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Aus: Ausgabe vom 04.11.2020, Seite 8 / Ansichten

Doch nur verzählt

Neonazis beim KSK
Von Sebastian Carlens
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Häuserkampf trainieren, ohne das Wüten der SS im Warschauer Ghetto als Vorbild zu nehmen: Eine Herausforderung für das »Kommando Spezialkräfte«

Während die BRD in der Coronapandemie versinkt, kann gut mit früheren Skandalen aufgeräumt werden – die Leute haben schließlich anderes zu tun, als sich den Kopf über die Sinnhaftigkeit solcher Aussagen zu zerbrechen: Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Eberhard Zorn, hatte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer am Montag einen Zwischenbericht vorgelegt, wonach der »Kampf gegen Extremismus« in der Truppe erfolgreich abgeschlossen oder aber wenigstens »auf einem guten Weg« sei.

Zur Erinnerung: Neonazikumpanei bei schwerbewaffneten Elitetruppen, unterirdische Sprengstoffverstecke und haufenweise verschwundene Waffen aus Armeebeständen konnten den Eindruck erwecken, dass es ein Problem mit Faschisten innerhalb der Repressionsorgane gibt. Doch das Ministerium meldet Entwarnung: Die meisten der nicht mehr auffindbaren Waffen seien gar nicht weg, sondern nur »falsch verbucht« worden. Ein glücklicher Umstand ergebe sich zudem bei angeblich entwendeten Zigtausenden Schuss Munition: Eine Nachzählung habe erwiesen, dass nicht nur keine Patronen fehlten, sondern sogar »50.000 Schuss Überbestand« vorhanden seien. Auch der abhanden gekommene Sprengstoff sei mit einem »Buchungsfehler« zu erklären: »Anhaltspunkte für Diebstahl oder Unterschlagung konnten bisher nicht identifiziert werden.« Das Erddepot mit zwei Kilogramm Nitropenta, das im Gemüsegarten eines Kommandosoldaten ausgehoben worden war, wird sicher einen profanen Hintergrund haben; vermutlich hatte der Hund des KSK-Mannes das Zeug dort verbuddelt – alles ganz harmlos also.

Wer diese Beschwichtigungen nicht glauben mag, wird sich an den Franco-Albrecht-Skandal oder das »Hannibal«-Netzwerk erinnern: braune Strukturen quer durch Polizei und Bundeswehr. Staatsstreichplanungen für einen »Tag X«. Und entsprechende Bewaffnung samt Mordlisten gegen demokratisch gewählte Politiker. Um diesen Sumpf auszutrocknen, wäre mehr als eine Reform nötig. Denn es bleibt ein unauflösbarer Widerspruch, zum Töten ausgebildete Truppen einsetzen zu wollen, aber genau die Soldaten, die dazu fähig und bereit sind, vom Dienst abzuhalten. SS-Devotionalien und Hitlerbilder, die beim Calwer »Kommando Spezialkräfte« auftauchten, sind mehr als private Spleens. Der deutsche Imperialismus ist eben noch nie so weit in alle Welt wie unter seinem »Führer« gekommen – dieser Maßstab liegt stets an, wenn das deutsche Kapital marschiert. So gesehen sind die Soldaten ehrlicher als ihre Vorgesetzten.

Aber das ist ja überhaupt das Problem mit jedem Parlamentarismus: Er befördert irgendwann immer die eigenen Totengräber. Wenn »Tag X« kommt, werden Abgeordnete und Kabinettsmitglieder merken, dass selbst sie zum Hemmnis deutscher Expansion werden können. Bis dahin dürfen wir erleben, wie Neonaziaffären unter der gestaltenden Hand bürgerlicher Demokraten regelmäßig zu buchhalterischen Missgeschicken zusammenschnurren.

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