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Aus: Ausgabe vom 27.10.2020, Seite 2 / Ausland
Gesundheitssystem in Spanien

»Die Pandemie ist eher eine Ausrede«

Coronakrise in Spanien: Ärzte streiken gegen schlechte Arbeitsbedingungen und sehen Regierung in der Pflicht. Ein Gespräch mit María José Campillo
Interview: Carmela Negrete
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Katalanische Ärzte fordern bessere Arbeitsbedingungen (Barcelona, 14.10.2020)

Sie rufen für diesen Dienstag zu einem landesweiten Streik von Ärzten in Spanien auf. Hintergrund ist ein Dekret, das die dortige Regierung im September erlassen hat. Was genau kritisieren Sie an der Verordnung?

Laut diesem Dekret sollen Ärzte in Abteilungen arbeiten können, für die sie nicht ausgebildet sind. Außerdem können auch diejenigen als Ärzte eingesetzt werden, die noch auf eine Zulassung warten. Zusätzlich werden wir gezwungen, innerhalb einer Provinz einsetzbar zu sein, je nachdem, wo Personal gebraucht wird. Wenn die Klinikleitungen es für nötig erachten, sollen Krankenschwestern Aufgaben von Ärzten übernehmen und die Grundversorgung in Krankenhäusern gewährleisten.

Ist ein solches Dekret angesichts der Pandemie nicht folgerichtig?

Wir glauben nicht, dass es nur wegen der Pandemie erlassen worden ist. Die Regelung gilt zunächst nur ein Jahr, darf aber verlängert werden. Die Pandemie ist eher eine Ausrede für längerfristige Änderungen.

Was fordern Sie konkret?

Als erstes muss die Regierung das Dekret zurücknehmen. Schließlich gibt es hierzulande ausreichend Ärzte – aber nicht viele, die so arbeiten wollen, wie die Regierung es will. Ein Hausarzt hat pro Patient durchschnittlich nur drei Minuten zur Verfügung. Viele von uns bekommen sehr niedrige Löhne, und manche Kollegen hangeln sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten, und das jahrzehntelang. Wenn man dann sieht, wie die Arbeitsangebote außerhalb Spaniens für Ärzte sind, wundert es nicht, dass einige auswandern. Zudem ist die Arbeitsverdichtung viel zu hoch, und kranke Kollegen werden nicht genügend ersetzt. Um es kurz zu sagen: In Spanien muss viel mehr Geld in das Gesundheitssystem investiert werden.

Was sagt das zuständige Gesundheitsministerium zu Ihren Forderungen?

Wir werden nicht angehört. Das Gesundheitsministerium hat sich seit Anfang der Pandemie nicht mit den Gewerkschaften getroffen. Es gibt keinerlei Gespräche zur Zeit. Der Gesundheitsminister trifft sich mit vielen, gerne mit Unternehmern, aber nicht mit uns.

Sie fordern auch, dass ausreichend Schutzmaterial und Coronatests für das medizinische Personal bereitgestellt werden. Wie ist diesbezüglich der Stand, gut ein halbes Jahr nach Beginn der Pandemie in Spanien?

Zur Zeit ist Schutzmaterial vorhanden. Wir wissen aber nicht, für wie lange die Vorräte reichen. Deswegen muss jetzt dafür gesorgt werden, dass die notwendigen Dinge nicht ausgehen, wie es zu Beginn der Pandemie gewesen ist.

Zu den Coronatests: Es gibt sehr viele Menschen, die regelmäßig welche bekommen. Profifußballer werden zum Beispiel jeden Tag getestet. Aber das medizinische Personal, das jeden Tag mit Infizierten und Risikopatienten arbeitet, wird nur getestet, wenn es Symptome zeigt. Dieser Zustand muss dringend geändert werden.

Kürzlich wurde berichtet, dass die Nachverfolgung von Kontakten, die nach Bekanntwerden einer Infektion erfolgt, von den Hausärzten neben ihrer täglichen Arbeit geleistet werden muss. In der BRD sind dafür die Gesundheitsämter zuständig.

Die Regierung hat die Ärzte damit beauftragt, um Geld zu sparen. Dagegen regt sich Protest, da die Praxen damit überfordert sind. In manchen Städten wurden Aushilfen für die Nachverfolgung eingestellt, aber vielerorts ist das weiterhin die Aufgabe der Hausärzte.

Sie planen einen Streik in einer Zeit, in der die gemeldeten Neuinfektionen auch in Spanien rasant zunehmen. Verstehen Sie diejenigen, die das für den falschen Zeitpunkt halten?

Wir sehen keine andere Lösung, um uns Gehör zu verschaffen. Der Streik ist auf einen einzigen Tag beschränkt, weil wir mitten in der Pandemie sind. Wir sind die ersten, die ein Interesse am Erhalt der Gesundheitsversorgung haben und nicht an einem Kollaps, der die Patienten gefährdet. Seit Wochen veranstalten wir Kundgebungen vor den Gesundheitszentren und Krankenhäusern. Nur wird darauf bislang nicht reagiert. Um unsere Forderungen durchzusetzen, müssen wir jetzt streiken.

María José Campillo arbeitet als Ärztin in der Notaufnahme eines Krankenhauses in Murcia und ist Sprecherin des spanischen Ärztegewerkschaftsverbands CESM

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