Die jW-Serie »Wohnen im Haifischbecken«
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Aus: Ausgabe vom 27.10.2020, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitskämpfe international

Vor dem Aus

VW-Tochter MAN will Werk in Oberösterreich dichtmachen – Gewerkschaft organisiert Protest
Von Johannes Greß, Wien
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Stellenstreichungen und Werkschließungen machen vor Landesgrenzen nicht halt: MAN will Österreich verlassen

Im oberösterreichischen Steyr droht die Konzernspitze der Volkswagen-Tochter MAN mit der Schließung des gesamten Produktionsstandorts. Am 15. Oktober beteiligten sich laut Betriebsrat rund 4.000 Menschen an einem Warnstreik gegen die Werksschließung. Insgesamt geht es um 2.300 Arbeitsplätze, die vernichtet werden sollen. Wie auch bei anderen namhaften österreichischen Unternehmen in den vergangenen Monaten gingen der angekündigten Kündigungswelle Boni- und Dividendenauszahlungen in Millionenhöhe voraus.

MAN betreibt das Werk Steyr bereits seit 1914 und ist einer der größten Betriebe in der Region. Nun soll die Produktion nach Polen und in die Türkei verlagert werden. Zulieferer mit eingerechnet sind mehr als 4.000 Beschäftigte von der Standortschließung betroffen. Vor nicht einmal einem Jahr hatte der Lkw- und Bushersteller Beschäftigungssicherungs- und Standortverträge unterzeichnet. Die Sicherungsverträge, die eigentlich bis 2030 gelten sollten, kündigte MAN zum 30. September auf. Bis 2023 soll der Standort Steyr geschlossen werden. Daneben sollen auch die deutschen Werke Plauen und Wittlich dichtmachen.

Insgesamt will der MAN-Konzern im Rahmen eines Kürzungsprogramms weltweit etwa 9.500 Stellen streichen. Aus Sicht der Produktionsgewerkschaft (Pro-Ge) ist die Aufkündigung des Standortsicherungsvertrags rechtswidrig. »Wir versuchen derzeit den Vertrag einzuklagen«, erklärte der Landessekretär von Pro-Ge Oberösterreich, Michael Seemayer, auf jW-Nachfrage.

Die Werksschließung kündigte MAN bereits Anfang September an, seit Wochen versuchen die Beschäftigten sich dagegen zu wehren. Mittlerweile fällte auch der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) den Streikbeschluss. Die Gewerkschaft Vida kritisiert in einer Pressemitteilung, dass das Unternehmen die Beschäftigten zunächst zur Kurzarbeit angemeldet hatte, nun aber die Werksschließung bekanntgab – und sich MAN-Aktionäre noch Ende September eine halbe Milliarde an Dividende hatten ausschütten lassen. Vida kritisiert auch die österreichische Bundesregierung, denn diese habe es versäumt, staatliche Hilfen an Beschäftigungsgarantien oder ein Verbot von Dividendenauszahlung zu koppeln. »Wir haben jetzt den Schaden und müssen mitansehen, wie unser Steuergeld als Boni ins Ausland fließt«, kritisierte Vida-Vorsitzender Roman Hebenstreit.

Wie es für die MAN-Belegschaft weitergehen wird, entscheidet der Betriebsrat im Austausch mit der Konzernspitze. »Dazu wird es im November einen Verhandlungstermin geben, dann sehen wir weiter«, sagte Seemayer. Sollte sich eine Schließung nicht verhindern lassen, gelte es, die Kündigungen so gut es geht »abzufedern«. Soll heißen, Abfindungen zu erstreiten, MAN-Beschäftigte rasch anderweitig zu beschäftigen oder für sie Fortbildungsmaßnahmen zu garantieren.

Die Situation in Österreichs Industrie ist landesweit angespannt, insbesondere für Hilfsarbeiter und Geringqualifizierte, deren Jobs ohnehin durch die Automatisierung bedroht werden, so Seemayer.

Trotz Pandemiefolgen driftet derzeit nicht die gesamte Industriebranche in die Krise. »Wir beobachten Unternehmen, deren Verkaufszahlen derzeit stark steigen«, erklärte Seemayer. Die Automobilindustrie oder Hersteller von Elektrofahrrädern suchen händeringend nach Personal. Wie es für die Branche insgesamt weitergeht, ob sich Kündigungswellen und Werkschließungen – wie bei MAN in Steyr – häufen werden, will Gewerkschafter Seemayer nicht vorhersagen.

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