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Aus: Ausgabe vom 11.11.2020, Seite 8 / Ansichten

Geopolitischer Zündstoff

Debatte um neues Coronaimpfserum
Von Jörg Kronauer
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Biontech-Chef und Firmenmitgründer Ugur Sahin

Es sei ein »Sieg für Innovation, Wissenschaft und weltweite Zusammenarbeit«: So hat Biontech-Chef Ugur Sahin den ersehnten Durchbruch gefeiert, den sein Unternehmen und der US-Pharmakonzern Pfizer bei der Entwicklung eines Covid-19-Impfstoffes erzielen konnten. Schön wäre es, könnte man ihm einfach erleichtert zustimmen und nun hoffnungsvoll dem globalen Sieg über die Pandemie entgegensehen, auch wenn er noch Zeit braucht, weil die Produktion und die Verteilung des Impfstoffes nicht von heute auf morgen über die Bühne gehen. Das Problem ist nur: In einer Zeit, in der die Rivalität zwischen den großen Mächten eskaliert, gerät alles, was auch nur irgendeine Bedeutung hat, zwischen die Mühlsteine der Weltpolitik, und das gilt umso mehr für einen Impfstoff, der ein Ende der Infektions- und Sterbewellen, der Lockdowns und der Einbrüche in der Wirtschaft verheißt. Strategen, deren Aufgabe die Analyse sowie die Planung der globalen Machtkämpfe ist, haben mit Blick auf die Pandemie denn auch längst den hässlichen Begriff »Geopolitik des Impfstoffs« geprägt.

In der Logik, die die großen Mächte und ihre Strategen antreibt, ist der Biontech-Pfizer-Impfstoff vor allem ein Punktgewinn. Von den neun Impfstoffen, die aktuell in Phase drei getestet werden und als besonders aussichtsreich gelten, werden lediglich fünf im alten transatlantischen Westen entwickelt, einer hingegen in Russland, drei in China. Russland ist mit einer umstrittenen, sehr frühzeitigen Zulassung seines Impfstoffes vorgeprescht; China hat – nicht ganz so frühzeitig, aber doch auch stark beschleunigt – im Oktober begonnen, erste reguläre Impfungen durchzuführen. Der alte Westen jedoch schien zurückzufallen. Diese Scharte, die bisher mit abfälligen Berichten über die Impfstoffe Russlands und Chinas überdeckt wurde, haben nun, so die zynische Perspektive der Machtstrategen, Biontech und Pfizer ausgewetzt. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hob denn auch hervor, nicht irgendein, sondern ein »deutsches Forscher- und Entwicklerteam« habe den Punkt erzielt, pardon: den Impfstoff geschaffen.

Dabei steckt der Machtkampf um das Impfserum noch in den Anfängen. Klar ist: Die EU, die USA, Großbritannien und Japan haben sich Zugriff auf den Biontech-Pfizer-Impfstoff gesichert. Und der weniger zahlungskräftige Rest der Welt? Er würde wohl weiter von der Pandemie erschüttert werden, bis der reiche Westen sich durchgeimpft hat, hätte er nicht die Hoffnung, die zur Zeit viele Länder Südostasiens, Afrikas und Lateinamerikas teilen: die Hoffnung, dass China, weil es selbst die Pandemie erfolgreich niederhält und es mit dem Impfen daher nicht ganz so eilig hat, sein Versprechen wahrmacht, sie rasch an seinen Impfstoffen teilhaben zu lassen. Welches Ansehen das der Volksrepublik in den vom Westen vernachlässigten Ländern einbrächte, kann man sich leicht ausmalen. Aus Sicht westlicher Machtstrategen wäre dies ein Punkt für den Rivalen. Auf die nächste Negativkampagne gegen China muss man also wohl nicht lange warten.

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