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Aus: Ausgabe vom 30.10.2020, Seite 8 / Inland
»Am Boden bleiben«

»Es gibt kein Menschenrecht auf Flugreisen«

Vor der Eröffnung des BER: Initiative protestiert gegen teuren und klimaschädlichen Luftverkehr. Ein Gespräch mit Lena Tucnak
Interview: Gitta Düperthal
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Auch am Flughafen Berlin-Tegel protestierte das Bündnis »Am Boden bleiben« bereits (10.11.2019)

An diesem Sonnabend soll nach langjähriger Verzögerung der Hauptstadtflughafen BER eröffnet werden. Dagegen protestiert die Initiative »Am Boden bleiben« und fordert, Flugverkehr insgesamt zu reduzieren. Sind Sie über die Entwicklung in der Coronakrise erfreut, durch die viel weniger Maschinen in der Luft sind?

Der Flugverkehr ist während der Pandemie zwar kurzfristig zurückgegangen. Aber diese Chance müsste für einen grundsätzlichen Umbau von Wirtschaft und Mobilität genutzt werden, etwa durch eine Verlagerung von Arbeitsplätzen in den klimafreundlichen Sektor. Sollten weiter Milliarden in umweltzerstörende Industrien versenkt werden, schlittern wir in die nächste Krise.

Aus Protest werden wir die BER-Eröffnung mit Hunderten als Pinguine verkleideten Aktiven stören und blockieren. Denn die coolsten Vögel bleiben am Boden.

Ihre Initiative kooperiert mit dem internationalen Netzwerk »Stay grounded«. Welches Ziel verfolgen Sie?

Als eine von mehr als 160 Mitgliedsorganisationen machen wir bei der Kampagne des Netzwerks »Save ­people, not planes« – also: Rettet Menschen, keine Flugzeuge – mit. Die Luftfahrtindustrie wehrt sich seit Jahren erfolgreich gegen mehr Regulierung, höhere Steuern und Klimaschutzmaßnahmen. Dennoch wird in der Pandemie nach staatlicher Rettung gerufen. Die sollte sie nicht bekommen.

Die Bauzeit des BER dauerte 14 statt der geplanten fünf Jahre. Der Flughafen sollte ursprünglich zwei Milliarden Euro kosten, jetzt sind es fast sieben Milliarden. Ist es nicht positiv, dass diese Odyssee mit der Eröffnung nun ein Ende findet?

Um den BER ranken sich Korruptionsskandale mit immensen Kosten, dieser Wahnsinn darf nicht weiter andauern. Wir brauchen aber keine neuen Flughäfen, sondern müssen alte schließen. Der BER könnte zum Museum umgestaltet werden, um das gescheiterte Konzept des Kapitalismus zu verdeutlichen.

Einst wurde als Errungenschaft gefeiert, dass auch Menschen mit wenig Geld und wenig Freizeit in den Urlaub fliegen konnten. Soll damit jetzt Schluss sein?

Zunächst einmal ist der Flugverkehr in seiner gegenwärtigen Form ein krasser Ausdruck von Ungerechtigkeit. Die dahinterstehende Industrie wird mit Steuergeld subventioniert, profitieren davon tun aber letztlich die Reichen. Vielen erscheint es als normal, Urlaub in weit entfernten Ländern machen zu können. Das ist es aber nicht. 80 Prozent der Weltbevölkerung haben noch nie in einem Flugzeug gesessen. Die Industrieländer sind Nutznießer, während der Rest der Welt wegen des durch CO2-Emissionen bedingten Klimawandels leidet. Es gibt kein Menschenrecht auf Flugreisen, wohl aber auf ein würdiges Leben für zukünftige Generationen.

Auch innerhalb Deutschlands ist Fliegen eine Klassenfrage. Sieben Prozent der Bevölkerung fliegen zehnmal oder öfter pro Jahr, vor allem Wohlhabende. Die Mehrheit sitzt gar nicht oder höchstens einmal jährlich in einem Flugzeug.

Sollen diejenigen hierzulande, die sich einmal im Jahr eine Flugreise gönnen, darauf verzichten?

Wir müssen darüber diskutieren, welche Flüge überflüssig sind. 90 Prozent der Maschinen aus Deutschland landen innerhalb Europas. Ein Drittel sind Inlandsflüge und könnten durch Bahnfahrten ersetzt werden. Mögliche Maßnahmen wären eine Kerosinsteuer auf Tickets, außerdem muss Schluss sein mit den Subventionen. Es sollte aber nicht nur über den Preis reguliert werden. In Großbritannien wird über eine Vielfliegerabgabe diskutiert, um Anreize für eine reduzierte Nachfrage zu setzen.

Die Lufthansa wurde zuletzt mit neun Milliarden gerettet, die Flugindustrie indirekt mit 13 Milliarden Euro pro Jahr durch fehlende Kerosin- und Mehrwertsteuern subventioniert. Wo sähen Sie das Geld besser investiert?

Unbedingt in die Förderung alternativer Mobilität und entsprechender Transportmittel. Statt dessen aber wird Anfang November über neue staatliche Subventionen verhandelt.

Lena Tucnak ist Sprecherin der Initiative »Am Boden bleiben«

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