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Aus: Ausgabe vom 30.10.2020, Seite 16 / Sport
Beim Fananwalt

Dem Fan vertrauen

Von René Lau
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So feiert man Fußball: Split ehrt die »Torcida« (28.10.2020)

Vor zwei Tagen feierte die älteste Ultragruppe Europas, die Torcida Split, ihr 70jähriges Jubiläum. Die kroatische Stadt wurde zur Feier des Tages ins Glutrot einer enormen Pyroshow getaucht.

Selbst wenn ein solch imposantes Schauspiel in hiesigen Gefilden kaum denkbar ist, da die örtliche Politik »kriegsähnliche Zustände« herbeireden würde, sollte auch hierzulande so mancher über diese Feierlichkeiten nachdenken. In unserem Land gibt es ebenfalls eine Vielzahl von Fangruppen, die für ihren Verein und ihre Stadt brennen. Auch wenn so mancher in ihnen nur brandschatzende Gewalttäter sieht und sie am liebsten mit Fußfesseln ausstatten oder mit Gesichtsscannern am Stadioneingang aussortieren würde.

Dabei hätten sie es verdient, von Verein, Politik und Verbänden mehr unterstützt, zumindest aber angehört zu werden, statt dass man Stadionallianzen mit »Team Blau« gegen sie schmiedet. Es sind gerade die Treuesten der Treuen, die sich in dieser Zeit vorbildlich verhalten haben. Dies zeigte sich nicht nur die letzten Wochen im Stadion, sondern insbesondere die letzten Monate außerhalb der Stadien mehr als deutlich.

Deshalb sollte so mancher Politiker, Vereins- oder Verbandsfunktionär, der sich derzeit in Demut übt, seine Erinnerungen wachhalten und auch in den Zeiten nach Corona dem gemeinen Fan mal einen Fehltritt nachsehen. Die Fans und Mitglieder eines Vereins sind es, die ihn am Leben halten, die Traditionen pflegen und an gute oder weniger gute Ereignisse der Vereinsgeschichte erinnern. Sie sind unbequem und sollten es auch bleiben.

Die jetzige Lage, in der auf absehbare Zeit kein Fan im Stadion sein und der unterklassige Fußball ganz eingestellt wird, bietet auch Chancen: für neue Ideen sowie ruhige und sachliche Gespräche miteinander, um Vereine und Vereinsleben zu erhalten. Dies kann im großen im Rahmen der Gespräche »Zukunft Profifußball« geschehen, aber auch im kleinen lokalen Bereich bei einem Bier im Vereinsheim (natürlich bei Beachtung aller Auflagen).

Vielleicht erleben wir es dann auch einmal, dass zu den Jubiläumsfeierlichkeiten einer Fangruppe nicht die Polizei anrückt, sondern man die Mädels und Jungs einfach mal machen lässt. Keiner von ihnen führt wirklich Böses im Schilde – sie wollen einfach nur Fan sein.

Die ausgestreckte Hand ist immer mehr wert als der erhobene Zeigefinger oder der tanzende Schlagstock.

»Sport frei!« vom Fananwalt.

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In der Serie Beim Fananwalt:

Sind Geisterspiele nicht das allerletzte? Werden Stadionkurven als Experimentierfelder für Polizeimaßnahmen genutzt? Wie ist es um die Rechtsstaatlichkeit von Sportgerichten bestellt? Solche Fragen beantwortet Rechtsanwalt René Lau ab sofort an jedem Freitag auf der Sportseite der Tageszeitung junge Welt.

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