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Aus: Ausgabe vom 07.11.2020, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
DDR-Geschichte

Aus »Orbit« wird »Dornröschen«

Zufallsfund bei einer Auktion. Eine von nur zwei DDR-Sportyachten wird liebevoll restauriert und findet Weg zurück auf See
Von Frank Schroeders
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Traditionelle Ausfahrt für Segeloldtimer bei der »Kieler Woche«. In diesem Jahr war auch eine Yacht aus der DDR dabei

Meine Frau und ich waren seit Anfang des Jahres auf der Suche nach einer Segelyacht. Sie sollte hochseetauglich, aber eben auch ein Klassiker sein. Als gelernter Bootsbaumeister war es mir ausgesprochen wichtig, dass viel schönes Holz verbaut worden war und das Boot von seiner Linienführung ein klassisches, zeitloses Aussehen hat. Deshalb schauten wir nach Schiffen aus den 60er Jahren. So ein Schiff zu finden ist nicht einfach. Es wird zwar einiges angeboten, doch der Zustand ist meist sehr schlecht.

Anfang Mai entdeckten wir dann eine offene Auktion, bei der ein Schiff angeboten wurde, das unseren Vorstellungen genau entsprach. Was mich stutzig machte, war die Tatsache, dass der Verkäufer das Baujahr mit 1971 angegeben hatte. Denn das Längen- und-Breiten-Verhältnis war für in jener Zeit gebaute Schiffe eigentlich anders, als es dieses Boot hatte. Ohne Zeit für nähere Recherchen unterbreiteten wir dem Anbieter ein für uns akzeptables Angebot. Und das, ohne uns das Schiff überhaupt anzuschauen. Die Bilder waren aussagekräftig, und der Verkäufer schien seriös zu sein. Er akzeptierte das Angebot. Als wir uns das Schiff dann genauer ansahen, stellten wir fest, dass es doch einiges mehr an Arbeit sein würde als gedacht. Aber ein Schnäppchen war es trotzdem.

Neues Leben eingehaucht

Ich habe den Verkäufer dann nochmals auf die Unstimmigkeiten beim Baujahr und dem Längen-und-Breiten-Verhältnis angesprochen – er konnte dazu aber nicht viel sagen, da er die Daten von dem Voreigner so bekommen hätte und nicht weiter recherchiert habe. Es war im Moment auch erst mal nicht so wichtig, weil uns das Schiff schon ans Herz gewachsen war. Also starteten wir mit der Restauration. Das Boot hatte schon einige Jahre an Land gestanden und musste komplett restauriert werden. Was mir dabei auffiel, war die große handwerkliche Bootsbaukunst, die nur von erfahrenen Menschen auf einer Werft ausgeführt worden sein konnte. Es stimmten alle Details, und die verwendeten Materialien waren von hervorragender Qualität. Das konnte kein Schiff vom Anfang der 70er Jahre sein. Denn damals wurden in der BRD schon lange keine Segelboote mehr in dieser Qualität und Größe gebaut. Vielmehr waren die Yachten fast schon durchweg aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK). Boote wie das unsrige in dieser Art zu bauen, wäre für diese Zeit schon viel zu teuer gewesen.

Die Arbeiten gingen gut voran. Es war in erster Linie alte Farbe, die von dem Holz und Stahl entfernt werden musste. Der Rumpf war hervorragend geschweißt, ohne Dellen und Spachtel. Der Aufbau des Bootes, also Plicht (der offene Teil an Deck), Kajüte usw. – alles war aus feinstem Teakholz gefertigt worden. Schon damals war das in dieser Qualität nur noch schwer zu bekommen. Ich bin deshalb davon ausgegangen, dass es sich um einen sogenannten 5,5-KR-Kreuzer handelte, der in irgendeiner der vielen kleinen, renommierten Werften an der Schlei in Schleswig-Holstein gebaut worden war. Bis auf das Verhältnis von Länge und Breite passte das auch sehr gut.

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Die »Orbit« bei einer Regatta in ihrem ersten Leben

Mitte Juni war es dann soweit – unser »Dornröschen« kam ins Wasser. Stolz wie ein Schwan schwamm sie in ihrem Element. Wir haben die ursprünglichen Farben verwendet und alles so erhalten, wie es war. Die Yacht glänzte, und wir waren stolz auf unsere Arbeit. Was die Geschwindigkeit betraf, überraschte uns das erste Probesegeln. Sie verhielt sich wie eine Jolle, sprang bei Wind sofort an und gab viel Rückmeldung. Ein Schiff, das für Regatten gebaut sein musste.

Den Sommer über segelten wir durch die südliche Ostsee, umrundeten Fünen und waren oft in der Kieler Förde sowie entlang der Schlei unterwegs. Es gab viele Menschen, die das Schiff immer wieder bewunderten. Es ist ja auch wirklich ein tolles und sehr hübsches Boot. Aber in der Recherche waren wir noch nicht weitergekommen.

Nun stand Ende September eine Regatta an – die Regatta der klassischen Yachten zur »Kieler Woche«. Wer daran teilnehmen möchte, muss sein Schiff vermessen lassen, bzw. Messdaten angeben. Mir war bekannt, dass unser Schiff wohl irgendwo in Berlin gebaut worden sein sollte. Laut der Angaben, die ich hatte, sollte es sich um eine Werft in Ostberlin handeln, die schon lange durch die Treuhand abgewickelt worden war. Aber ich glaubte nicht, dass so eine Yacht als Freizeitschiff in der DDR überhaupt hätte gebaut werden können.

Verschwiegene Geschichte

Ich gab also bei der Vermessung einfach erst mal die Daten eines 5,5-KR-Kreuzers an. Aber das Thema ließ mir keine Ruhe. Ich fing an, alle 5,5-KR-Kreuzer ab dem Baujahr 1960 im Yachtregister nachzuschauen. Aber keines der darin aufgeführten Schiffe passte zu meinem. Also rief ich den Verkäufer noch mal an, und tatsächlich fand er in seinen Unterlagen einen alten Messbrief, den er vom Voreigner bekommen hatte. Als ich ihn mir genauer ansah, war ich mehr als erstaunt. Das war tatsächlich ein Messbrief aus der DDR.

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Solides Holzhandwerk: Die Yacht sticht gegenüber jenen, die mittlerweile aus Kunststoff hergestellt sind, deutlich heraus

Das Boot war 1975 in Ostberlin auf Kiel gelegt worden als nur eine von zwei Yachten der DDR, die bei internationalen Seeregatten antreten konnten. Ein bekanntes westdeutsches Schiff jener Zeit war zum Beispiel die »Rubin«, die bis zum Weltmeistertitel fuhr. Zu den bekannten Regatten gehörte und gehört immer noch das »Fastnet Race« im Ärmelkanal und in der Keltischen See. Das im Jahr 1979 endete durch einen zu spät vorhergesagten Orkan tragisch und forderte viele Opfer. Dass die DDR an solchen Regatten beteiligt war, schien mir fast nicht glaubhaft.

Fakt ist jedoch, dass der DDR-Segelkader auch auf olympischer Ebene ganz vorne mitsegelte. Jochen Schümann, mit dreimal Olympiagold seit 1976 ist wohl der bekannteste Segler. Bei meiner weiteren Recherche bin ich dann beim Deutschen Yachtsportmuseum auf die alten Yachtregisterbücher der DDR gestoßen. In diesen sind alle jemals in der DDR gebauten Yachten und Jollen handschriftlich hinterlegt. Dabei stellte sich dann raus, dass unser Schiff vormals »Orbit« hieß und ein Schwesterschiff namens »Passat« hatte. Über dessen Verbleib kann ich aber leider nichts sagen.

Der Deutsche Segler-Verband hat es immer verschwiegen, dass es auch in der DDR eine sehr lebendige Seglergemeinschaft gab. Und diese Gemeinschaften haben bis heute überlebt. So hat die »Orbit« als Heimatrevier und Heimathafen die Seglervereinigung Einheit Werder gehabt, diese ist bis heute aktiv mit einem sehr schönen Hafen. Vielleicht segele ich mit meiner Frau im nächsten Jahr dorthin.

Unser »Dornröschen« hat jetzt im Oktober auch neue Segel bekommen. Wir hatten lange überlegt, ob wir das alte Segelzeichen »DDR 648« wieder in das Segel nähen lassen. Wir haben es getan. Die Resonanz ist unterschiedlich, aber durchweg nicht negativ. Wir sind stolz, ein Stück DDR-Geschichte am Leben zu erhalten. Übrigens hat unser Schiff auf der Regatta der Klassiker bei der »Kieler Woche« den zwölften Platz erzielt. Ein gutes und respektables Ergebnis.

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