Gegründet 1947 Montag, 30. November 2020, Nr. 280
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Aus: Ausgabe vom 07.11.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Zum Weltmarkt zusammengeworfen

Am 28. November vor 200 Jahren wurde Friedrich Engels geboren. 1847 schrieb er die »Grundsätze des Kommunismus« – eine Vorarbeit für das »Manifest der Kommunistischen Partei« (Teil II)
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Industrielle Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts

Elfte Frage: Was waren die nächsten Folgen der industriellen Revolution und der Scheidung der Gesellschaft in Bourgeois und Proletarier?

Antwort: Erstens wurde durch die infolge der Maschinenarbeit immer wohlfeiler werdenden Preise der Industrieerzeugnisse in allen Ländern der Welt das alte System der Manufaktur oder auf Handarbeit beruhenden Industrie gänzlich zerstört. Alle halbbarbarischen Länder, welche bisher mehr oder weniger der geschichtlichen Entwicklung fremd geblieben waren und deren Industrie bisher auf der Manufaktur beruht hatte, wurden hierdurch mit Gewalt aus ihrer Abschließung herausgerissen. (…) Es ist dahin gekommen, dass eine neue Maschine, die heute in England erfunden wird, binnen einem Jahre Millionen von Arbeitern in China außer Brot setzt. Auf diese Weise hat die große Industrie alle Völker der Erde miteinander in Verbindung gesetzt, alle kleinen Lokalmärkte zum Weltmarkt zusammengeworfen, überall die Zivilisation und den Fortschritt vorbereitet und es dahin gebracht, dass alles, was in den zivilisierten Ländern geschieht, auf alle anderen Länder zurückwirken muss. So dass, wenn jetzt in England oder Frankreich die Arbeiter sich befreien, dies in allen anderen Ländern Revolutionen nach sich ziehen muss, welche früher oder später ebenfalls die Befreiung der dortigen Arbeiter herbeiführen.

Zweitens hat sie überall, wo die große Industrie an die Stelle der Manufaktur trat, die Bourgeoisie, ihren Reichtum und ihre Macht im höchsten Grade entwickelt und sie zur ersten Klasse im Lande gemacht. Die Folge davon war, dass überall, wo dies geschah, die Bourgeoisie die politische Macht in ihre Hände bekam und die bisher herrschenden Klassen, die Aristokratie, die Zunftbürger und das beide vertretende absolute Königtum, verdrängte.

Die Bourgeoisie vernichtete die Macht der Aristokratie, des Adels, indem sie die Majorate (Begriff aus dem Erbrecht: Landbesitz oder Vermögen geht an den ältesten Sohn über und muss von ihm als Ganzes erhalten werden, andere Nachkommen erhalten einen Unterhalt; jW) oder die Unverkäuflichkeit des Grundbesitzes und alle Adelsvorrechte aufhob. Sie zerstörte die Macht der Zunftbürger, indem sie alle Zünfte und Handwerksprivilegien aufhob. An die Stelle beider setzte sie die freie Konkurrenz, d. h. den Zustand der Gesellschaft, worin jeder das Recht hat, jeden beliebigen Industriezweig zu betreiben, und worin ihn nichts an dem Betriebe eines solchen verhindern kann als der Mangel des dazu nötigen Kapitals.

Die Einführung der freien Konkurrenz ist also die öffentliche Erklärung, dass von nun an die Mitglieder der Gesellschaft nur noch insoweit ungleich sind, als ihre Kapitalien ungleich sind, dass das Kapital die entscheidende Macht und damit die Kapitalisten, die Bourgeois, die erste Klasse in der Gesellschaft geworden sind. Die freie Konkurrenz ist aber für den Anfang der großen Industrie notwendig, weil sie der einzige Gesellschaftszustand ist, in dem die große Industrie aufkommen kann. Die Bourgeoisie, nachdem sie so die gesellschaftliche Macht des Adels und der Zunftbürger vernichtet hatte, vernichtete auch ihre politische Macht. Wie sie sich in der Gesellschaft zur ersten Klasse erhoben hatte, proklamierte sie sich auch in politischer Form als erste Klasse. Sie tat dies durch die Einführung des Repräsentativsystems, welches auf der bürgerlichen Gleichheit vor dem Gesetz, der gesetzlichen Anerkennung der freien Konkurrenz beruht und in den europäischen Ländern unter der Form der konstitutionellen Monarchie eingeführt wurde. (…)

Drittens entwickelte sie überall das Proletariat in demselben Maße, wie sie die Bourgeoisie entwickelt. In demselben Verhältnis, wie die Bourgeois reicher wurden, in demselben Verhältnis wurden die Proletarier zahlreicher. Denn da die Proletarier nur durch das Kapital beschäftigt werden können und das Kapital sich nur dann vermehrt, wenn es Arbeit beschäftigt, so hält die Vermehrung des Proletariats genau Schritt mit der Vermehrung des Kapitals. Zu gleicher Zeit zieht sie die Bourgeois so wie die Proletarier in großen Städten zusammen, in denen die Industrie sich am vorteilhaftesten betreiben lässt, und gibt durch diese Zusammenwerfung großer Massen auf einen Fleck den Proletariern das Bewusstsein ihrer Stärke. Ferner, je mehr sie sich entwickelt, je mehr neue Maschinen erfunden werden, welche die Handarbeit verdrängen, desto mehr drückt die große Industrie den Lohn, wie schon gesagt, auf sein Minimum herab und macht dadurch die Lage des Proletariats mehr und mehr unerträglich. So bereitet sie einerseits durch die wachsende Unzufriedenheit, andererseits durch die wachsende Macht des Proletariats eine Revolution der Gesellschaft durch das Proletariat vor.

Friedrich Engels: Grundsätze des Kommunismus. Zitiert nach: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke (MEW), Band 4. Dietz-Verlag, Berlin 1980, Seiten 367–369

Teil eins dieses Auszugs erschien in der jW-Wochenendbeilage vom 31. Oktober/1. November

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