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Aus: Ausgabe vom 09.11.2020, Seite 12 / Thema
Ludwig van Beethoven

Das Revolutionäre bestimmen

Ein Gespräch mit dem Dirigenten und Musikwissenschaftler Peter Gülke über Beethoven, Schubert und das Neue in der Musik
Von Stefan Siegert
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Vor Beethoven (links) hat der »stille Revolutionär« Franz Schubert (rechts) seinen Hut gezogen, doch sein Verhältnis zu dem bewunderten Komponisten der Wiener Klassik war ambivalenter als es scheint

Ein glücklicher Gedanke, Peter Gülke in seiner Heimatstadt Weimar zu besuchen. Unser Thema: das Revolutionäre bei Beethoven. Die Terrassentür steht offen. Das Wohnzimmer, es liegt nach Norden, ist kühl und schattig an zwei brütend heißen Morgen des Coronasommers 2020. Auf dem Tischchen zwischen uns ein starker Kaffee, Kekse, Wasser. In meiner Rechten das Mikro. Der bewegliche ältere Herr, thüringisch im Klang, im offenen Hemd, hellwach und einfach freundlich. Rechts hinter Glas in zwei schönen Chippendale-Schränken Klassikerausgaben. »Diese neue Art von Bewusstheit, die mit ihm in die Musik gekommen ist«, sagt Gülke und erweitert den Gedanken sogleich um einen Widerspruch. »Beethoven hat ja auch Stücke geschrieben, bei denen man denkt, meine Güte, da ist ja der Schubert schon ganz nah. Der erste Satz der Mondscheinsonate etwa oder die Pastorale. Das sind Konzeptionen, da hat man das Gefühl, dass Beethoven mit der gleichen Bewusstheit, mit der er bestimmte thematische Dialektiken definiert hat, sich auch fragte, ist da nicht zuviel Überbau?«

Es ist typisch für Peter Gülke, dass er ans Thema von Anfang an dialektisch herangeht. Nicht immer leicht, ihm zu folgen, allein: Der Versuch lohnt. Schon die Verwendung des Begriffs »revolutionär« bei Beethoven wirft Fragen auf. »Natürlich gibt es Aspekte, wo das Revolutionäre bei Beethoven der Fall ist«, Gülke hat es in einem Aufsatz über die 5. Sinfonie fast Takt für Takt und bis in Beethovens Skizzenbücher hinein nachgewiesen. »Der inflationäre Missbrauch des Begriffs hängt mit der Annahme zusammen, das Modernere müsse immer auch das Bessere sein – und das ist völliger Quatsch.« Er zitiert Leopold von Ranke. Jede Epoche, stellte der fest – und Gülke ergänzt: vielleicht eben auch musikalische Werke – sei »unmittelbar zu Gott«. Für Gülke heißt das: »Es hat seine eigene Konsistenz, unabhängig von seiner Stellung innerhalb einer Entwicklungslinie.«

Diese aber, mitsamt der Eigenheit aller in ihr versammelten Kompositionen, ist Teil auch historischer Zusammenhänge: »Hinter der 5. Sinfonie steht auch die große Enttäuschung über Napoleon. Beethoven fühlt sich verpflichtet, in seiner Kunst festzuhalten, was dieser, oder überhaupt was die allgemeine Entwicklung, veruntreut hat. Im Grunde wird da immer noch historische Zuversicht gerettet, die im Begriff steht, widerlegt zu werden. Wie viele progressive Geister waren erst einmal begeistert von der Französischen Revolution, aber spätestens nach der Enthauptung Ludwigs XVI. fingen sie an, den Kopf zu wiegen. In der Musik, einer Kunst, in der man viel schwerer als in der Literatur etwas Bestimmtes definieren und einklagen kann, fühlte sich Beethoven in der Lage und gefordert, das von vielen Seiten bedrohte Moment der Hoffnung aufrechtzuerhalten – auch das hat zu seinem Sendungsbewusstsein beigetragen.«

Beethovens 5. Sinfonie als das Beispiel für eine in der Geschichte der Musik erstmals und zugleich unübertroffen auftretende revolutionäre Dynamik veranlasst Gülke zugleich auch, biographisch zu relativieren. »In der Fünften«, merkt er an, »sind die revolutionären Momente und der Zusammenhang mit der französischen Revolutionsmusik mit Händen zu greifen. Die Form entwickelt sich, indem Beethoven erkennt, der große ›Éclat triomphal‹, um den es ihm geht, kann nicht plötzlich kommen, Beethoven muss den Weg dorthin komponieren, muss die Leute hinführen. Aber dann schreibt drei Jahre nach der Uraufführung E. T. A. Hoffmann seine berühmte Rezension – da kann ich nur sagen: Was für Zeiten, in denen solche Rezensionen geschrieben wurden! –, und da ist von revolutionären Momenten nicht mit einem Wort die Rede. Es ist eher, prononciert ausgedrückt, eine Magna Charta romantischer Musikästhetik. Beethoven hat Hoffmanns Text gelesen, und einer seiner Freunde berichtete: Er war sehr angetan! Beethoven war eben nicht so sehr oberhalb von allem, dass er sich nicht gefreut hat, wenn er gelobt wurde. Und wenn er, wie in diesem Fall, auf einem derart hohen Niveau gelobt wurde, dann war es ihm auch egal, dass der Aspekt des Revolutionären gar nicht erscheint.«

Grenzen ausloten

Wer sich ernsthaft für klassische Musik interessiert, kennt den Sonatenhauptsatz als das Ordnungsprinzip der großen zentraleuropäischen Musik des späten 18. und des 19. Jahrhunderts. Haydn hat es ausgearbeitet, Mozart ging so frei wie produktiv damit um. Beethovens Beitrag, so Gülke, stellt den Sonatenhauptsatz auch in Frage, indem er dessen Möglichkeiten und Grenzen aufs äußerste strapaziert. »Den Schematismus der Exposition des ersten Themas als erster Behauptung, des zweiten Themas als einer gegenläufigen (zweiten) Behauptung, dann der Durchführung, in der die beiden miteinander ringen, um irgendwann friedlich in der gleichen Tonart in der Reprise wieder anmarschiert zu kommen – das ist nur das allersimpelste Schema einer Sonatenform«, resümiert er. »Oft sind bei Beethoven schon in der Exposition des ersten Themas Durchführungselemente enthalten, und es gibt Durchführungen, in denen passiert, was die Franzosen ›Imprélu‹ nennen: Es taucht etwas ganz Neues auf.« Ein Beispiel: »In der Durchführung des ersten Satzes der ›Eroica‹, er steht in Es-Dur, erscheint plötzlich in e-Moll jenes am ehsten erinnerbare Thema, es kann nicht durchgeführt werden, erscheint wie eine Epiphanie. Damit aber will und kann Beethoven nichts anfangen, durchgeführt werden andere Dinge. Er unterwandert die Sonatenform.«

Deren Parallelisierbarkeit zu bestimmten, damals vieldiskutierten philosophischen Konzepten liegt auf der Hand. Peter Gülke erinnert an eine zum dreiteiligen Sonatenhauptsatzkonzept verdächtig gut passende Vorstellung von Hegelscher Dialektik. Beethovens Umgang mit dem Sonatenhauptsatz erinnert im gegenläufig dynamischen Vorwärtsdrang methodisch tatsächlich an Hegel. »Ich glaube, der hat nie einen Satz von Hegel gelesen. Hätte er’s getan, er hätte ihn beiseite gelegt. Beethoven war viel eher ein Kantianer, der es nicht nötig hatte, die ›Kritik der reinen Vernunft‹ zu lesen. Einen Satz aus der ›Metaphysik der Sitten‹ aber hatte er in eigener Handschrift auf seinem Schreibtisch.« Die nicht selten als selbstverständlich vorausgesetzte Identität von Musik und Philosophie hält Gülke für ebenso interessant wie problematisch. »Die Annäherung musikalischer Formen an eine diskursive Logik bleibt eine Annäherung, ich kann in Musik nichts beweisen. Ich kann so tun. Die Formen einer Beweisführung kann ich musikalisch nachvollziehen, nicht aber die Beweisführung selbst.«

Auch in Beethovens eingangs im Zusammenhang mit Schubert erwähntem Gedanken eines Zuviel an Überbau in der Musik schwingt Skepsis gegenüber der Ineinssetzung von Musik und sprachlich-gedanklichen Inhalten mit. »Bei Schubert merkt man schon, da er am Anfang unbefangen in das große Erbe seiner Vorgänger eintritt, dass er jenem metamusikalischen Anspruch, der der Musik philosophische Qualitäten und Verfahrensweisen auferlegt, misstrauisch gegenübersteht. Deshalb bei ihm diese neue, man könnte sagen: epische, der junge Adorno hat gesagt: ›landschaftliche‹ Konzeption der Musik.«

Unter vielem, was bei Beethoven musikalisch »revolutionär« eingelöst wird, streicht Gülke im Lebenslauf des Tonsetzers auch die Negativposten heraus. »So wie der Kongress dieser aristokratischen Schweinekerle« – während des Wiener Kongresses heimst Beethoven mit der Schlachtensinfonie »Wellingtons Sieg bei Vitoria« den größten Publikumserfolg seiner Karriere ein, der »Fidelio« erlebt 1815 den endgültigen Durchbruch – »hat uns Nachgeborenen, so zynisch der Gedanke erscheinen mag, auch seine Taubheit einiges eingebracht. Beethoven hat unter ihr bitter gelitten. Auf der anderen Seite verhält es sich bei ihm wie beim antiken blinden Seher Teiresias. Wie dieser besser in die Zukunft blickt als mit stupiden Augen die Menschen, die am Vorausfühlen von der stupiden Wirklichkeit behindert werden, konnte Beethoven zumindest oft sagen: ›Ich höre!‹ – und mochte dabei, mit Hölderlin zu reden, das Privileg meinen, ›unter Gottes Gewittern mit entblößtem Haupt zu stehen‹ und eben durch das »Unglück« begnadet zu sein. Man darf nicht vergessen: Das ›Heiligenstädter Testament‹, letztes Eingeständnis des beklagenswerten Zustands seines Gehörs, hat er 1802 geschrieben, ab 1818 konnte er ohne die ›Konversationshefte‹ nicht mehr mit anderen Menschen reden – bis zu seinem Tod 25 Jahre Leben mehr oder minder ohne Gehör!«

Die Konversationshefte

Zusammen mit einem Stift hatte sie Beethoven immer dabei, wenn er ausging und selbst mit dem Mund dicht am Ohr gestellte Fragen nicht mehr verstehen konnte; er musste sie, aufgeschrieben, lesen und beantworten. Vierhundert Hefte, vermutete der große US-amerikanische Beethoven-Biograph Alexander Wheelock Thayer, seien es nach Beethovens Tod einmal gewesen, nur der kleinere Teil ist noch vorhanden; wegen vieler in bezug auf Gesellschaft und Politik drastisch kritischer Formulierungen hat der ängstliche Anton Schindler viele Hefte vernichtet. Dennoch – eine unschätzbare, wenn auch weitgehend einseitige Dokumentation der Gespräche, die Beethoven im letzten Teil seines Lebens führte. Peter Gülke hatte noch zu DDR-Zeiten Gelegenheit, in die Originale hineinzuschauen. Anton Schindler, Laufbursche und Adlatus Beethovens in dessen letzten Jahren, hat später eine vielgelesene Biographie über Beethoven geschrieben: »Was sich von den Konversationsheften erhalten hat, lag in der Staatsbibliothek in Berlin (DDR). Es muss 1952 gewesen sein, als die Anregung zur Publikation kam. Die Mitarbeiter der Bibliothek haben rasch entdeckt, dass Schindler, um sich in ein besseres Licht zu setzen, nach Beethovens Tod Fälschungen reingeschrieben hat.«

Die Folgen der Behinderung Beethovens reichen für Gülke bis zum in Beethovens Musik vielfach aufscheinenden Humor. »Gut, er hat gern Späße gemacht«, sagt er. »Aber das sind meist ziemlich derbe Späße, in seinen Briefen liest sich das alles erschütternd grobklotzig. Den zum Humor gehörigen feineren, ironisch gebrochenen Tonfall nimmt er nicht wahr. Das heißt, dieses wichtige Segment eines humorvollen Umgangs ist ihm entzogen.«

Da Beethoven das »Schicksal« als eine angeblich an Gottes statt waltende Macht über den Menschen nicht kannte, bleibt als Erklärung für den »Kampf gegen das Schicksal«, den die bürgerliche Welt mit Vorliebe auf die dezidiert politischen Werke der von ihr sogenannten »heroischen Periode« Beethovens anwendet, nur die Bewältigung seines harten persönlichen Loses. Einerlei. Peter Gülke hält es am Ende für ebenso problematisch wie unvermeidlich, musikalische Sachverhalte mit biographischen kurzzuschließen. Zum besseren Verständnis bestimmter kompositorischer Entscheidungen indes kann die Biographie sehr wohl hilfreich sein.

Neben dem Problem der Gehörlosigkeit steht dasjenige des Lebensstils. Für jemand, der höchst komplizierte musikalische Zusammenhänge genial organisieren konnte, verblüfft Beethovens Lebensführung. »Dieser Mann konnte keine Ordnung halten«, stellt Gülke fest. »Denken Sie dran, dass er oft in einem Schlamassel gelebt hat, dass eine nach der anderen Haushälterin rausgeschmissen wurde, dass er die Geselligkeit echter, gleichberechtigter Freunde kaum hatte. Diese hingegen war das große Glück Schuberts, der in allen anderen Belangen viel mieser dran war. Für Schubert kommt hinzu: Oft nur zwei Straßenecken weiter wohnt das Genie, der ›Titan‹. Jede Note, die der schreibt, ist musikalische Weltliteratur, und ich, der Schubert, kann ganze Sinfonien schreiben, und kein Schwanz kümmert sich drum – eine schlimme Geschichte. Was den direkten Kontakt zur Mitwelt über einen engeren Kreis hinaus angeht, war Schubert unendlich viel besser dran als Beethoven.«

Immer wieder Schubert

Während unseres langen Gesprächs über Beethoven schwirrt ihm immer wieder Schubert durch den Sinn. Peter Gülke hat seit 2013 eine Reihe öffentlicher Diskussionen mit dem Pianisten Alfred Brendel über Beethoven und Schubert geführt, daraus wurde zuletzt pandemiebedingt ein Briefwechsel; im November 2020 wird das Ganze als Buch herauskommen. Ihre Gespräche kreisten um Schuberts Verhältnis zum großen Vorgänger, um seinen Standort in der Konstellation der Wiener Klassik und um Fragen der musikalischen Interpretation. »Daran, dass die Musik, seitdem Beethoven komponiert hat, eine andere war, ist kein Zweifel, und das ist so deutlich sichtbar, weil zwei ganz Große unmittelbar vor ihm da waren, Mozart und Haydn, und: Weil sein in vielem begabtester Zeitgenosse Schubert – als Elementarbegabung vielleicht noch erstaunlicher? – zumindest gegen Ende seines Lebens mehrmals eine eigene Konzeption gegen die Beethovensche gesetzt hat.«

Um ein Beispiel gebeten, fällt Peter Gülke Schuberts späte C-Dur-Sinfonie ein – »seine Antwort auf Beethovens Neunte« –, dringender noch wird seine Stimme bei Erwähnung von Schuberts As-Dur-Messe. »Ein nahezu irrsinniges Stück. Er hatte gehört, dass Beethoven an einer Festmesse in D-Dur für die Inthronisation des Erzherzogs Rudolph als Erzbischof von Olmütz sitzt – und komponiert eine Messe in As-Dur, einer Tonart, die so weit von D-Dur entfernt ist wie nur möglich, eine zudem gewagte Tonart, weil damals besonders die Orgeln noch mitteltönig gestimmt waren, der Organist oft nicht mithalten konnte. Außerdem schreibt Schubert aufs Titelblatt: »Missa solemnis«, den Titel der Messe seines Vorbilds. Dann hat er allerdings kalte Füße bekommen und es gestrichen. Schubert hat sich sicher in der Verehrung Beethovens von niemandem übertreffen lassen. Aber es war ein ambivalentes Verhältnis, es bewegte sich zwischen Anregung und Sich-Wehren.«

Die Frage, ob auch Schubert ein »Revolutionär« war, drängt sich auf. In seiner Musik gibt es heroisch auftrumpfende Stellen nur für Momente. Kämpferischen Furor im Sinne Beethovens kaum je. Gülkes Antwort verweist auf einen von seiten der Sorte Revolutionäre, wie wir sie zu kennen meinen, kaum beachteten Aspekt: die stille Revolution.

Schubert wurde neun Jahre nach dem großen Weltenbruch der Französischen Revolution geboren. Sein Erwachsenenleben begann in der Zeit des Wiener Kongresses. Woher sollte er als Untertan des Metternichschen Überwachungsterrors die historische Zuversicht nehmen, die seine Vorgänger beflügelte? Deren »Voran« wird ihm zum »Hinüber«; metaphorisch gesprochen, ist der über seiner Musik kreisende Vogel nicht mehr der Adler, sondern die Krähe. Und doch ist in seiner Musik zumindest jenes Morgen vernehmbar, das der gleichaltrige Heinrich Heine im »Wintermärchen« als irdisches Himmelreich besang. Die Revolution – wenn wir das bei ihm Neue schon so nennen wollen – zieht sich bei Schubert ins Innen zurück, sie wird zu großer Musik. »In dem Sinne, in dem wir das Wort auf Beethoven – mehr auf die Musik als den Mann – anwenden, war Schubert kein Revolutionär. Doch gibt es jene ›stille Revolution‹ in seiner Musik, jene Episierung, den Rückzug vom dialektisch-philosophischen Über-Ich, der der Musik einige Naivität des Nur-Musik-sein-Wollens zurückerstattet. Das könnte man in einem wenig gebräuchlichen Sinn auch revolutionär nennen.«

Bei Beethoven in Wien

Gegen Ende Februar 1815 tritt, aus Wien kommend, Beethovens späteres Faktotum Anton Schindler eine Erzieherstelle in Brünn an. »Kaum daselbst angekommen«, berichtet er, »erhielt ich eine Vorladung zur Polizei. Ich wurde befragt, in welcher Verbindung ich mit einigen der Tumultanten an der Wiener Universität stünde, ich sollte ferner Auskunft geben über einige Italiener in Wien, mit denen ich öfters zusammen gesehen worden. (...) Durch Hin- und Herschreiben wurde nach einigen Wochen ermittelt, dass ich kein Propagandamacher, sonach der Freiheit wiederzugeben sei. Aber ein volles Jahr in meiner akademischen Laufbahn war verloren.«

Nach Wien zurückgekehrt, trifft er sich erstmals mit Beethoven. Ort der Zusammenkunft die von Beethoven offenbar häufig zum nachmittäglichen Zeitunglesen bevorzugte Bierwirtschaft »Zum Blumenstock« im Ballgässchen. »Es dauerte nicht lange«, so Schindler, »so lernte ich dieses Lokal als eine Quasi-Krypta einer kleinen Anzahl Josephiner von reinstem Wasser kennen.« Josephiner, das sind die 68er der Beethoven-Zeit.

Kaum ist die kongrässliche Festtagsstimmung verflogen, läuft dem Weltverbesserer viel Publikum davon. Für lange Zeit ist der Walzer die Lieblingsablenkung der Wiener. Nach dem Wein, dem Kaffee, der Schokolade und dem Tabak wird die leichte Muse zum neuen Betäubungsmittel. Als 1822 Gioacchino Rossini mit seinen dem Polizeistaat per umwerfendem Humor eine Nase drehenden Opern Wien erobert, läuft sogar der Verfasser einer grundlegenden Ästhetik wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel zu ihm über (Rossini beehrt Beethoven mit einem Besuch und ist, wie er später Richard Wagner erzählt, von der Heruntergekommenheit, in der das Idol der damaligen europäischen Musik lebt, ehrlich erschüttert). Anders als das Gros seiner Mitbürger, anders auch als sein vor der Welt in den Tübinger Turm verschwindender Jahrgangsgenosse Hölderlin bleibt Beethoven in der Welt und bei sich. Das konsumgepolsterte Abtauchen in ein in Krisenzeiten bis heute beliebtes Biedermeier ist seine Sache nicht. Er braucht lange, bis er in der erdrückenden Wirklichkeit der Metternichschen Restauration die genuine Sprache findet auch noch für sein Leben in dieser ihm immer fremder werdenden Welt. Jenseits von Kampf und Spaziergang, jenseits auch aller künstlerischen Kompromisse stößt der revolutionäre Tonsetzer in Bereiche vor, die nichts mehr umstürzen kann. (...)

Auszug aus: Stefan Siegert: Ludwig van Beethoven. 100 Seiten. Reclam-Verlag, Stuttgart 2020

Unter dem Titel »Ein Wort, ein Weg, eine Welt« wird am 10. November, um 20.03 Uhr auf SWR 2 ein Feature von Stefan Siegert mit Peter Gülke ausgestrahlt. In der Wochenendausgabe der jungen Welt vom 24./25. Oktober erschien bereits ein Interview Siegerts mit Peter Gülke.

Stefan Siegert schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 18. Juli über das Buch von Birk Meinhardt »Wie ich meine Zeitung verlor«.

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