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Aus: Ausgabe vom 02.11.2020, Seite 2 / Inland
Flughafeneröffnung

Tanz auf dem Milliardengrab

Zahlreiche Proteste bei BER-Eröffnung – Verbot von Inlandsflügen gefordert
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Gegen das Drehkreuz: Protestaktion während der Eröffnung des Hauptstadtflughafens BER (Schönefeld, 31.10.20)

Sie waren kreativ: Demonstranten stahlen dem Chef des sogenannten Hauptstadtflughafens BER, Engelbert Lütke Daldrup, die Eröffnungsshow. Dazu gleich.

Neun Jahre später als geplant, landeten am Sonnabend vormittag Flugzeuge mit Fahrgästen vor dem neuen Terminal. Aus Sicherheitsgründen aber nicht wie geplant parallel auf beiden Start- und Landebahnen, sondern mit einem Abstand von gut vier Minuten auf der Nordbahn – angeblich wetterbedingt. Am Sonntag vermeldete ein BER-Sprecher den erfolgreichen ersten offiziellen Abflug einer Maschine aus Schönefeld mit Flugziel London. 30 Jahre nach dem Anschluss der DDR wird der Luftverkehr Berlins und Brandenburgs am Standort des früheren DDR-Flughafens Schönefeld konzentriert. Der Innenstadtflughafen Tegel schließt. Dort soll am 8. November die letzte Maschine abheben.

Der Bau des BER war geprägt von Planungsfehlern, technischen Problemen und Baumängeln. Sechs Mal wurde die Eröffnung verschoben. Die Kosten für den Bau und den Schutz der Anwohnerinnen und Anwohner vor Fluglärm verdreifachten sich auf Rund sechs Milliarden Euro.

Zu den Protesten: Als Pinguine verkleidet demonstrierten Dutzende Klimaaktivisten gegen das neue Drehkreuz südlich von Berlin. Die Mitglieder der Gruppe »Am Boden bleiben«, die sich für weniger Flugverkehr engagiert, zogen vom Willy-Brandt-Platz bis zum Eingang des neuen Terminals 1. Es gehe darum, ein Zeichen gegen die Luftfahrtindustrie zu setzen, erklärte ein Mitglied der Gruppe am Sonnabend gegenüber dpa. Insgesamt seien an den Aktionen rund 250 Menschen beteiligt gewesen, sagte eine andere Sprecherin der Gruppe. Neben »Am Boden bleiben« protestierten weitere Gruppen wie »Fridays for Future« oder »Extinction Rebellion«. Taxifahrer aus Berlin machten mit einem Hupkonzert auf sich aufmerksam, sie forderten mehr Konzessionen für den Fahrgasttransport am neuen Airport.

Das war nicht alles: Aktivistinnen und Aktivisten der Umweltorganisation Robin Wood entrollten vom Dach eines Gebäudes direkt vor dem Terminal 1 ein langes Banner mit den Aufschriften »Flieger stoppen statt Klima schrotten« und »System Change not Climate Change«. Die Organisation fordert den Ausbaustopp der Flughafeninfrastruktur sowie eine konsequente Förderung klimafreundlicher Alternativen zum Flugverkehr. Der Protest gehe Hand in Hand mit zahlreichen Demonstrationen und Aktionen weiterer Akteurinnen und Akteure der Klimagerechtigkeitsbewegung, teilte Robin Wood am Sonnabend in einer Stellungnahme mit.

Die Forderungen der Umweltbewegten sind klar: Inlands- und Kurzstreckenflüge müssen verboten werden. Statt dessen müssen der länderübergreifende und der Nachtzugverkehr deutlich ausgebaut werden. Subventionen für die Flugindustrie sind abzubauen, damit für mehr Kostengerechtigkeit gesorgt wird. Da Fluggesellschaften noch immer von der Kerosin- und Mehrwertsteuer befreit sind, entgehen dem Staat jährlich etwa 13 Milliarden Euro Steuereinnahmen, so Robin Wood. (dpa/Reuters/jW)

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