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Aus: Ausgabe vom 29.10.2020, Seite 16 / Sport
Boxen

»Niemals aufgeben«

Der Deutsche Boxverband setzt die Saisonvorbereitung aus. Kritiker sehen aktuelles Ligaformat am Ende
Von Oliver Rast
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Ist die Boxbundesliga am Ende?

Es war abzusehen. »Wir mussten die Reißleine ziehen, den Bundesligastart absagen, vorerst jedenfalls«, sagt Detlef Jentsch, Ligaobmann beim Deutschen Boxsportverband (DBV), gegenüber jW. Meldeschluss für die Bundesligateams war der 1. Oktober, der Saisonstart für den 9. Januar 2021 terminiert. Daraus wird nun nichts. Eine klare Aussage in einer unklaren Situation mitten in der Coronakrise. Nur: Was bedeutet das für den Verband und die Vereine, für das olympische Boxen im Ligaformat insgesamt?

Zunächst: Der Boxsport ist keine Ausnahme. Niemand in der Sportwelt kann prognostizieren, wie sich die Infektionsrate entwickeln wird. Ohne Zuschauer, ohne Einnahmen, ohne Atmosphäre funktioniere Boxen aber nicht, so Jentsch. Ein Hintertürchen indes steht noch offen: Sollte Anfang kommenden Jahres Leistungssport uneingeschränkt möglich sein, »werden wir die Vorbereitungen sofort wieder aufnehmen«, versichert Jentsch. Spätestens Ende Februar müsse aber eine finale Entscheidung fallen. Denkbar sei, so Jentsch, dann eine Art Ligapokal im K.-o.-System auszutragen. Die Skepsis bleibt, denn: Es dürfte Terminprobleme geben. »Der internationale Wettkampfkalender ist voll«, weiß Jentsch. Zahlreiche Turniere wurden verschoben, sollen im Idealfall 2021 nachgeholt oder neu angesetzt werden. Richtig, im Idealfall.

Seit Jahren scheint das Projekt Boxbundesliga auf der Kippe zu stehen. »Der Aufwand ist schon enorm, Saison für Saison«, räumt Jentsch ein. Vieles muss zwischen dem Ligaausschuss und den Klubs immer wieder neu ausgehandelt werden. Rückblende: Auf der Ligatagung am 22. Juni in Berlin hatten die Teilnehmer, trotz Kompromissformeln, einstimmig für Jentschs Vorschläge votiert: Verzicht auf sogenannte Einflieger, also Boxlegionäre aus dem Ausland, und auf Bundeskader, die sich für die (verschobenen) Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio qualifizieren wollten. Statt dessen muss jede Mannschaft mindestens vier Faustkämpfer aus dem eigenen Landesverband im Team haben, vorzugsweise aus dem ortsnahen Nachwuchs.

Trotzdem lief die vergangene Saison schwer an: Zuerst signalisierten zehn, später zwölf Klubs Interesse an einer einheitlichen Boxbundesliga mit Nord- und Südstaffel. Je näher der Meldetermin Ende August rückte, desto zurückhaltender wurden die Vereinsvorstände. Als die ersten Absagen aus Bremerhaven, Berlin, Hamburg, aber auch weiterer Aspiranten wie BC Lübeck und VfL Pfullingen beim DBV eintrafen, schien ein Ligabetrieb fraglich. Letztlich schmolz die Teilnehmerzahl auf glorreiche sieben: BC Traktor Schwerin, BSK Hannover-Seelze, Boxteam Hessen, MBR Hamm, BC Chemnitz, BC Straubing und der deutsche Rekordmeister Velberter BC. Der Titel der diesjährigen Abbruchsaison wurde nicht im Seilquadrat entschieden, sondern am grünen Tisch. Coronabedingt endeten die Wettkämpfe kurz vor Beginn der Halbfinals im März. Dem zum Zeitpunkt des Abbruchs erstplatzierten BC Traktor Schwerin wurde seitens des Ligaausschusses Anfang Juli der Meistertitel zugesprochen, der auf Platz zwei rangierende MBR Hamm wurde Vizemeister.

Mal ehrlich: Ist die Boxbundesliga nicht am Ende? Davon will Jentsch nichts wissen: »Das seh’ ich überhaupt nicht so.« Die Kombination aus Einzel- und Mannschaftssport im Bundesligabetrieb sei für die Athleten attraktiv. »Das ist ein gutes Format.« Unterstützung erhält er von Vereinen. »Nein, auf keinen Fall ist die Liga Geschichte«, sagte Ralf Gerards, Trainer beim MBR Hamm, im jW-Gespräch. Man müsse jetzt sprichwörtlich überwintern. Ähnlich sieht das Arthur Mattheis vom BSK Hannover-Seelze: »Mir blutet das Herz, aber wir werden die schwierige Phase durchstehen, niemals aufgeben«, sagte der Vereinsvorsitzende gegenüber dieser Zeitung. Und Olaf Leib, Manager beim BC Chemnitz, macht als »Ligadino« Mut: »Wir sind seit 1991 kontinuierlich dabei, haben alle Höhen und Tiefen erlebt.« Wenn das ein kleiner, einfacher Verein aus Westsachsen könne, warum nicht auch andere, fragt Leib.

Same procedure as every year – unter diesem Leitspruch standen die aktuellen saisonalen Vorbereitungen. Anfangs bekundeten alle sieben Vereine aus der Vorsaison Interesse, wieder als Bundesligist ins Seilquadrat zu steigen. Denkste. »Das Team Hessen und der BC Straubing hatten nicht für die Liga gemeldet«, sagt Jentsch. Dafür wollte die Boxabteilung von München 1860 in den Wettbewerb einsteigen. Auch daraus wird nun erst einmal nichts. Die Liga, das unkalkulierbare Wesen.

Fakt ist: Die Boxbundesliga ist für die Vereine nicht überlebensnotwendig. Sie veranstalten lokale oder regionale Turniere, vor allem im Jugendbereich. Ein professioneller Ligabetrieb verlangt Sportlern und Trainern viel ab. Ehrenamtliche Klubverantwortliche wirken damit zuweilen überfordert. Und: Wo soll das Budget herkommen, besonders in einer Zeit wie dieser? Von der Austragungsstätte am Kampfabend bis zur Putzkolonne nach den Fights, alles muss organisiert werden, kostet Geld.

Für Kritiker ist die Boxbundesliga seit langem ein »Flickenteppich«, wie Raiko Morales, Generalmanager der Hamburg Giants, auf jW-Nachfrage sagt. Morales übt »Systemkritik«, wie er es nennt, er fordert nicht weniger, als dass sich die Liga vom Verband löst, unabhängig macht. »Es muss etwas komplett Neues gedacht werden«, meint er. Erst dann könne die Boxbundesliga ein Aushängeschild werden, eine Zugnummer für Athleten, Vereine und Sponsoren.

Allen ist klar, selbst den Kritikern: Die Liga hat Potential. Trainer Gerards aus Hamm ist ein Aspekt besonders wichtig: »Mit der Boxbundesliga verhindern wir, dass Talente zu den Profis abhauen, sich dort in drittklassigen Ringschlachten verschleißen.« Die Liga, das Team, die Kämpfer mit Mannschaftsgeist stehen für die Qualität des olympischen Boxens, so Gerard. Und nicht zuletzt haben Bundesligaderbys wie das zwischen den Kontrahenten aus Hamm und Velbert ihren Extrareiz.

Genau auf solche Kampfabende setzt auch Ligaobmann Jentsch. Und bleibt optimistisch: »Wenn wir gesellschaftlich zur Normalität zurückkehren, wird die Boxbundesliga wieder aufleben.« So, wie er es sagt, glaubt er fest daran.

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