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Aus: Ausgabe vom 28.10.2020, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Ökologische Zivilisation

Von Marc Püschel
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Konsequenter Umstieg auf erneuerbare Energien. Photovoltaikanlage im Kreis Changxing in der Provinz Zhejian

Manche Wortzusammensetzungen erscheinen so gewöhnlich, dass man nicht auf die Idee kommt, sie könnten als feststehender Begriff eine eigene Bedeutung gewinnen. Dazu zählt auch der Ausdruck der »ökologischen Zivilisation«. Erstmalig war er von sowjetischen Wissenschaftlern in den 1980 Jahren im Rahmen von Diskussionen um die Zukunft des Sozialismus eingebracht worden. Erfolg war dem Begriff – zuerst von dem Agrarökologen Ye Qianji übernommen – aber erst in China beschieden, wo er 2012 sogar in das Parteiprogramm aufgenommen wurde: »Die Kommunistische Partei Chinas soll das Volk beim Aufbau einer sozialistischen ökologischen Zivilisation anführen. Sie wird die der ökologischen Zivilisation zugrundeliegende Philosophie stärken, dass die Natur respektiert, angepasst und geschützt werden sollte; sie wird voll und ganz verstehen, dass klare Gewässer und üppige Berge unschätzbare Güter sind.«

Der Begriff impliziert ein Gegenkonzept zum westlich-liberalen Verständnis von Umweltschutz. Während letzteres den Individuen die Hauptverantwortung aufbürdet und staatliche Maßnahmen – behindert durch Kapitalinteressen – meist Stückwerk bleiben, ist die ökologische Zivilisation ein gesamtgesellschaftliches Konzept. Zentral ist die Vereinbarkeit von Umweltschutz und wirtschaftlicher Entwicklung: »Indem wir die Umwelt beschützen, beschützen wir die Produktivkräfte, und indem wir die Umwelt verbessern, steigern wir die Produktivkräfte«, wie der chinesische Staatspräsident Xi Jinping 2019 in einem Grundlagenessay im Theorieorgan Qiushi schrieb. Er verweist darauf, dass »Marx und Engels glaubten, dass ›der Mensch von der Natur lebt‹ und dass der Mensch durch seine Interaktionen mit der Natur produziert, lebt und sich entwickelt.«

In dieser Wechselwirkung kann die Umwelt gar nicht geschützt werden, ohne dass ihr Zustand erfasst und verstanden wird. Daher fordert Xi, ein umfassendes Überwachungssystem für die Naturprozesse zu schaffen – womit bereits die Zivilisation in die Natur »hineingetragen« wird, bzw. letztere »angepasst« wird. Und schließlich wird Umweltschutz als Aufgabe verstanden, die unter Berücksichtigung von wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten nur im Zusammenspiel von Staat, Recht und individuellen Verantwortlichkeiten gelöst werden kann. In diesem Sinne meint ökologische Zivilisation einen »Umweltschutz mit chinesischen Merkmalen«.

Eine andere Entwicklung nahm der Begriff im Westen, wo sich um ihn eine eigene philosophische Strömung entwickelt hat. Anknüpfungspunkt ist hier die Philosophie Alfred North Whiteheads (1861–1947), der ähnlich wie Hegel eine Theorie entwarf, die ihren Schwerpunkt auf die Prozessualität der Welt legt und die Wirklichkeit in der Struktur eines Organismus versteht. Einer der bekanntesten Vertreter der Richtung ist der australische Philosoph Arran Gare, der seine Positionen 2017 in »Philosophical Foundations of Ecological Civilization. A Manifesto for the Future« (Die philosophischen Grundlagen der ökologischen Zivilisation. Ein Manifest für die Zukunft) zusammengefasst hat. Die Strömung setzt sich mehrheitlich aus Theologen zusammen und verbindet sich teils auch mit spiritualistischen Elementen. Sammelpunkt ist das in San Diego ansässige »Institute for Ecological Civilization«, dem der Philosoph und Theologe Philip Clayton als Präsident vorsteht. Dieser wiederum verfasste 2014 das Buch »Organic Marxism: An Alternative to Capitalism and Ecological Catastrophe« (Organischer Marxismus. Eine Alternative zu Kapitalismus und ökologischer Katastrophe), dessen chinesische Übersetzung in der Volksrepublik ein absoluter Renner wurde. Ob Claytons Versuch, eine Brücke zwischen Marxismus, Prozessphilosophie und chinesischer Denkweise zu schlagen, fruchtbar ist und auf rein rationaler Grundlage erfolgen kann, bleibt abzuwarten.

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