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Aus: Ausgabe vom 05.11.2020, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Die Idee des Aufstands

»Optimisme«: Songhoy Blues aus Mali bringen die Verhältnisse zum Tanzen
Von Frank Schwarzberg
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Kann man 2020 als Musiker eine Platte ernsthaft »Optimisme« nennen? Man kann, denn spätestens ab dem zweiten Durchlauf des neuen Albums von Songhoy Blues haben die innere Zuversicht, Lebenslust, der rebellische Geist und die enorme Energie der Band aus Mali von dir Besitz ergriffen. Einen zweiten Durchlauf brauchte es vermutlich sowieso nur bei mir, da beim ersten, im Nebenzimmer bei Wannenbad und Kerzenschein, dummerweise Entspannung gesucht und prompt nicht gefunden wurde. Der Groove der Band lässt tatsächlich nur Aufdrehen und Lostanzen zu.

Es ist der Tanz, den versteinerte Verhältnisse brauchen. In Mali sind das Bürgerkrieg, Malaria, Patriarchat, Islamisten, und das alles schon viel zu lange. 2012 übernahmen Dschihadisten die Kontrolle im nördlichen Teil Malis, Musik wurde verboten. Die späteren Mitglieder von Songhoy Blues, die allesamt in den Süden, in die Hauptstadt Bamako geflohen waren, lernten sich ebendort kennen und gründeten, benannt nach ihrer fünf Millionen Menschen starken Volksgruppe, den Songhai: Songhoy Blues. 2015 erschien ihr Debütalbum »Music in Exile«, 2017 der Nachfolger »Résistance«.

Und jetzt eben »Optimisme«. Die Tuareg-Band Tinariwen macht etwas Ähnliches, aber Songhoy Blues gehen noch einen Schritt weiter: Ihr Gemisch aus westafrikanischer Polyrhythmik und klassischem Gitarrenrock ist noch krachiger, griffiger, klingt wie eine elastische Version von Led Zeppelin, bisweilen erinnert er auch an The Clash. Und tatsächlich gibt es schon länger veritable Coverversionen der Afrikaner von Led Zeppelins Übersong »Kashmir« und »Should I Stay or Should I Go?« von The Clash im Netz.

Wie Led Zeppelins Debütalbum entsprungen, klingt denn auch das Eröffnungsriff des ersten der elf neuen eigenen Songs, »Badala«. »Es interessiert mich einen Scheiß«, heißt das grob übersetzt, und gemeint ist das Patriarchat, von dem sich die Protagonistin des Textes befreien möchte. Diese Perspektive kehrt im vierten Track, »Gabi« (was Stärke bedeutet), wieder, in welchem die Braut sich nicht mehr vorschreiben lassen will, wen sie zu heiraten hat. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft liegt für Songhoy Blues in der jungen Generation; im Text von »Barre« wird Veränderung als wesentlich verstanden, verknüpft mit der Idee des Aufstands: »Youth! Let’s Rise for This Change!« (die englischen Übersetzungen sind den Videos beigefügt).

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»Youth! Let’s Rise for This Change!«: Songhoy Blues beim Music Festival Sines, 2015

»Barre«, der fünfte des Albums, ist der eingängigste, tanzbarste Song, ein absoluter Ohrwurm. Erst ab Stück sechs finden sich feingliedrigere Arrangements (Dynamikwechsel, ein überraschend stimmiger Querflötenpart in »Korfo«).

Produzent Matt Sweeney, dessen reichhaltiges Portfolio Kollaborationen von Bonnie »Prince« Billy (Will Oldham) bis Run The Jewels aufweist, hatte es genau darauf angelegt; er tanzte, lachte und schrie im Studio während der Aufnahmen, um die Musiker bis an ihr Limit zu pushen. Die Wucht des Leadgitarristen Garba Touré, mit der er Riffs und atemberaubende Soli spielt, wird von der gesamten fünfköpfigen Band multipliziert.

Ansteckend und Mut machend ist also dieses Album. Aber legt es erst auf, wenn ihr euch, frisch gebadet, fertig macht: zum Rausgehen.

Songhoy Blues: »Optimisme« (Transgressive/Pias)

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