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Aus: Ausgabe vom 29.10.2020, Seite 12 / Thema
Sozialismus

Reflexion und Tat

Einen fertigen Bauplan zur Errichtung einer neuen Gesellschaft besaß er nicht. Aber die Bedingungen der Revolution lotete er immer wieder neu aus: Lenin und die Theorie des Sozialismus
Von Alfred Kosing
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Immer auf der Suche nach dem Weg zur Revolution: Wladimir Iljitsch Lenin, geboren 1870, gestorben 1924

Am 21. Oktober starb im Alter von 91 Jahren der marxistische Philosoph Alfred Kosing, der bis zum Anschluss der DDR an der Universität Leipzig und der Berliner Akademie für Gesellschaftswissenschaften lehrte. Sein Schwerpunkt war die marxistisch-leninistische Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. Der nachfolgende, redaktionell gekürzte Aufsatz, der letzte aus Kosings Feder, erscheint im Dezemberheft von Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung. Wir danken den Herausgebern für die Gelegenheit zum Abdruck. Der zweite Teil dieses Textes ist für das im März erscheinende Heft von Z angekündigt. (jW)

Es ist unbestritten, dass Lenin die von Marx und Engels begründete Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus in bedeutender Weise weiterentwickelt, vertieft und konkretisiert hat. Doch wie sein Beitrag hierzu bewertet werden kann, ist umstritten und daher Gegenstand von Kontroversen. Eine der am weitesten verbreiteten Auffassungen ist zweifellos die in der stalinistischen »Geschichte der KPdSU (B) – Kurzer Lehrgang« vertretene Version, dass Lenin (und danach Stalin) auf dem Fundament der Auffassungen von Marx und Engels eine umfassende Sozialismustheorie ausgearbeitet habe, die dann beim Aufbau der sozialistischen Gesellschaft in der Sowjetunion durch Stalin praktisch verwirklicht worden sei. Als obligatorisches Modell des Sozialismus sollte die Sowjetgesellschaft mit ihren politischen Strukturen, Planungs- und Leitungsmethoden als international gültiges Muster und Vorbild für den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft auch in anderen Ländern dienen. Wesentliche Abweichungen von diesem Modell wurden dagegen als revisionistisch und nationalistisch verurteilt. Mit dieser Legende war die Auffassung verbunden, Lenins Vorstellungen vom Sozialismus seien die theoretische Grundlage des stalinistisch entstellten und in vieler Hinsicht deformierten Gesellschaftssystems gewesen, das in der Sowjetunion in einer relativ kurzen historischen Zeitspanne mit überwiegend gewaltsamen Methoden errichtet und schon 1936 von Stalin als weitgehend fertige sozialistische Gesellschaft ausgegeben wurde. Diese sollte angeblich bereits den Reifegrad erlangt haben, um in der Folgezeit allmählich zur höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft übergehen zu können.

Die seitdem weitverbreitete Behauptung, dass Lenins Auffassungen über den Sozialismus aus diesem Grund irrelevant und obsolet geworden seien, ist allerdings ein großer Irrtum, weil sie von falschen Voraussetzungen ausgeht: Erstens hat Lenin keine umfassende Sozialismustheorie geschaffen, die wie ein Bauplan als Anleitung zum Aufbau der neuen Gesellschaft dienen könnte. Zweitens hat Stalin sich in seiner Politik nicht von Lenins Auffassungen über den Sozialismus leiten lassen. Er berief sich zwar ständig auf diesen, um seine Entscheidungen zu begründen, aber in Wirklichkeit bedeutete seine Politik überwiegend eine Missachtung und Entstellung der Auffassungen Lenins. Daher ist es völlig unbegründet, in Lenin den direkten theoretischen und praktischen Vorläufer und Wegbereiter des Stalinismus zu sehen.

Sozialismus in Russland?

Die erste Frage, die Lenin im Zusammenhang mit der Sozialismustheorie intensiv beschäftigte, war die nach den notwendigen Voraussetzungen des Sozialismus speziell in Russland. Bereits in der Revolution von 1905 tauchte die Frage auf, ob es möglich sein könne, diese über die Grenzen der bürgerlich-demokratischen Republik hinauszutreiben und sozialistische Forderungen durchzusetzen, wenn die revolutionäre Kraft des Proletariats dazu ausreiche. Im Streit um die Rolle des Proletariats in dieser bürgerlichen Revolution warfen die Menschewiki Lenin einerseits vor, dass der aktive Kampf des Proletariats um die bürgerlich-demokratische Republik Verrat am Sozialismus sei, weil damit der Kapitalismus »sanktioniert« werde; andererseits wurde aber kritisiert, dass Lenin mit der Forderung nach der konsequenten Vollendung der bürgerlichen Revolution voreilig den Sozialismus erreichen wolle, obwohl dafür noch keine objektiven Voraussetzungen existierten. Er antwortete ihnen: »Die Erreichung dieses Ziels, die Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln und die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft, erfordert eine sehr hohe Entwicklung der Produktivkräfte des Kapitalismus und eine sehr große Organisiertheit der Arbeiterklasse. Ohne politische Freiheit ist weder eine volle Entwicklung der Produktivkräfte in der modernen bürgerlichen Gesellschaft noch ein umfassender, offener und freier Klassenkampf noch eine politische Aufklärung, Erziehung und Zusammenschweißung der Massen des Proletariats denkbar. Deshalb stellt sich das klassenbewusste Proletariat stets die Aufgabe, einen entschiedenen Kampf für die volle politische Freiheit, für die demokratische Republik zu führen.«¹

In diesen Worten wird sichtbar, dass Lenin überhaupt einen engen Zusammenhang zwischen Demokratie und Sozialismus sah. Seine Position hielt Lenin auch im Verlauf der weiteren Entwicklung der russischen Gesellschaft aufrecht, die nach der Niederlage der ersten Revolution und der Einführung der konstitutionellen Monarchie die kapitalistische Entwicklung enorm beschleunigte. Während des Ersten Weltkriegs schrieb er (September 1914): »In Russland haben angesichts der großen Rückständigkeit dieses Landes, das seine bürgerliche Revolution noch nicht vollendet hat, die Aufgaben der Sozialdemokratie nach wie vor die drei Grundbedingungen einer konsequenten demokratischen Umwälzung zu sein: demokratische Republik (bei voller Gleichberechtigung und Selbstbestimmung aller Nationen), Konfiskation der Gutsbesitzerländereien und Achtstundentag.«²

Obwohl die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise in den Jahren bis zum Weltkrieg vor allem in der Industrie sehr große Fortschritt gemacht hatte und das Zarenreich in den Kreis der imperialistischen Mächte aufgestiegen und im Bündnis mit Großbritannien und Frankreich in einen imperialistischen Eroberungskrieg eingetreten war, sah Lenin die Voraussetzungen für die sozialistische Revolution und den Übergang zum Sozialismus immer noch nicht gegeben. Recht kategorisch erklärte er im Juli 1915: »Russland ist das rückständigste Land, in dem die sozialistische Revolution unmittelbar nicht möglich ist.«³ Doch in dieser Aussage ist das Wort »unmittelbar« sehr wichtig; es weist darauf hin, dass für den Übergang eines so rückständigen Landes wie Russland zum Sozialismus ein »vermittelnder« Schritt notwendig sein werde, und dieser ist die demokratische Republik mit allen demokratischen Freiheiten.

Das Verhältnis von Demokratie und Sozialismus spielte in Lenins Überlegungen eine wichtige Rolle, was in der marxistischen Literatur kaum beachtet wird, offenbar auch als Folge der stalinistischen Entstellung des Marxismus. Für ihn war das eine so wichtige Frage, dass er die Erkämpfung und Verwirklichung der Demokratie geradezu für eine unerlässliche Bedingung des Sozialismus hielt: »Das Proletariat kann nicht anders siegen als durch die Demokratie, d. h. indem es die Demokratie vollständig verwirklicht, indem es mit jedem Schritt seiner Bewegung die demokratischen Forderungen in ihrer entschiedensten Formulierung verbindet. Es ist Unsinn, die sozialistische Revolution und den revolutionären Kampf gegen den Kapitalismus, einer der Fragen der Demokratie (…) entgegenzustellen.«⁴ Schon aus diesen Ausführungen vom Oktober 1915 geht hervor, dass Lenin den Sozialismus als die Vollendung der Demokratie betrachtete, und daraus hätten sich später, nach dem Sieg der sozialistischen Revolution, weitreichende Konsequenzen für die Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft in allen Lebensbereichen ergeben müssen, wenn diese gemäß den theoretischen Vorstellungen Lenins erfolgt wäre.

Doch nach wie vor ging Lenin in der Zeit des Ersten Weltkrieges davon aus, dass erst einige Länder Europas und die USA die für den Übergang zum Sozialismus erforderliche Entwicklungshöhe erreicht hatten: »Der Sozialismus wird durch die vereinten Aktionen der Proletarier nicht aller Länder, sondern einer Minderheit von Ländern verwirklicht werden, der Länder nämlich, die die Entwicklungsstufe des fortgeschrittenen Kapitalismus erreicht haben.«⁵ Russland rechnete er noch 1916 nicht dazu.

Die Revolution weitertreiben

In dem Maße wie Lenin den baldigen Ausbruch sozialistischer Revolutionen im Gefolge des Ersten Weltkrieges in den hochentwickelten Ländern erwartete, versuchte er die theoretischen Vorstellungen über den Weg zum Sozialismus zu vertiefen und zu konkretisieren. Diese waren bis dahin immer noch recht allgemein geblieben. Der Ausbruch der russischen Februarrevolution 1917, in der es gelang, in kürzester Zeit die zaristische Selbstherrschaft zu stürzen und die demokratische Republik mit einer bürgerlichen Regierung zu errichten, warf die Frage des Übergangs zum Sozialismus in Russland nun auf eine neue Weise auf. Diese Revolution konnte so schnell siegen, weil sehr unterschiedliche soziale Kräfte damals an der Beseitigung des Zarismus und dem Sturz des Zaren Nikolaus II. interessiert waren. Aber die entscheidenden revolutionären Kräfte bildeten das inzwischen stark gewachsene Proletariat und die Bauernschaft, deren Forderungen nach Land die erste Revolution nicht erfüllt hatte.

Aus dieser Konstellation ergab sich, dass die Februarrevolution bereits gewisse Züge hervorbrachte, die über bürgerliche Verhältnisse hinauswiesen. Dies zeigte sich vor allem in der Entstehung der Sowjets der Arbeiter, der Soldaten und der Bauern, die sofort spontan gewählt wurden und sich bewusst gegenüber der Provisorischen Regierung als starkes politisches Machtzentrum etablierten, so dass die eigenartige Konstellation einer Doppelherrschaft entstand. Daraus folgerte Lenin, dass diese Revolution die Tendenz in sich trug, den revolutionären Prozess weiterzutreiben, zumal die bürgerliche Provisorische Regierung nicht in der Lage war, die dringendsten Forderungen der Volksmassen zu erfüllen, weil sie den imperialistischen Krieg an der Seite Großbritanniens und Frankreichs weiterführte.

In seinen »Aprilthesen« entwickelte Lenin 1917 den strategischen Plan, wie es den revolutionären Kräften mit der Arbeiterklasse als der entscheidenden Kraft gelingen könne, die im wesentlichen vollendete bürgerlich-demokratische Revolution in eine sozialistische Revolution hinüberzuleiten und die volle Macht den Sowjets zu übergeben. Der Ausgangspunkt seiner Überlegungen war: »Die Eigenart der gegenwärtigen Lage in Russland besteht im Übergang von der ersten Etappe der Revolution, die infolge des ungenügend entwickelten Klassenbewusstseins und der ungenügenden Organisiertheit des Proletariats der Bourgeoisie die Macht gab, zur zweiten Etappe der Revolution, die die Macht in die Hände des Proletariats und der ärmsten Schichten der Bauernschaft legen muss.«⁶

Den Tatbestand des noch ungenügend entwickelten Klassenbewusstseins und der ungenügenden Organisiertheit des Proletariats sah er vor allem darin, dass die Sowjets unter dem Einfluss und der Führung der Menschewiki ihre Macht an die bürgerliche Provisorische Regierung abgetreten hatten und sich darauf beschränkten, die Regierung zu unterstützen und zu kontrollieren. Daher stellte er nicht sofort die Aktionslosung »Alle Macht den Sowjets« auf, denn deren Verwirklichung hätte keine Veränderung der klassenmäßigen Machtverhältnisse bedeutet, solange die Sowjets unter der Führung der Menschewiki standen. Auch von einer sofortigen Einführung des Sozialismus war keine Rede in Lenins Thesen. Er erklärte ausdrücklich: »Nicht ›Einführung‹ des Sozialismus als unsere unmittelbare Aufgabe, sondern augenblicklich nur Übergang zur Kontrolle über die gesellschaftliche Produktion und die Verteilung der Erzeugnisse durch den Sowjet der Arbeiterdeputierten.«⁷

Lenin sah es als die revolutionäre Hauptaufgabe der Bolschewiki an, die Massen über den wahren Charakter der bürgerlichen Regierung und ihrer Politik aufzuklären, ihnen klarzumachen, dass sie das Volk mit revolutionären Phrasen betrügt, zwar von demokratischem Frieden ohne Annexionen redet, in Wirklichkeit aber im Bündnis mit Frankreich und Großbritannien den imperialistischen Eroberungskrieg weiterführt. Diese Regierung konnte weder die riesigen Opfer und Leiden des Volkes beenden, die der Krieg forderte, noch den Zerfall der gesellschaftlichen Ordnung und Strukturen verhindern. Daher kam es ganz besonders darauf an, den Sowjets gegenüber eine beharrliche und überzeugende politische Aufklärungstätigkeit zu entfalten, um ihnen deutlich zu machen, welchen Fehler sie begingen, wenn sie die betrügerische Regierung weiter unterstützten und sich sogar direkt an ihr beteiligten.

Es kam darauf an, die Mehrheit der revolutionär gestimmten Massen für die politische Linie der Bolschewiki zu gewinnen und in den nächsten Wahlen zu den Sowjets ebenfalls die Mehrheit und deren Führung zu erobern. Erst nachdem dieses Ziel erreicht war, konnte die Losung »Alle Macht den Sowjets« verwirklicht, die bürgerliche Regierung gestützt und eine revolutionäre Staatsmacht geschaffen werden, die von der Arbeiterklasse und der ärmeren Bauernschaft getragen wurde und deren demokratische Forderungen erfüllen konnte. Von entscheidender Bedeutung war dabei die Eroberung des Petrograder Sowjets, weil dieser eine einflussreiche Rolle im ganzen Land spielte.

Im Verlauf der Monate April bis Oktober 1917 gelang es den Bolschewiki unter Lenins Führung, durch ihre intensive Propaganda- und Aufklärungsarbeit unter den Arbeitern und Soldaten diesen Umschwung der politischen Stimmung zu erreichen. Sie übernahmen damit auch die Führung des Petrograder Sowjets, der nun im weiteren Fortgang der Revolution eine entscheidende Rolle spielte. Unter der Leitung Leo Trotzkis bildete er ein Revolutionäres Militärkomitee, welches den bewaffneten Aufstand zum Sturz der Provisorischen Regierung vorbereitete und leitete. Zugleich wurde durch den Petrograder Sowjet der Allrussische Sowjetkongress organisiert und einberufen, auf dem Lenin die Sowjetmacht proklamieren konnte. Damit war die russische bürgerliche Revolution von ihrer ersten Etappe in die zweite Etappe übergegangen und hatte den Weg zur Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft bereitet.

Lenin, der noch zu Beginn des Jahres 1917 die Auffassung vertreten hatte, dass es nicht möglich sei, in dem rückständigen Russland den Sozialismus zu errichten, hatte seine Meinung nun offensichtlich grundlegend verändert. Welche Gründe und Überlegungen veranlassten ihn dazu?

Schon reif?

Lenin war 1915 zunächst zu der Auffassung gelangt, dass die Voraussetzungen für einen Übergang zum Sozialismus in hohem Grade von der Ungleichmäßigkeit in der Entwicklung des Kapitalismus abhingen. Wahrscheinlich waren es vor allem zwei wesentliche Punkte, die sein Denken immer stärker in die Richtung lenkten, dass eine sozialistische Revolution und Entwicklung unter gewissen Voraussetzungen auch schon in Russland möglich sein könnte, nämlich seine Erkenntnisse über das Wesen des Imperialismus und die Beurteilung der Folgen des Ersten Weltkrieges, die zu einer großen revolutionären Krise des ganzen kapitalistischen Systems führten.

Lenin hatte in der Zeit des Weltkrieges gründliche Studien über die Entwicklung des Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Monopolkapitalismus betrieben und in seinem Werk »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus« eine Analyse der ökonomischen, sozialen und politischen Entwicklungsprozesse und Tendenzen des kapitalistischen Gesellschaftssystems vorgenommen. Dabei war er zu der Schlussforderung gelangt, dass der Imperialismus in ökonomischer Hinsicht bereits eine Entwicklungshöhe der Produktivkräfte, der Vergesellschaftung der menschlichen Arbeit und der Arbeitsproduktivität erreicht habe, welche den Übergang in die höhere Gesellschaft des Sozialismus objektiv ermögliche, weil die in allen früheren Klassengesellschaften unvermeidliche Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und die Konzentration des Mehrprodukts in den Händen einer herrschenden Klasse für die Fortentwicklung der menschlichen Gesellschaft nun nicht mehr notwendig sei. Daher bilde der Imperialismus in ökonomischer Hinsicht bereit die unmittelbare Vorstufe des Sozialismus. Die Entstehung und die beherrschende Rolle der Monopole in der Wirtschaft bedeuteten schon den Beginn des Sterbens des Kapitalismus.

Offenbar wurde diese Sicht durch den Tatbestand verstärkt, dass der imperialistische Weltkrieg nicht nur in den entwickelten kapitalistischen Ländern eine tiefe Krise auslöste, sondern dass auch in den Kolonialreichen nationale Befreiungsrevolutionen der unterjochten Völker und Nationen entstanden, die sich mit den sozialistischen und auch demokratischen Revolutionen Europas zu einer mächtigen Bewegung vereinigen könnten, so dass daraus ein weltumspannender revolutionärer Prozess entstehe, der am Ende schließlich zur Überwindung des gesamten kapitalistischen Gesellschaftssystem führen werde.

Aus dieser Sichtweise resultierte, dass Lenin die russische Revolution nicht als relativ isolierten Vorgang ansah, sondern als ein Glied in der Kette der revolutionären Kämpfe im Weltmaßstab. In diesem Sinne schrieb er 1916: »Die soziale Revolution kann nicht anders vor sich gehen als in Gestalt einer Epoche, in der der Bürgerkrieg des Proletariats gegen die Bourgeoisie in den fortgeschrittenen Ländern mit einer ganzen Reihe demokratischer und revolutionärer Bewegungen verbunden ist, darunter auch mit nationalen Befreiungsbewegungen der unentwickelten, rückständigen und unterdrückten Nationen. Und warum? Weil sich der Kapitalismus ungleichmäßig entwickelt und die objektive Wirklichkeit uns neben hochentwickelten kapitalistischen Nationen eine ganze Reihe von Nationen zeigt, die ökonomisch sehr schwach oder gar nicht entwickelt sind.«⁸

Die Erkenntnis von der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaftsformation bezog Lenin jedoch für das zaristische Russland anscheinend auch auf dessen innere Entwicklung, denn die raschen Fortschritte der Schwer- und Großindustrie mit Hilfe ausländischen Kapitals hatten Russland bereits zu einer imperialistischen Macht werden lassen, während gleichzeitig in der Landwirtschaft noch immer Millionen von rückständigen Bauernwirtschaften existierten und das kulturelle und zivilisatorische Niveau des Landes dem industriellen Entwicklungsstand bei weitem nicht entsprach. So gab es einen tiefen Widerspruch zwischen dem Entwicklungsstand wesentlicher Bereiche der kapitalistischen Industrie mit einem stark konzentrierten und kampfbereiten Proletariat einerseits und den anderen Sektoren und Sphären der Gesellschaft andererseits. Gewisse Voraussetzungen einer sozialistischen Revolution waren in Russland bereits vorhanden, aber andere fehlten noch.

Da Lenin die russische Revolution nicht als isoliertes Ereignis betrachtete, sondern im Zusammenhang mit der Gesamtsituation, die sowohl durch den Grad der Internationalisierung des gesellschaftlichen Lebens als auch durch den imperialistischen Krieg entstanden war, glaubte er, diese Revolution werde als Zündfunke wirken, der weitere Revolutionen in den imperialistischen Ländern auslöse könne. Eine solche Konstellation, in der sich die russische Revolution mit sozialistischen Revolutionen fortgeschrittener Länder verbinde und von ihnen Hilfe und Unterstützung erhalte, verändere die Erfolgsaussichten einer sozialistischen Revolution in dem rückständigen Russland grundlegend. Von dieser Annahme ging Lenin nun aus, als er in den Aprilthesen die politische Linie des Übergangs von der ersten Etappe zur zweiten Etappe der Revolution entwickelte, welche den Weg zum Sozialismus in Russland öffnen sollte.

Erhoffte Nachahmer

Die Annahme, dass die sozialistische Revolution in Russland den Beginn einer Serie weiterer sozialistischer Revolutionen in kapitalistischen Ländern Europa bilden werde, war eine wesentliche Voraussetzung der politischen Linie der Kommunistischen Partei Russlands nach der Errichtung der Sowjetmacht. Es sei durchaus möglich, in Russland trotz der großen Rückständigkeit mit dem Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft zu beginnen und dabei möglichst große Fortschritte zu erzielen, damit eine solide Basis für weitere Revolutionen und eine internationale sozialistische Entwicklung geschaffen werde. Allerdings werde Russland alleine ohne die materielle Hilfe ökonomisch und technisch weiter fortgeschrittener Länder den Sozialismus nicht vollenden können. Diese Auffassung war in der Führung der Partei unumstritten, und sie war daher auch in allen programmatischen Dokumenten jener Zeit enthalten. Alle Ausführungen Lenins über die Errichtung des Sozialismus in Russland gingen eindeutig von dieser Voraussetzung aus. In ihrer Gesamtheit vermitteln die einschlägigen Arbeiten und Reden Lenins aus jener Zeit eine gewisse Vorstellung davon, wie der Weg zum Sozialismus beschritten werden sollte und welche Aufgaben dabei zu lösen seien: »Unser Sozialismus befindet sich noch im Stadium des Experimentierens. Seine allgemeinen Prinzipien stehen fest, aber die Art, wie sie richtig angewendet werden sollen, die Kombinationen, (…) die Art und Weise, wie der sozialistische Staat aufgebaut werden soll, das sind lauter Fragen, die zur Diskussion stehen und über die das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Ein gründliches Studium aller dieser Fragen wird uns der Wahrheit näher bringen.«⁹

Anmerkungen

1 W. I. Lenin: Die Aufgaben des Proletariats in der demokratischen Revolution. In: Werke Bd. 8, S. 513

2 W. I. Lenin: Der Krieg und die russische Sozialdemokratie. In: Werke Bd. 21, S. 19

3 W. I. Lenin: Über die Niederlage der eigenen Regierung im imperialistischen Krieg. In: Werke Bd. 21, S. 275

4 W. I. Lenin: Das revolutionäre Proletariat und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen. In: Werke Bd. 21, S. 415

5 W. I. Lenin: Über eine Karikatur auf den Marxismus. In: Werke Bd. 23, S. 52

6 W. I. Lenin: Die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution. In: Werke Bd. 24, S. 4

7 Ebd., S. 6

8 W. I. Lenin: Über eine Karikatur des Marxismus. In: Werke Bd. 23, S. 53

9 W. I. Lenin: Über die Aufgaben der III. Internationale. In: Werke Bd. 29, S. 486

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Debatte

  • Beitrag von Franz S. aus R. (29. Oktober 2020 um 09:31 Uhr)
    »Zweitens hat Stalin sich in seiner Politik nicht von Lenins Auffassungen über den Sozialismus leiten lassen.« Einen Beleg für diese Behauptung liefert der »marxistische Philosoph« Kosing nicht. Weil sich die jW immer wieder an der Anti-Stalin-Hetze beteiligt, zwei Zitate:

    Kurt Gossweiler:

    »Es gibt keinen stärkeren Beweis für die positive Rolle Stalins als die Tatsache, dass die Zerstörung seiner Autorität in der Sowjetunion und in der kommunistischen Bewegung die Voraussetzung für die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion war. Ohne ›Entstalinisierung‹ keine Restauration des Kapitalismus!«

    Winston Churchill:

    »Er war eine herausragende Persönlichkeit, die in unserer rauhen Zeit, in der Periode, in der sein Leben verlief, imponierte. Stalin war ein außergewöhnlich energischer, belesener und äußerst willensstarker Mann, heftig, schroff, schonungslos in der Sache wie im Gespräch, dem selbst ich, der ich im englischen Parlament groß geworden bin, nichts entgegenzusetzen vermochte.

    In seinen Werken spürt man eine hünenhafte Kraft. Stalins Kraft war so groß, dass er unter den Führern aller Völker und Zeiten nicht seinesgleichen kennt ... Die Menschen konnten seinem Einfluss nicht widerstehen. Als er den Raum der Konferenz von Jalta betrat, erhoben wir uns alle, buchstäblich wie auf ein Kommando. Und, so seltsam es ist, wir legten die Hände in die Hosennaht. Stalin besaß einen tiefschürfenden, gründlichen und logischen Verstand. Er war ein unübertroffener Meister darin, in schweren Momenten einen Ausweg zu finden ... Er war ein Mann, der seinen Feind mit den Händen seiner Feinde vernichtete, der uns, die er offen Imperialisten nannte, zwang, gegen Imperialisten zu kämpfen. Er übernahm das Russland des Hakenpflugs und hinterließ es im Besitz der Atomwaffe.«
  • Beitrag von Reinhard L. aus . (29. Oktober 2020 um 21:07 Uhr)
    Lenin war vor allem ein Meister darin, historische Gelegenheiten zu erkennen. Sein Motto war das von Napoleon: Erst nimmt man den Kampf auf, danach schaut man weiter. Wie er von der Notwendigkeit der sozialistischen Revolution, die er 1917 propagierte, zurückfand zu der Forderung nach Förderung kapitalistischer Elemente, solange nur die Partei die politische Kontrolle behalte, das fügt sich in keinerlei theoretische Logik. Es ist revolutionärer Pragmatismus, die Notwendigkeit, das revolutionäre Projekt zu retten, nachdem sich herausgestellt hatte, dass seine theoretischen und sozialen Voraussetzungen eben nicht vorlagen, anders als er es 1917 behauptet hatte. Dass er mit seiner Entscheidung für die NÖP faktisch den Menschewiki recht gab, die er jahrelang für dieselbe Auffassung kritisiert hatte: dass zuerst der Kapitalismus die Produktivkräfte entwickeln müsse, bevor vom Sozialismus sui generis geredet werden könne, hat er natürlich nie zugegeben. Insofern war das Vorgehen Stalins ab 1928, das von Lenin geerbte Dilemma nach der Seite der politischen Herrschaft der Bolschewiki hin aufzulösen, tatsächlich eine logische und politische Folge von Lenins Machtpragmatismus. Die Alternative wäre die Selbstaufgabe der Bolschewiki gewesen.

    Die Russische Revolution von 1917 siegte aufgrund einer Reihe von Sonderfaktoren. Der wichtigste davon ist die ungelöste Agrarfrage, die die bäuerliche Mehrheit der Bevölkerung Russlands ausnahmsweise revolutionär machte. Nicht zufällig hatte der zaristische Ministerpräsident Piotr Stolypin alle Anstrengungen darauf gerichtet, eine Klasse bäuerlicher Privatbesitzer als Stütze des Status quo ins Leben zu rufen. Das Vorgehen Lenins ist aber genau wegen dieser Sonderbedingungen in Russland nicht geeignet, Revolutionären in anderen Ländern den Weg zu weisen. Das nimmt an seiner Größe im historischen Kontext von 1917 nichts weg. Er hat es versucht, es hat nicht funktioniert. Wir haben die Aufgabe, aus den Erfolgen und Fehlschlägen der UdSSR die richtigen Schlüsse zu ziehen.

    Die unzweifelbar erfolgreiche KP Chinas hat sich dafür entschieden, das Konzept der NÖP konsequent weiterzuführen. Ob sie die Kurve noch kriegt und tatsächlich von einer »Gesellschaft bescheidenen Wohlstands« zu einem neuen Typ des Sozialismus kommt oder ob sie sich mit ihrer Rolle als Kontrolleur des staatlich angeeigneten, aber kapitalistisch produzierten Reichtums zufriedengibt, werden die Jüngeren von uns vielleicht noch erleben.
  • Beitrag von Wolfgang S. aus D. (30. Oktober 2020 um 14:17 Uhr)
    Liebe junge Welt, zum Artikel erst mal nur soviel: Das letzte Zitat, was Lenin zugeschrieben wurde, ist von Ramsay MacDonalds. Lenin nimmt einen Artikel von ihm auseinander. Ich will nicht weiter diskutieren, wenn aber falsch zitiert wird, irritiert das die Leser, von denen es dann auch welche glauben. Das schadet der kommunistischen Bewegung. Ich weiß, ihr könnt’s nicht ändern, und der »Philosoph« ist tot. Nun bin ich gespannt auf den zweiten Teil.

    Bleibt schön gesund.

    Mit freundlichen Grüßen

    Wolfgang Schumann

    PS: Ich wäre an einer Rückantwort interessiert.

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