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Nerze

Von Helmut Höge
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Es war mal fast Konsens: »Pelze sind out!« Aber mit dem Neoliberalismus kam Pelz als Besatz für edle Mäntel wieder in Mode, vor allem das Fell vom Nerz ist nun laut NDR »wieder in«. Die kleinen munteren »Edelmarder« werden massenhaft in Pelztierfarmen gezüchtet, die Tiere der etwas größeren Variante aus den USA heißen Minks. Nach zahlreichen erfolgreichen Fluchten aus Zuchtfarmen sind Minks hierzulande eine invasive Art und haben die Europäischen Nerze bereits über Belarus hinaus nach Osten abgedrängt. In Schottland hat man sich deswegen bemüht, den Mink auszurotten, um dort wieder den Nerz anzusiedeln, ebenso auf einer estländischen Insel.

In Nerzfarmen werden die semiaquatisch lebenden Tiere in kleinen Drahtkäfigen gehalten und nach etwa sechs Monaten getötet, meistens mit Gas. Jährlich vergasen Pelztierfarmen laut animal-ethics.org mindestens 50 Millionen Tiere, den größten Anteil daran haben demnach chinesische Nerzfarmen. In Deutschland, ebenso wie in England, gibt es wegen der hohen staatlichen Auflagen keine Nerzfarmen mehr. Aber dänische Züchter liefern ihre gehäuteten Kadaver in die schleswig-holsteinische Tierkörperbeseitigungsanlage Rendac Jagel, wo daraus Tierfett für die Biodieselindustrie gemacht wird. Der internationale Pelzverband gibt an, dass 2016 rund 75 Millionen Nerzpelze im Wert von fast zwei Milliarden Euro »produziert« wurden.

In mehreren Zuchtfarmen haben Arbeiter Nerze mit dem Coronavirus angesteckt, wie Focus berichtete. Obwohl italienische Virologen bei Haustieren eine »umgekehrte Infektion« von Tier zu Mensch als eher unwahrscheinlich einschätzten und obwohl nach Ansicht der WHO-Expertin Maria van Kerkhove auch das Risiko einer Ansteckung des Menschen durch infizierte Nerze »sehr begrenzt« ist, beschlossen mehrere Staaten gigantische Tötungsaktionen: Allein im US-Bundesstaat Utah werden 10.000 Tiere getötet, in den 1.665 dänischen Nerzfarmen, die jährlich 17 Millionen Tiere umbringen, werden nun vier Millionen vorzeitig »gekeult«, in Spanien sind es 92.000 und in den Niederlanden 1,1 Millionen (die 160 Nerzfarmen dort werden geschlossen). Weitere Staaten werden dem Beispiel folgen. Nur Russland, wo es ebenfalls einige Coronafälle in Pelzfarmen gab, geht einen anderen Weg: Dort soll der für Menschen entwickelte Impfstoff nun bei den Nerzen angewendet werden und auch für Haustiere zur Verfügung stehen. Als Grund nannte die österreichische Kronenzeitung: »Das russische Staatsoberhaupt gilt als äußerst tierlieb.«

Tierliebe Menschen waren auch einst in Deutschland aktiv, bevor der Staat gegen die Nerzfarmen gesetzgeberisch vorging: Im niedersächsischen Holdorf befreiten Tierschützer 1998 rund 4.000 Zuchtnerze aus den Käfigen einer Pelztierfarm. Einige Experten behaupteten anschließend, die befreiten Tiere hätten außerhalb ihrer Drahtkäfige keine »Überlebenschance«. In Sachsen-Anhalt befreite die »Animal Liberation Front« 2007 etwa 10.000 Minks, im brandenburgischen Frankenförde drei Jahre später rund 4.000 und in Luckenwalde 1.500 Minks. Diese Aktionen hätten einen »gravierenden negativen Einfluss« auf das hiesige Ökosystem, meinte ein Sprecher des Umweltverbands Nabu. Die Minks würden die Brut vieler Wasservögel und anderer Erdbrüter fressen. Parallel zu den derzeitigen Nerzmassakern wirbt jetzt der kleine Tierpark in Zittau mit diesen verspielten Tieren. Der Zoo arbeitet schon seit Jahren mit dem Verein zur Erhaltung des Europäischen Nerzes zusammen bei der Wiederansiedlung seiner Jungtiere in Freiheit.

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