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Aus: Ausgabe vom 04.11.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Ausbeutung bei Amazon

Die pickende Reservearmee

Kontrolle und Rotation: Amazon überwacht permanent seine Belegschaft und tauscht Beschäftigte aus
Von Sebastian Friedrich
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Dauerstress durch Arbeitsdruck: Kollegen bei Amazon müssen immer mehr Quote bringen

Der Onlineriese Amazon präsentiert sich gerne als freundliches und faires Unternehmen. Inmitten der ersten Welle der Coronapandemie lobte der Chef von Amazon Deutschland, Ralf Kleber, in einem Imagevideo überschwenglich seine Angestellten. Die Arbeit, die diese gerade leisteten, sei wichtiger denn je. Die Picker, Packerinnen und Lieferanten seien, so Kleber, »Amazon-Heldinnen und -Helden«.

Wie eine Heldin fühlt sich Lisa Reisner* allerdings nicht behandelt. Sie arbeitet seit mehreren Jahren im niedersächsischen Winsen an der Luhe in einem der modernsten Amazon-Versandlager in Europa. Der Arbeitsdruck sei enorm, sagt sie. Je nach Abteilung muss sie in der Stunde mehrere hundert Waren einlagern oder picken. Schafft sie die vorgegebene Rate nicht, stehe schnell ein »Area Manager«, eine Art Vorarbeiter, neben ihr. »Wir werden behandelt wie Roboter, die nicht richtig funktionieren«, erzählt Reisner.

Mitte Oktober hatte in der ARD-Sendung »Panorama« erstmals in Deutschland ein Vorarbeiter von Amazon ausgepackt. Er bestätigte: Wenn er auf seinem Laptop sehe, dass ein Amazon-Arbeiter nachlasse, greife er ein. »Dann gehe ich dahin, gucke, ist der Mitarbeiter da – und schaue: Was ist das Problem? Unterhält er sich vielleicht zu lange, ist er nicht am Platz, zu oft auf der Toilette?« Der Vorarbeiter erzählt bei »Panorama« von einem internen Computerprogramm, mit dem die Arbeitsschritte der Beschäftigten erfasst und detaillierte Profile der Beschäftigten erstellt werden können. Greenpeace liegen Dokumente vor, die diese Schilderungen bestätigen: Jeder Scanvorgang eines Amazon-Arbeiters wird sekundengenau aufgezeichnet und dem Vorarbeiter angezeigt. Amazon sieht darin kein Problem. Man behandele die Beschäftigten mit Respekt. »Der Gedanke, dass Führungskräfte ihre Zeit darauf verwenden, jede einzelne Handlung ihrer Teams zu hinterfragen, ist nahezu absurd«, teilte Amazon gegenüber jW schriftlich mit. Ob dieses System der permanenten Leistungskontrolle rechtlich zulässig ist, ist fraglich. Die niedersächsische Datenschutzbehörde ermittelt aktuell genau deswegen gegen Amazon.

In der klassischen Fabrik des vergangenen Jahrhunderts liefen die Fließbänder schneller, um die Mehrwertrate zu erhöhen. Im digitalen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts steigt die Rate. Als Lisa Reisner vor vier Jahren bei Amazon in Winsen anfing, habe sie in der Abteilung knapp 200 Teile die Stunde gepickt. Nach und nach stieg die Rate. Mittlerweile liege sie bei 350. »Die Arbeit ist die gleiche geblieben, aber jetzt müssen wir fast doppelt soviel arbeiten«, sagt Reisner.

Die Rate steigt auch deshalb, weil Amazon vor allem auf prekäre Beschäftigungsverhältnisse setzt. Peter Birke von der Universität Göttingen schätzt, dass am Standort in Winsen zu Hochzeiten bis zu 50 Prozent der Beschäftigten befristet sind. Amazon hält sich mit offiziellen Zahlen bedeckt und wollte den genauen Anteil der befristet Beschäftigten auf jW-Anfrage nicht nennen. »Der ganz überwiegende Teil der Mitarbeiter in Winsen hat unbefristete Verträge«, so Amazon.

In Leipzig, wo sich eines der insgesamt 13 großen Distributionszentren in Deutschland befindet, war Michael Wolff auch mal befristet angestellt. Er beschreibt diese Zeit als ein Ausscheidungsrennen. Alle hätten versucht, noch schneller und schneller zu arbeiten, um die erhoffte Vertragsverlängerung zu erhalten. »Ich habe jeden Tag 200 Prozent gegeben und bin nach der Arbeit völlig kaputt ins Bett gefallen.« Mittlerweile arbeitet er unbefristet bei Amazon und lässt sich nicht mehr so den Takt vorgeben – auch weil der Betriebsrat Druck auf die Geschäftsleitung gegen diese Form der Arbeitshetze aufgebaut hat.

Amazon macht, was alle machen: auf die setzen, die 200 Prozent geben. Doch wenn immer nur die Schnellen bleiben, die etwas Langsameren gehen müssen, steigt die Durchschnittsrate sukzessive. Wer heute noch schnell genug ist, um weiterbeschäftigt zu werden, kann schon morgen zu langsam sein. Um dieses System immer weiter zu beschleunigen, braucht es ständig neues Menschenmaterial.

Arbeitssoziologe Birke vermutet, dass Amazon bewusst dort Standorte eröffnet, wo sich das Beschäftigungsmodell realisieren lässt: »Dass Amazon etwa in Winsen ist, liegt wohl auch daran, dass es in der Region ein hohes Potential arbeitender Armer gibt.« Das Reservoir der pickenden Reservearmee macht sich Amazon zunutze, um die Ausbeutung zu intensivieren – und auf Basis der Arbeit ihrer »Heldinnen und Helden« Rekordumsätze einzufahren.

Hintergrund: Amazon ist der Krisengewinner

Amazon gilt als der große Gewinner der Coronakrise. Das zeigt schon ein Blick auf den Aktienkurs, der sich im Zuge der Pandemie fast verdoppelt hat: Mitte März lag der Aktienwert noch bei etwa 1.500 Euro, zwischenzeitlich kratzte die Aktie die 3.000-Euro-Marke und liegt aktuell bei etwa 2.700 Euro. Dieser Höhenflug bescherte dem Konzern traumhafte Quartalszahlen. Im dritten Quartal 2020 konnte sich Amazon über ein Umsatzplus im Vergleich zum Vorjahresquartal um 37 Prozent freuen. Der Umsatz lag bei 96,1 Milliarden US-Dollar (82,3 Milliarden Euro), der Gewinn bei 6,3 Milliarden Dollar. So überrascht es nicht, dass Amazon mittlerweile der erfolgreichste US-Konzern in Deutschland ist. Mit einem Jahresumsatz von 20 Milliarden Euro wurde erst kürzlich der Autohersteller Ford von Platz eins verdrängt. Die Rangliste bezieht sich aber auf die Zahlen des Geschäftsjahres 2019. Der Abstand dürfte sich wegen der Pandemie inzwischen vergrößert haben. Weltweit gesehen liegt Amazon bei den wertvollsten Marken auf Platz zwei. Laut der internationalen Markenberatung Interbrand liegt Apple noch ganz vorne, Amazon folgt mit 201 Milliarden Euro dahinter. Allerdings verzeichnet Amazon mit 60 Prozent den stärksten Zuwachs aller gelisteten Unternehmen. Der Höhenflug zahlt sich auch für Amazon-Chef Jeff Bezos aus. Der ist laut Forbes mittlerweile mit einem Vermögen von knapp 200 Milliarden Dollar der reichste Mensch der Welt. Das Vermögen des Amazon-Bosses wuchs nach Berechnung von Market Realist allein 2020 jede einzelne Minute um 180.000 Euro. Das ist damit mehr, als sieben Amazon-Picker in Deutschland verdienen – im ganzen Jahr wohlgemerkt. (sf)

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