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Aus: Ausgabe vom 12.11.2020, Seite 4 / Inland
Rassismus

»Rück lieber gleich die Drogen raus«

Bochum: Wissenschaftler stellen Studie zu Rassismus in der Polizei vor. Forscher spricht von »strukturellem Problem«
Von Kristian Stemmler
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Oft macht allein die Hautfarbe verdächtig: Polizeirazzia im Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg (18.11.2014)

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) habe nach langem Zögern einer »Rassismusstudie« zugestimmt, wurde Mitte Oktober von einigen Medien verbreitet. Tatsächlich war das Gegenteil richtig. Über der betreffenden Pressemitteilung stand: »Keine Rassismusstudie in der Polizei«. Seehofer hatte lediglich eine »Studie zu Alltagsrassismus« und eine »Untersuchung des Polizeialltags« angekündigt. Dass eine solche Rassismusstudie nötig ist, legt eine Untersuchung von Wissenschaftlern der Bochumer Ruhr-Universität um Tobias Singelnstein nahe, die der Kriminologe am Mittwoch bei einer Onlinepressekonferenz vorstellte.

Zwar sei die Polizei nicht »in Gänze« von Rassismus betroffen, sagte Singelnstein. Doch die Befunde der Untersuchung machten deutlich, dass rassistische Einstellungen eben nicht »vorrangig ein Problem einzelner Polizeibeamter« seien, sondern ein »strukturelles Problem«. Sie würden gefördert etwa von der Sozialisation der Beamten im Apparat, der »Binnenkultur« und der Art des Umgangs mit Fehlern. Oft spielten »unbewusste Stereotype« eine Rolle, es gebe aber auch »Anhaltspunkte für bewusst rassistische Einstellungen und intendiert rassistisches Handeln«. Wie verbreitet dieses Phänomen sei, darüber lasse sich noch keine Aussage machen.

Die 14seitige Studie wurde im Auftrag des Mediendienstes Integration erstellt, einem Projekt des Rats für Migration, in dem sich Migrationsforscher zusammengeschlossen haben. Singelnstein und seine Kollegen werteten dafür Daten aus ihrem 2018 gestarteten Forschungsprojekt »Körperverletzung im Amt durch Polizeibeamt*innen« (Kviapol) noch einmal gesondert aus. Für Kviapol hatten 3.373 Betroffene von Polizeigewalt über einen Onlinefragebogen Auskunft gegeben. Danach waren noch 63 Interviews geführt worden, auch mit Polizeibeamten und Mitarbeitern von Beratungsstellen.

Die Sonderauswertung kam zu dem Ergebnis, dass sich die Erfahrungen von »People of Colour« (PoC) und »Personen mit Migrationshintergrund« mit der Polizei deutlich von denen weißer Personen unterscheiden. Als »People of Colour« wurden von den Wissenschaftlern jene Studienteilnehmer definiert, die erklärten, sie würden üblicherweise von anderen als »nicht deutsch aussehend« wahrgenommen. Fast zwei Drittel der befragten PoC gaben an, sich in den mutmaßlichen Gewaltsituationen von der Polizei diskriminiert gefühlt zu haben. Auch 42 Prozent der Personen mit Migrationshintergrund bejahten das. Bei Personen ohne Migrationshintergrund waren es dagegen »nur« 31 Prozent.

Rund die Hälfte der betroffenen PoC vermutete, dass die Polizei sie wegen ihrer (vermeintlichen) »ethnischen«oder kulturellen Zugehörigkeit diskriminierte. Unter den Personen ohne Migrationshintergrund schätzen das nur drei Prozent so ein. Nur neun Prozent aller Befragten entschieden sich nach der Erfahrung von Polizeigewalt dafür, Strafanzeige zu erstatten. 21 Prozent der befragten PoC gaben an, dass die Polizei sich geweigert habe, die Anzeige aufzunehmen. Bei den Befragten ohne Migrationshintergrund waren dies nur zehn Prozent.

Der Düsseldorfer Anwalt Blaise Francis El Mourabit, der ehrenamtlich Betroffene von Polizeigewalt und Rassismus berät, nannte die Bochumer Untersuchung einen »sehr guten Anfang«. Von der Politik fühlten sich viele seiner Mandanten im Stich gelassen. Farbige Menschen würden vor allem durch sogenannte verdachtsunabhängige Kontrollen diskriminiert, so der Anwalt. Das erfahre er auch selbst regelmäßig, etwa wenn er in Joggingkleidung und nicht im Anzug unterwegs sei. So sei er von einem Polizisten aufgefordert worden, er möge »die Drogen doch gleich herausrücken«.

Der respektlose Ton von Beamten, die PoC meist duzen, und ihr autoritäres Auftreten seien Teil des Problems und führten oft zur Eskalation. El Mourabit schlug vor, den Einsatz von Bodycams bei derartigen Kontrollen verbindlich vorzuschreiben, damit Übergriffe zuverlässig dokumentiert werden könnten. Zudem müssten Anzeigen gegen Polizisten grundsätzlich von unabhängigen Stellen bearbeitet werden. Die Soziologin Astrid Jacobsen, Professorin an der Polizeiakademie Niedersachsen, betonte, es sei wichtig, die Diskussionen in der Polizei in den Blick zu nehmen, »wie unter Polizisten geredet wird«. Denn Diskurse könnten Vorurteile produzieren oder verfestigen. Jacobsen plädierte ebenso wie Singelnstein und El Mourabit für weitere Untersuchungen zum Thema. »Wir brauchen hier viel mehr Forschung«, sagte sie.

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