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Aus: Ausgabe vom 03.11.2020, Seite 8 / Ansichten

Hohler Friedrich

CDU einigt sich auf Parteitagstermin
Von Arnold Schölzel
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Das Establishment am Auspuff riechen lassen: Friedrich Merz belauert einen Konkurrenten

Im Western kommt es darauf an, wer zuerst zieht, im Parlamentarismus auch. Auf Kugelspritzen wird in Hohen Häusern meist verzichtet, aber jeder bürgerliche Verein verwandelt sich in eine Partei der langen Messer, wenn es um Posten und Pöstchen geht.

Der Kandidat für CDU-Vorsitz und Kanzlerschaft, Friedrich Merz, schien bis Sonnabend zu früh gezogen zu haben. Als am 25. Oktober bekannt wurde, die CDU-Führung werde am folgenden Tag beschließen, den geplanten Parteitag zu verschieben, schüttelte ihn ein öffentlich zelebrierter Rappel. Seine Formulierung, das sei »eine Entscheidung gegen die Basis«, war noch harmlos. Aber bereits vor dem Beschluss wütete er im ARD-»Morgenmagazin«: Es gebe »beachtliche Teile des Parteiestablishments, die verhindern wollen, dass ich Parteivorsitzender werde.« In der Welt steigerte der Millionär, der sich selbst als Mittelständler mit Privatflugzeugen sieht, das zu: Dies sei »der letzte Teil der Aktion ›Merz verhindern‹ in der CDU«. Konkurrent Armin Laschet brauche mehr Zeit, »um seine Performance zu verbessern.« Denn er, Merz, führe in allen Umfragen.

Wer in der CDU Laschet sagt, meint Angela Merkel. Merz hatte damit angeblich gegen den Brauch verstoßen – egal welchen. Das Establishment schlug jedenfalls zurück, es begannen fünf unterhaltsame Tage, aber leider war am Sonnabend alles vorbei. Die Kandidaten Merz, Laschet und Norbert Röttgen, hieß es, hätten sich »nach intensiver Beratung« auf den Vorschlag geeinigt, den Parteitag am 16. Januar stattfinden zu lassen. Punktsieg Merz.

Sein stärkstes Argument war zweifellos seine Lautstärke. Dabei hatte der Mann aus dem Sauerland, wo er nach eigenem Bekunden einst mit »schulterlangen Haaren« auf einem Motorrad »durch die Stadt gerast« war, also das Establishment am Auspuff riechen ließ, eine sehr schlechte Presse. Die FAZ häufte Vokabeln auf ihn, die einem Reichsflaggenschwenker auf den Treppen des Bundestages hätten gelten können: »Opfertum, Populismus, Narzissmus, Schaumschlägerei und Verschwörungsdenken in einem«.

Woher dann die »Wende«? Eine Antwort liefert Merz offenbar in einem Buch (»Neue Zeit. Neue Verantwortung«), das am gestrigen Montag erschien. Die Süddeutsche Zeitung überschrieb ihre Rezension mit »Der Gebrauchtsatzhändler« und zitierte: »Auch in dieser Krise entstehen Chancen.« – »Die deutsche Geschichte ist eine Geschichte der Höhen und Tiefen.«

Will heißen: Der Mann ist so hohl wie ein Gewehrlauf und genauso gefährlich. Zu nichts fähig, aber zu allem bereit. Das reicht der CDU-Basis und hoffentlich dafür, die Partei so zu zerstören, wie sich das kein Influencer ausdenken kann. Insofern wäre die Losung »ein Herz für Merz« angebracht. Jedoch: Für diese Kreatur des größten Finanzkonzerns der Welt gilt Brechts »Arturo Ui«: »So was hätt’ einmal fast die Welt regiert! … Dass keiner uns zu früh da triumphiert!«

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Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. ( 2. November 2020 um 23:19 Uhr)
    Oder es war anders: Nachdem Herr Merz erkannt hatte, dass es mit dem Viertel der Zustimmungen nicht zu schaffen war, an den Vorstand zu gelangen, erwirkte er eine seltsame Art der neuen Zustimmung. Die kann darauf beruhen, dass an den anderen Kandidaten Zweifel gerührt wird. Ist das neu? Sich für das Soziale einzusetzen?

    Herr Merz bemüht sich sehr. Warum wird diese Mühe nicht anerkannt? Er legt sich ins Zeug. Herr Merz zeigt allen, wie wichtig ihm ist, für die Veränderung der Partei zu sorgen. Zwar erklärt er den Inhalt seiner Position nicht, doch damit ist er in der Zeit, erst in der Arbeit neu zu strukturieren. So seine Idee für die neue CDU.

    Andere Anwärter für die Position hatten sich deutlich in die Richtung orientiert, sich entschieden sozialer zu positionieren. Das ist für Herrn Merz kein Argument. Wer einen Umbau der eigenen Partei im Blick hat, erklärt erst später, was er plant. Zuerst geht es um sich und die Zeit, die ab dann beginnt. – Allen Andersdenkenden kann nur empfohlen werden, Herrn Merz und seine Vorstellungen sofort anzunehmen. – Oder kommen Sie zu einer besseren Entscheidung?

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