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Aus: Ausgabe vom 12.11.2020, Seite 5 / Inland
Überschuldung

Senioren in der Armutsfalle

»Schuldneratlas 2020«: Coronakrise verschärft soziale Lage vor allem bei Älteren
Von Susan Bonath
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Lebensmittel von sogenannten Tafeln sind für überschuldete Menschen nahezu alternativlos

Immer mehr Senioren können ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen und sind gezwungen, sich Lebensmittel bei den Tafeln zu besorgen. Binnen sieben Jahren hat sich die Zahl der überschuldeten Rentner in Deutschland vervierfacht. Auch für jüngere Menschen mit geringen Einkommen wächst die Gefahr im Zuge der Coronapandemie. Zu diesem Ergebnis kommt die Wirtschaftsauskunftei Creditreform Boniversum in ihrem am Dienstag veröffentlichten »Schuldneratlas 2020«.

Demnach waren 2013 etwa 120.000 über 70jährige überschuldet, in diesem Jahr kämpften bereits rund 470.000 mit permanent roten Zahlen im Haushaltsbuch. Allein in den vergangenen zwölf Monaten schnellte die Zahl um 23 Prozent in die Höhe. Bei den 60- bis 69jährigen verzeichnete die Erhebung einen Anstieg der Überschuldeten binnen Jahresfrist um 13 Prozent auf 725.000 Betroffene. Insgesamt steckten zuletzt fast sieben Millionen Menschen in der finanziellen Klemme. Zwar seien extrem hohe Zahlungsrückstände, die eine Privatinsolvenz nach sich ziehen, leicht zurückgegangen. Die sogenannte »weiche Überschuldung« sei indes gestiegen. Das heißt: Mehr Menschen können wegen finanzieller Überlastung ihre alltäglichen Rechnungen nicht zeitnah begleichen. Die Wirtschaftsauskunftei sieht eine »Ruhe vor dem Sturm« durch Corona.

»Einkommenseinbußen, gestundete Kreditverträge und Angst vor Zahlungsschwierigkeiten machen den Verbrauchern zu schaffen«, erläutert Boniversum-Geschäftsführer Stephan Vila in dem Bericht. So befinden sich weiterhin mehr als drei Millionen Menschen in Kurzarbeit, Tendenz inzwischen wieder steigend. Vielen droht die Arbeitslosigkeit. Dies zeigten die Ergebnisse dreier repräsentativer Umfragen. Besonders bei den Ärmeren zeichne sich ein starker Anstieg der Überschuldungsfälle im kommenden Jahr ab. »Die Gutverdiener können Einkommensausfälle durch Sparen und Konsumzurückhaltung kompensieren, den unteren sozialen Schichten mangelt es an finanziellen Reserven«, so Vila. Die Pandemie polarisiere daher zunehmend in Arm und Reich.

Der Vorsitzende des Bundesverbandes Tafel Deutschland, Jochen Brühl, warnt in einem Gastbeitrag zum Schuldneratlas vor zunehmender Mangelernährung durch finanzielle Probleme. Derzeit versorgten sich 1,65 Millionen Menschen bei den Essensausgaben, und es werden immer mehr. Bei Rentnern und Familien mit Kindern beobachtet er den anhaltend stärksten Zuwachs. Ihr Armutsrisiko habe drastisch zugenommen, so Brühl. Er konstatierte: »Corona verdichtet soziale Problemlagen.« Dabei hätten gerade jetzt viele Tafeln weiterhin nur eingeschränkt geöffnet.

Die wachsende Altersarmut beruht laut Schuldneratlas vor allem auf den Rentenkürzungen der letzten Jahrzehnte. Hinzu kämen mehr unstete Erwerbsbiographien, die Ausweitung des Niedriglohnsektors und der enorme Anstieg der Mieten. Aus Scham oder Überforderung mit der Bürokratie beantragten weiterhin viele Senioren keine Grundsicherung, obwohl sie ihnen zustünde.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Reinhard Hopp: Um den heißen Brei Auch mit diesem Bericht dokumentiert die jW mal wieder eine ihrer Kardinalkompetenzen. Für sich genommen ist alles richtig, was darin zur Sprache kommt. Auch die im letzten Absatz genannten Begründung...

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