Die jW-Serie »Wohnen im Haifischbecken«
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Aus: Ausgabe vom 31.10.2020, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Aktueller Beitrag aus dem Jenseits

Liebenswerter Anachronismus: Das neue Album der Jazzrockband Kraan
Von Thomas Behlert
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Immerwiedergeburt: Kraan bei einer ihrer zahlreichen Live-Reunions (9.5.2008)

Warum sollte man in Ulm eine Band gründen? Vielleicht, um von dort wegzukommen und die Welt zu sehen. Zumindest bei den Musikern von Kraan ist es unwahrscheinlich, dass sie 1971 den Plan hatten, ewig in der Domstadt zu leben und fürs Sparkonto zu arbeiten. Bassist Hellmut Hattler begann mit Hard Rock, der Freejazz-Fan und Vorreiter des Jazz-Rock in Deutschland wechselte aber schnell mit Peter Wolbrandt und Jan Fride im Schlepptau zum deutschen Krautrock. Doch man hob sich mit Hilfe eines starken Jazz-Einflusses von dem Rest der Szene ab. Eine Rezension aus dieser Zeit stellte zu den ersten Kraan-Veröffentlichungen fest, »dass ihr spezieller Sound einer nahezu überschäumenden improvisatorischen Kreativität entspringt«. Zusammen blieb die Besetzung von Kraan nicht lange: Die Band trennte sich, die Mitglieder gingen Soloaktivitäten nach. Sie kamen zwar zu Livekonzerten wieder zusammen, verkamen aber nicht zur Revivalband ihrer selbst, sondern erfanden sich mit jeder Reunion neu. Hattler gründete in der kraanlosen Zeit Tab Two, mit denen er eine neue Richtung einschlug, indem er Jazz mit House und HipHop genial verband.

Ob nun Kraan, Tab Two oder Soloveröffentlichungen, alles ist liebenswerter Anachronismus und kann bis ans Ende aller Tage ohne Vorbehalt angehört werden. In diesem Jahr gibt es zum 50. Bandjubiläum ein neues Album, zu dem es aus bekannten Gründen leider vorerst keine Tournee geben wird.

Gemeinsam mit mehreren Gästen und ehemaligen Kraan-Mitgliedern wurde in der Zeit des Shutdowns »Sandglass« aufgenommen, das nach einem Jahrzehnt des Wartens gut gelaunt, überaus lässig und mit einer ordentlichen Portion Groove und Funk (höre immer wieder: »Funky Blue«) das Vorgängerwerk »Diamonds« (2010) vergessen lässt. Die Musiker schickten sich dafür ihre Ideen mit moderner Technik hin und her, steuerten jeder persönliche Klänge bei, und schufen so ein magisches Werk, das intensiv und phantasievoll ist.

Den Grenzen zwischen Jazz, Rock und Pop weicht das Trio bei den 13 Songs geschickt auf, nimmt im Opener psychedelisches Gedrehe hinzu, das mit pulsierender Leidenschaft aus den Boxen drängt und dann verwirrend durch die Hirnbahnen schwebt. Gleich bei drei Songs greift der Bassist Hattler zum Mikrofon, und es wird sehr persönlich. Das ist ungewöhnlich im Reich des Jazz-Rock. Besonders angetan ist man beim Song »Moonshine on Sunflowers«, bei dem Hattler Keyboard-Samples des ehemaligen Mitglieds Ingo Bischof (gestorben 2019) verwendet, die man als aktuellen Beitrag aus dem Jenseits gelten lassen könnte. Interessant auch »Schöner wird’s nicht«: Hier setzt Jan Fride das Schlagzeug in Szene, überschreitet mit einem rein perkussiven und congadominierten Mittelteil alle Stilgrenzen und demonstriert laut und leicht Weltoffenheit. Nach langer Pause halten Kraan exzellenten »Budenzauber« (Titel 11) bereit, der in bekannter Qualität brilliert und Abwechslung in die mittlerweile eintönige Jazz- und Rockwelt bringt.

Kraan: »Sandglass« (36music/Broken Silence)

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