Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Gegründet 1947 Donnerstag, 28. Januar 2021, Nr. 23
Die junge Welt wird von 2464 GenossInnen herausgegeben
Die junge Welt drei Wochen gratis testen Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Aus: Ausgabe vom 31.10.2020, Seite 6 / Ausland
Chile

In eine bessere Zukunft

Unterwegs mit Chilenen beim Verfassungsreferendum in Berlin. Hoffnung auf Rückkehr und Veränderungen in ihrem Heimatland
Von Jule Damaske
xxx.jpg
Die beiden chilenischen Soziologen Valentina Araya und Camilo Alvarez vor der Botschaft ihres Landes in Berlin (25.10.2020)

Dutzende Menschen haben sich in einer Schlange an zwei Häuserblocks entlang vor der chilenischen Botschaft in Berlin-Mitte versammelt. In der Luft liegt Aufbruchstimmung. Für die Chilenen ist der 25. Oktober 2020 ein besonderer Tag, an dem Geschichte geschrieben wird. Die Verfassung, die 1980 unter dem Diktator Augusto Pinochet in Kraft trat, gilt abgeändert bis heute. Nach einem Jahr der Proteste, gezeichnet von Menschenrechtsverletzungen und Polizeigewalt, haben am vergangenen Sonntag 78,27 Prozent der Wähler (14,8 Millionen Chilenen waren wahlberechtigt) für eine neue Verfassung gestimmt.

Chilenen, die im Ausland leben, konnten in den Botschaften wählen wie beispielsweise in der deutschen Hauptstadt. Zahlreiche junge und einige ältere Menschen stehen unter Einhaltung der Hygieneregelungen vor der diplomatischen Vertretung. Einige stoßen mit Bier an, ein kleiner Stand in der Nähe spielt chilenische Musik ab. Eines haben die meisten Menschen hier gemeinsam: Sie kamen nach Deutschland, um einem neoliberaleren und ungerechten System zu entfliehen.

Dazlav Camus Peña ist einer von ihnen und hat für eine neue Verfassung gestimmt. »Wir sehen gerade, dass das Volk die Macht hat, die Zukunft zu ändern«, sagt der 25jährige. In Chile war er Wirtschaftsingenieur, in Berlin, wo er seit März lebt, arbeitet er in einem Café und liefert zusätzlich per Fahrrad Essen aus. »Ich erinnere mich noch genau, wie wir uns vor einem Jahr bei dem größten Protest, den Chile bis dahin gesehen hat, auf der Straße versammelt haben«, erzählt Dazlav. »Da liefen Mapuche mit Feministinnen, Alte mit Kindern. Ganz Chile war auf der Straße. Alles verlief friedlich, bis die Polizei mit Geschossen und Tränengas auf uns losging.« Ein Polizist feuerte im November vor einem Jahr eine Schrotkugel auf das Auge von Dazlavs Cousin Brandon. Der 23jährige Kunststudent aus Valparaíso ist seitdem auf einem Auge blind. Dazlavs Vater stimmte trotz der traumatischen Erfahrungen in der Familie gegen eine neue Verfassung. »Er hat angeblich Angst vor dem Marxismus«, sagt Dazlav. »Dabei ist er selbst Opfer der Ungerechtigkeiten in Chile und verabscheut die Polizeigewalt.«

Die Proteste richteten sich vor allem gegen die soziale Ungleichheit im Land. Während der
Militärdiktatur wurde Chile zum neoliberalen Wirtschaftsexperiment. Das Bildungs-,
Renten- und Gesundheitssystem sind seitdem privatisiert. Ein Jahr an Dazlavs Uni kostete umgerechnet 4.000 Euro. Das monatliche Durchschnittseinkommen in Chile beträgt nur 450 Euro. »In Chile kannst du nichts machen ohne Geld«, sagt er frustriert. »Meine Oma hat ihr Leben lang hart gearbeitet. Heute bekommt sie 130 Euro Rente, von der sie nicht leben kann.« Die Gehälter sollten seiner Meinung nach den unverhältnismäßig hohen Lebenskosten angepasst werden.

»Die neue Verfassung muss für die Leute geschrieben werden, die sie am meisten
brauchen«, sagt Dazlav. Notwendig sei auch, dass sie von Experten ausgearbeitet
wird und nicht nur Politikern. 78,99 Prozent der Wähler stimmten für einen
konventionellen Verfassungskonvent. Die 155 Mitglieder, je zur Hälfte Männer und Frauen,
die innerhalb eines Jahres eine neue Verfassung erarbeiten sollen, sollen im April 2021
direkt vom Volk gewählt werden. Eindeutig abgelehnt wurde ein gemischter Verfassungskonvent, der zu 50 Prozent aus Vertretern politischer Parteien besteht, die im
Parlament sitzen. »Für Medizinthemen sollten spezialisierte Mediziner involviert werden,
für Bildung Lehrer und Dozentinnen«, meint Dazlav. »Auch die Polizei sollte reformiert
werden. Polizisten haben eigene Krankenhäuser, viel höhere Renten und müssen nur 25 Jahre
arbeiten bevor sie in Rente gehen.«

Valentina Araya und Camilo Alvarez (beide 31) wirken erleichtert, als sie aus dem Wahllokal
kommen. Die Soziologen aus Santiago haben ebenfalls für eine neue Verfassung gestimmt. Valentina ist für die Wahl extra aus Dresden angereist, wo sie seit drei Jahren lebt. »Es ist ein
historischer Tag nicht nur für Chile, sondern für ganz Lateinamerika«, versichert sie. »Chile zeigt, dass Systeme, die nicht funktionieren zusammenbrechen und Partizipation etwas verändern kann. Die Welt schaut zu, wie die Demokratie in Chile wächst.« Für Camilo ist es »ein gewaltiger Schlag gegen den Neoliberalismus«. Er kam nach Deutschland, weil er keine Chancen in Chile sah. In Berlin macht er seit letztem Jahr einen Master in Global Studies.

»Hinter der Demokratie in Chile versteckt sich weiterhin eine Diktatur«, sagt Camilo. Nun stecke das Land in einer Transformation, die Eigentum und Identität hinterfragt. »In Chile gab es seit Jahren keinen freien Markt. Das einzige, was es gab, waren Ungerechtigkeiten auf allen Ebenen.« Der rechtskonservative Präsident Sebastian Piñera habe ihn nie repräsentiert. »Die Proteste in Chile waren notwendig«, meint Camilo, »denn jetzt ist das Volk so vereint wie noch nie.« Er wünscht sich ein feministisches, solidarisches und nachhaltiges Chile, wohin er eines Tages zurückkehren kann.

Auch Belén Gonzales (29) würde gerne wieder in Chile leben, wenn es eine höhere Lebensqualität gebe. Zusammen mit ihrer Freundin Paloma Orellana (29) hat sie für eine neue Verfassung gestimmt. Beide nahmen an zahlreichen Demonstrationen im vergangenen Jahr teil. »Ich hatte das Gefühl, ich lasse Chile im Stich, weil ich einfach gegangen bin«, sagt Belén. Sie fühle sich hier wie in einer Parallelwelt, in der es ihr gutgehe, während ihre Familie in der
Heimat leidet. »Es war keine leichte Entscheidung, aber ich kann mir nicht vorstellen, ohne eine gesicherte Arbeit, Rente und Gesundheitsversorgung weiterhin in Chile zu leben.« Auch eine Familie wolle sie unter diesen Umständen nicht gründen. »Ich habe nach meinem Studium selbständig als Logopädin gearbeitet«, erzählt Belén. »Vier Jahre lang habe ich mich abgerackert, und obwohl ich für die Regierung gearbeitet habe, bekam ich nie einen festen Arbeitsvertrag.« Die Arbeitsbedingungen und das unsichere Verhältnis wurden so belastend, dass sie im Februar nach Deutschland kam.

»Hinter uns liegt ein Jahr des Kampfes und der Schmerzen«, sagt Belén mit Tränen in den
Augen. Sie erzählt von verletzten Menschen, die sie bei den Protesten blutüberströmt auf
der Straße liegen sehen hat. »In der Schule wurde uns immer beigebracht, dass so etwas
wie in Diktaturzeiten nie wieder passieren würde«, erinnert sich Paloma. »Doch es kam
wieder zu unzähligen Menschenrechtsverletzungen. Heute leben wir in einem Land der
Extreme, einem Land, das noch nie so polarisiert war.« Beide haben Hoffnung, dass sich
die Dinge jetzt ändern werden. Eines steht bereits fest: »Für uns ist heute ein historischer
Tag«.

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung.

Kann ja jeder behaupten, der oder die Beste zu sein! Deshalb wollen wir Sie einladen zu testen, wie gut wir sind: Drei Wochen lang (im europ. Ausland zwei Wochen) liefern wir Ihnen die Tageszeitung junge Welt montags bis samstags in Ihren Briefkasten – gratis und völlig unverbindlich! Sie müssen das Probeabo nicht abbestellen, denn es endet nach dieser Zeit automatisch.

Debatte

  • Beitrag von Michael M. aus B. (31. Oktober 2020 um 17:26 Uhr)
    Ein Verfassungsreferendum – wie demokratiefeindlich!

    Die Bundesregierung nebst Presse wird selbstverständlich protestieren, hoffe ich.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Clint Kohlberg: Falsche Zahlen? Wenn ich richtig gelesen habe, wird in diesem Artikel oder in einem anderen Artikel vom 27. Oktober eine falsche Zahlenangabe gemacht. Im jW-Artikel »Chile schreibt Geschichte« vom 27. Oktober schreib...
  • alle Leserbriefe

Ähnliche:

Mehr aus: Ausland