fachblatt Elektronik, auf einem wichtigen Feld der Chipproduktion, beim »28-nm-CMOS-Knoten«, sei »Autarkie« – also Unabhängigkeit von US-Sanktionen – für China »in Reichweite«. Die Schlacht geht weiter: Washington sucht Beijing jetzt auch von der Belieferung mit Hightechmaschinen abzuschneiden, ohne die man keine Halbleiter herstellen kann. Noch dominieren westliche Firmen den Markt – doch sollte es der Volksrepublik gelingen, auch hierbei autark zu werden, dann ginge die westliche Technologieführerschaft womöglich dem Ende entgegen.

Knackpunkt Halbleiter

Kein Wunder, dass selbst US-Halbleiterkonzerne in Washington auf Ausnahmegenehmigungen für den Export nach China dringen: Das soll die eigenen Profite sichern und den Anreiz für Beijing, eine eigene Halbleiterproduktion aufzubauen, zumindest reduzieren. So wurde Ende Oktober bekannt, dass die US-Behörden immer mehr Lieferungen an Huawei wieder erlauben – Ausnahme: Halbleiter für 5G-Technologie. Schließlich ist diese für die digitale Entwicklung in den kommenden Jahren absolut zentral. Das Problem ist nur: Der Huawei-Boykott könnte für den Westen zum Rohrkrepierer werden. Großbritannien etwa rechnet aufgrund des Huawei-Ausschlusses mit Verzögerungen bei 5G von bis zu drei Jahren. Die Coronakrise verzögert den Netzausbau weiter – und dann kommen noch Gerichtsverfahren wie dasjenige in Schweden hinzu, das eine Verschiebung der dortigen 5G-Auktion erzwungen hat. Dabei befindet sich die EU laut einer Untersuchung des Lobbyverbandes European Round Table for Industry (ERT) längst weit im Rückstand: Sie verfügt aktuell über acht 5G-Basisstationen pro Million Einwohner, China bereits über 86 – und der Vorsprung der Volksrepublik wächst.

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