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Aus: Ausgabe vom 07.11.2020, Seite 15 / Geschichte
Vorgeschichte arabischer Frühling

Prolog in der Westsahara

Am Vorabend des »arabischen Frühlings« vor zehn Jahren ließ das Königreich Marokko das Protestcamp von Gdeim Izik räumen
Von Jörg Tiedjen
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Dem Erdboden gleichgemacht. Von den mehr als 6.000 Zelten des Protestcamps Gdeim Izik blieb kaum etwas übrig

Wo ein Meer von Tausenden Zelten gestanden hatte, bot sich an jenem »schwarzen Montag« ein Bild der Zerstörung. Auch über Laâyoune war der Himmel verhangen von Rauch. Bei Anbruch der Morgendämmerung am 8. November 2010 waren marokkanische Einsatzkräfte vorgerückt und hatten das Protestcamp von Gdeim Izik dem Erdboden gleichgemacht. Auf beiden Seiten gab es Tote und Verletzte. Zahlreiche Sahrauis (wie die Einwohner der Westsahara genannt werden) wurden verhaftet. Wer konnte, floh durch die Wüste in die Hauptstadt. Dort war ein Aufstand losgebrochen: Barrikaden brannten, Gebäude standen in Flammen. Die Besatzungsmacht schlug jeden Widerstand nieder. Auch marokkanische Zivilisten beteiligten sich an der wochenlangen Menschenjagd.

Gdeim Izik gilt als bis heute größte Demonstration in der von Marokko besetzten Westsahara, nach zwei zurückliegenden »Intifadas«, von denen die Weltöffentlichkeit keine Kenntnis genommen hatte. Mehr als 15.000 Menschen hatten sich nach UN-Angaben dort versammelt. Von überall im Land, aus dem nördlich gelegenen Marokko und auch von außerhalb waren sie gekommen, teils ganze Familien, um sich dem Protest anzuschließen, der am 10. Oktober begonnen hatte. Die marokkanischen Behörden schritten zunächst nicht ein, versuchten dann aber, die wachsende Zeltstadt abzuriegeln. Journalisten und andere Beobachter wie auch die UN-»Blauhelmtruppe« Minurso wurden ferngehalten.

Dennoch waren ein Fotograf und ein Kamerateam nach Gdeim Izik gelangt. »Es ist ein Zeichen an Marokko und die Welt, dass wir als Zivilisten auf unseren Rechten bestehen, dem Recht auf freie Meinungsäußerung, auf Versammlung, Wohnung, Arbeit, auf der Grundlage des Status der Westsahara als ein nichtautonomes Gebiet«, erklärte Naâma Asfari, Mitglied des Lagerrats, gegenüber den ausländischen Besuchern. Er betonte die Gewaltlosigkeit des Widerstands. Brahim Ismaili, ein weiterer Aktivist, sagte: »Die Menschen wollen ihr Leiden ausdrücken unter der marokkanischen Besatzung, Repressionen, Gesetzlosigkeit, willkürliche Verhaftungen, Entführungen, Verschwindenlassen, Verbannung, Verdrängung, Ausschluss – das sind die Gründe, warum dieses Camp errichtet wurde.«

Verhandlungen scheitern

Am 24. Oktober eröffneten die Belagerer bei einem Versuch, die Sperren zu durchbrechen, das Feuer auf einen Wagen. Ein 14jähriger starb. Gleichzeitig fanden Verhandlungen zwischen dem Lagerrat und dem Gouverneur der Region, Mohammed Jelmous, statt. Der marokkanische Innenminister Taïeb Cherkaoui schaltete sich persönlich ein. Am 4. November schien eine Einigung gefunden. Das Königreich gab vor, zu Zugeständnissen bereit zu sein – dafür sollten die Sahrauis heimkehren. In einem ersten Schritt wollte man eine Kommission bilden, um einen Sozialplan umzusetzen. Am 8. November sollte die Vereinbarung in Kraft treten, dem gleichen Tag, an dem unweit von New York von der UNO vermittelte Gespräche zwischen Vertretern Marokkos und der Befreiungsfront Polisario zur Lösung der Westsahara-Frage wiederaufgenommen werden sollten.

Es kam der 6. November, ein Feiertag in Marokko, der an den »Grünen Marsch« im Jahr 1975 erinnern soll. Damals hatte König Hassan II. ein Aufgebot von Hunderttausenden Marokkanern Richtung Westsahara geschickt, um das Land, das zu der Zeit eine spanische Kolonie war, mit dem Königreich »wiederzuvereinen«. Historische Ansprüche Marokkos auf das Wüstengebiet hatte der Internationale Gerichtshof in Den Haag zwar erst im Monat zuvor zurückgewiesen. Auch wird die Westsahara seit 1963 auf der UN-Liste der zu dekolonisierenden Territorien geführt. Aber Spaniens Diktator Francisco Franco lag auf dem Sterbebett und Hassan II. ergriff die Chance, sich als nationalen Helden zu inszenieren. Erst kamen »Zivilisten« mit Fahnen und dem Koran, dann die Königlichen Streitkräfte mit Napalm und Phosphorbomben.

Davon sprach Hassans Sohn und Nachfolger Mohammed VI. nicht, als er am 6. November vor der Niederschlagung der Proteste in der Westsahara seine Rede zur Feier des »Grünen Marsches« hielt. Er ging nicht direkt auf Gdeim Izik ein. An einer Stelle warnte er allerdings vor der Gefahr, dass die Region zu einer »Heimstätte von Spannungen und Terrorismus« und einer »Zuflucht von Banden« werden könne, die »Geschäfte mit der Armut« trieben, mit der »erzwungenen Verschleppung der Bevölkerung« und der »Gefangennahme von Menschen«. Seine Darstellung des Westsahara-Konflikts war so grotesk wie zynisch. Der letzte Zweifel daran, dass alles Entgegenkommen gegenüber den Demonstranten nur als Ablenkung gedient hatte, war beseitigt.

Folgen der Räumung

Eine sahrauische Aktivistin, die an den Protesten teilgenommen hatte, berichtete im Rückblick: Seit den tödlichen Schüssen auf den Jugendlichen am 24. Oktober »war die Lage im Camp gespannt. Der Lagerrat und viele Saharauis sprachen weiter über soziale und wirtschaftliche Forderungen, aber die Wut, die dieser Mord ausgelöst hatte, verlangte nach einer Reaktion. Die Auflösung des Lagers stand kurz bevor, und so begannen wir, offen über politische Forderungen, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit zu sprechen«. Am 7. November alarmierte die Polisario die UNO. Sie hatte erfahren, dass eine Räumung von Gdeim Izik unmittelbar bevorstehe. Alle Appelle nützten nichts. Zur Rechtfertigung verwies das Königreich auf Verzweiflungstaten, die es selbst provoziert hatte.

Frankreich verhinderte eine UN-Untersuchung. Bis heute stellt sich Paris dagegen, dass die Minurso neben der Überwachung des Waffenstillstandes zwischen Marokko und der Polisario sowie der Vorbereitung eines Unabhängigkeitsreferendums, auf das die Sahrauis seit Jahrzehnten vergeblich warten, auch die Menschenrechtslage kontrolliert. 24 Aktivisten, darunter Naâma Asfari und Brahim Ismaili, wurden in Schauprozessen auf Grundlage unter Folter erpresster Geständnisse als angebliche Mörder zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Sie haben verschärfte Haftbedingungen zu erdulden, Angehörigen werden Besuche erschwert.

Ende März 2011 stellte Noam Chomsky in einer Fernsehdiskussion die These auf, dass der »arabische Frühling« nicht mit der Selbstverbrennung Mohammed Bouazizis in Tunesien begonnen habe, sondern schon vorher in Gdeim Izik. Der US-amerikanische Philosoph übersah ein Detail: Bei den Protesten des »arabischen Frühlings« in Marokko kam die Westsahara allenfalls am Rande vor. Ende November 2010 hatte es in Casablanca noch eine Demonstration mit offiziell zwei Millionen Teilnehmern gegeben – für die Zugehörigkeit des besetzten Landes zum Königreich. Woraus man erkennen kann, wie es um die Einheit von Sahrauis und Marokkanern steht.

Westsahara: Wie weiter nach Gdeim Izik?

Von Carmen Gómez Martín, Professorin in Ecuador

(…) Die Proteste von Gdeim Izik hatten gewisse Aspekte mit den Revolten gemeinsam, die in anderen Ländern der Region entfesselt wurden, aber gleichzeitig wiesen sie spezifische Merkmale auf. So zielten die aufgestellten Forderungen auf eine dreifache Anerkennung: sozioökonomisch, kulturell und politisch. Letzteres beinhaltet das Bestehen auf dem Referendum über die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit der Westsahara. (…) Die Bedeutung von Gdeim Izik liegt nicht so sehr in der Geschichte des Lagers selbst als in den Veränderungen, die diese unvorhergesehene Aktion in der sahrauischen Gesellschaft und in der Region insgesamt bewirkt hat. Vier Punkte kennzeichnen die neue Situation:

1. Eine Reihe sozioökonomischer Forderungen rückt bei allen weiteren Kundgebungen in der besetzten Westsahara in den Mittelpunkt. 2. Neue Protagonisten treten bei den Protesten hervor, insbesondere arbeitslose Jugendliche und Menschenrechtsaktivisten. 3. Die fragile Koexistenz von Sahrauis und marokkanischen Siedlern in den besetzten Gebieten ist zerbrochen, wie die seit November 2010 wiederkehrenden Zusammenstöße zwischen den beiden Gemeinschaften zeigen. 4. Gdeim Izik brachte auch Veränderungen für die Sahrauis in den von der Polisario kontrollierten Flüchtlingslagern beim algerischen Tindouf. Der Diskurs radikalisiert sich. Das zeigt sich am vermehrten Aufruf, zu den Waffen zurückzukehren, und an Forderungen nach einer Demokratisierung der dortigen Regierungsinstitutionen. (…)

Übersetzt nach: https://doi.org/10.4000/anneemaghreb.1490

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