Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Gegründet 1947 Dienstag, 26. Januar 2021, Nr. 21
Die junge Welt wird von 2464 GenossInnen herausgegeben
Die junge Welt drei Wochen gratis testen Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Aus: Ausgabe vom 06.11.2020, Seite 7 / Ausland
Kurdistan

Angst vor dem Bruderkrieg

Toter Peschmerga nach Angriff auf Guerillacamp im Nordirak. Ankara und Erbil gemeinsam gegen PKK
Von Nick Brauns
7.jpg
Kurdische Peschmerga bei einer Übung mit Bundeswehr-Soldaten in Erbil (21.8.2019)

Im Nordirak – oder wie viele Kurden sagen: in Südkurdistan – wächst die Sorge vor einem Bruderkrieg zwischen den Peschmerga der in Erbil regierenden Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) und Guerillakämpfern der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Die KDP verlegt seit der letzten Oktoberwoche Peschmerga-Einheiten mit Artillerie und Panzerfahrzeugen in das Bergland im irakisch-türkischen Grenzgebiet, um die dortigen Guerillacamps einzukreisen und die Bewegungsfreiheit der PKK-Kämpfer einzuschränken.

Die Spannungen verschärften sich am Mittwoch, als eine Peschmerga-Einheit in ein Guerillacamp in Chamanke in der Provinz Dohuk einzudringen versuchte. Als die Guerilla nach einer Warnung zwei Sprengsätze zündete, um die gepanzerten Fahrzeuge zu stoppen, wurde ein Peschmerga getötet und weitere verwundet. »Unsere Guerillakräfte werden niemals auf der Angreiferseite stehen«, dementierten die Volksverteidigungskräfte (HPG) allerdings die Anschuldigungen KDP-naher Medien, dass sie das Feuer eröffnet hätten. Im Falle einer Fortsetzung der Angriffe werde sich die Guerilla aber verteidigen.

Neoosmanische Ansprüche

Zwischen der konservativen, durch feudale Familienbande zusammengehaltenen KDP, die vom Barsani-Clan dominiert wird, und den linksorientierten und eher aus proletarischen und bäuerlichen Bevölkerungsschichten stammenden Anhängern des in der Türkei inhaftierten PKK-Vordenkers Abdullah Öcalan herrscht seit Jahrzehnten Rivalität. Während die durch ihre Ölgeschäfte eng mit Ankara verbundene KDP die Besatzungsoperationen der türkischen Armee im Nordirak zulässt, hat sich die Guerilla den Invasoren wie in den vergangenen Monaten in Haftanin entgegengestellt. Da die ortskundige Guerilla der türkischen Armee im Bergland immer wieder harte Schläge beibringen konnte, setzt Ankara verstärkt auf die Kollaboration mit der KDP.

Deren Vorsitzender Masud Barsani beschuldigt die PKK, Gebiete in der kurdischen Autonomieregion »besetzt« zu haben und damit Schuld an der Vertreibung Tausender Dorfbewohner in Folge türkischer Luftangriffe zu sein. Doch tatsächlich erscheint der Kampf gegen die PKK als Vorwand für Ankaras Militäroperationen im Nordirak, denn türkische Regierungspolitiker und Medien haben mehrfach ganz offen Anspruch auf ehemals osmanische Gebiete einschließlich der Erdöllagerrstätten um Kirkuk erhoben.

Mit Masud Barsani als KDP-Vorsitzendem, seinem Sohn Masrur als Ministerpräsidenten und seinem Neffen Netschirwan als Präsidenten hat die Familie alle Schlüsselpositionen in der Autonomieregion besetzt. Es sei tatsächlich nur die Barsani-Familie, die zum Krieg treibt, erklärte ein Menschenrechtsaktivist aus Erbil am Mittwoch abend telefonisch gegenüber junge Welt. Die Bevölkerung lehne einen Bruderkrieg strikt ab und wisse genau, dass von der PKK keine Gefahr ausginge. Doch in dem klientelistischen System in der kurdischen Autonomieregion sei die Bindung an die KDP für viele Menschen existentiell, so dass sie nicht öffentlich Stellung beziehen könnten. Die meisten Peschmerga seien schon aufgrund der seit Monaten ausstehenden Löhne nicht bereit, ihr Leben im Kampf gegen andere Kurden zu riskieren, meinte der Aktivist. Dessen ist sich wohl auch der Barsani-Clan bewusst, der nur direkt an die Familie gebundenen Loyalisten wie die Präsidialgarde »Mekteba Serok« in die Guerillagebiete geschickt hat.

Errungenschaften gefährdet

Der Dachverband »Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans« (KCK), dem die PKK und ihre Schwesterorganisationen angehören, warnte am Donnerstag eindringlich vor einem durch die KDP provozierten innerkurdischen Krieg. Dies würde die Errungenschaften des kurdischen Volkes in allen Teilen Kurdistans gefährden. Mit einem Anschlag auf eine aus dem Nordirak kommende Ölpipeline in der türkischen Provinz Mardin hatte die Guerilla in der vergangenen Woche ein Warnsignal an Ankara und den von den Petrodollars profitierenden Barsani-Clan zugleich geschickt.

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung.

Kann ja jeder behaupten, der oder die Beste zu sein! Deshalb wollen wir Sie einladen zu testen, wie gut wir sind: Drei Wochen lang (im europ. Ausland zwei Wochen) liefern wir Ihnen die Tageszeitung junge Welt montags bis samstags in Ihren Briefkasten – gratis und völlig unverbindlich! Sie müssen das Probeabo nicht abbestellen, denn es endet nach dieser Zeit automatisch.

Ähnliche:

  • Türkische Soldaten während eines Militärangriffs auf Irakisch-Ku...
    02.07.2020

    Stockender Einmarsch

    PKK verteidigt Kurdische Autonomieregion im Irak gegen türkische Angriffe
  • Straße in der mehrheitlich von Kurden bewohnten Stadt Diyarbakir...
    04.01.2020

    Ankaras Krieg gegen die PKK

    Kurdische Volksverteidigungskräfte (HPG) legen Jahresbilanz vor. Türkei verschweigt hohe Verluste
  • Der neue Präsident der Region Kurdistan-Irak, Nechirvan Barzani,...
    04.07.2019

    Ankara plant Besatzung

    Zivilisten bei türkischer Offensive im Nordirak getötet. Neue Selbstverteidigungskräfte gegen Besatzungsversuche der »Neoosmanen«gebildet

Regio:

Mehr aus: Ausland