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Aus: Ausgabe vom 12.11.2020, Seite 8 / Ansichten

Spielmacher Russland

Von Reinhard Lauterbach
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Russische Soldaten auf dem Weg nach Berg-Karabach (ohne Orts- und Zeitangabe)

Da hätte wirklich etwas gefehlt, wenn sich nicht einer von Deutschlands berufsmäßigen Russlandhassern zu Wort gemeldet hätte. Manuel Sarrazin, Osteuropa-Sprecher der Grünen: »Die Bundesregierung sollte sich keine Illusionen machen: Dem Kreml geht es nicht um Frieden, sondern um Einflussnahme und politische Kontrolle der Region«, zitierten ihn am Dienstag die Nachrichtenagenturen. Und der Westen solle Russland nicht »das Feld überlassen«.

Russland hat das Feld längst besetzt. Seine 2.000 Soldaten, die die armenische Exklave Berg-Karabach sichern, aber auch neue militärische Abenteuer ihrer nationalistischen Führung verhindern sollen, sind schon da. Eingeflogen mit einer Präzision und Schnelligkeit, die darauf schließen lässt, dass die Planungen für diesen Einsatz nicht erst am Wochenende begonnen hatten. Diese Demonstration von Operationsfähigkeit wird man auch in den westlichen Hauptstädten zur Kenntnis nehmen (müssen). Frieden ist hier ein geklärtes Kräfteverhältnis, das unmittelbare Gewalt überflüssig macht. Insofern steht er auch nicht im Gegensatz zu »Einflussnahme und politischer Kontrolle«, sondern setzt diese voraus.

Die jetzt gefundene Lösung ist aus Sicht sowohl Russlands als auch der Zivilbevölkerung von Berg-Karabach optimal. Letztere braucht sich nicht mehr von fanatischen Nationalisten für Ansprüche mit Wurzeln im frühen Mittelalter instrumentalisieren zu lassen, ersteres hat sich bis auf weiteres als das Land durchgesetzt, das im Südkaukasus die Karten mischt. Armenien ist von Russland künftig abhängiger als zuvor, weil das Schicksal seiner Landsleute in Karabach von russischen Soldaten gesichert wird. Aserbaidschan hat mit der Rückeroberung seiner seit knapp 30 Jahren besetzten Landesteile den völkerrechtlichen Status quo wiederhergestellt; Russland hatte keinen Anlass, hiergegen vorzugehen. Dafür ist Aserbaidschan ein viel zu guter Waffenkunde, der überdies an der Route von Russland in den Iran liegt. Und dafür hat Russland auch eine viel zu große muslimische Bevölkerung, als dass es sich eine einseitige Parteinahme für Armenien hätte leisten können.

Maximal zehn Jahre sieht das Abkommen für die russische Präsenz in Berg-Karabach vor. Wenn in dieser Zeit die politische Lösung und ein ziviler Umgang der beiden Nationalitäten miteinander zumindest in die Wege geleitet werden, wäre viel erreicht. Russland das Feld zu bestreiten, wie es der Grüne Sarrazin praktisch forderte, könnte nur funktionieren, indem bestehende Konflikte angefeuert, statt beigelegt würden. Wollte Sarrazin hier zündeln, wo der letzte Krieg gerade vorbei ist?

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Debatte

  • Beitrag von Christoph V. aus B. (12. November 2020 um 17:30 Uhr)
    Was Grüne von ordinären Faschisten unterscheidet, ist, dass sie nicht zugeben, Krieg spielen zu wollen, um endlich auch ganz groß rauszukommen. Deshalb immer die höhere Moral. Negativfolie ist Russland, die asiatische Despotie ... und schon schließt sich der Kreis zur ordinären faschistoiden Lumpenintelligenzija.

    C. Vohland, Bonn

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Michael Schmidt: Drang nach Osten Deutsche Machtansprüche im Kaukasus meldete bereits 2001 Exkriegsminister Volker Rühe wieder an: »Deutsche und europäische Politik müssen zunächst darauf ausgerichtet sein, die Ost-West-Tangente durch...

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