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Aus: Ausgabe vom 26.10.2020, Seite 16 / Sport
Tischtennis

»Die Reise wird ein bisschen abenteuerlich«

Was erwartet die Tischtennisprofis bei den Turnieren in China? Ein Gespräch mit dem Spieler Patrick Franziska
Von Andreas Müller
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Die Freude überwiegt: Patrick Franziska

Am Dienstag werden Sie nach China aufbrechen, wo Sie gemeinsam mit Ihrem Nationalmannschaftskollegen Dimitrij Ovtcharov vom 13. bis 15. November in Weihai beim World Cup und eine Woche später beim Finale der World Tour vom 19. bis 22. November in Zhengzhou Deutschland bei den Herren vertreten. Wie groß ist Ihre Vorfreude, endlich wieder das internationale Parkett zu betreten?

Den World Cup habe ich noch nie gespielt. Es dürfen pro Land immer nur zwei Teilnehmer starten, leider bin ich da bisher immer knapp hinter Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov gewesen. Das wird meine Premiere bei diesem prestigeträchtigen Wettbewerb sein, der nach den Olympischen Spielen und den Weltmeisterschaften für Tischtennisspieler sicher das Größte ist. Ich bin sehr glücklich darüber. Außerdem freue ich mich, endlich wieder mit den Besten der Welt die Kräfte zu messen. Der letzte große internationale Wettkampf in diesem Jahr sind für mich die Katar Open im März gewesen. Unglaublich, das ist sieben Monate her.

Ins Feld der weltweit besten 16 Spieler beim World Cup kamen Sie als Nachrücker, doch für das Finale der World Tour in Zhengzhou waren sie sportlich von vornherein qualifiziert. Es wird dabei auch um sehr wichtige Weltranglistenpunkte im Kampf um die Olympia-Tickets für Tokio 2021 gehen.

Das stimmt, denn nächstes Jahr in Tokio dürfen im Einzel pro Nation ebenfalls nur maximal zwei Spieler antreten. Diese beiden Tickets hat unser Verband zwar schon sicher. Aber wer den zweiten Startplatz neben Timo Boll bekommt, das ist noch offen. Sportlich geht es zwischen mir und Dimitrij jetzt schon um viel. Doch ich tue gut daran, nicht so sehr an die Weltranglistenpunkte zu denken und an die sportliche Konkurrenz um den Olympia-Startplatz im Einzel, sondern diese beiden großen Wettkämpfe in China zu genießen. Ich betrachte die Einladung zugleich als eine große Ehre.

Wissen Sie schon, was Sie und die anderen Teilnehmer an coronabedingten Sicherheitsvorkehrungen erwartet?

Die erste Woche werden wir in Shanghai in Quarantäne zubringen. Die ersten sieben oder acht Tage werden wir im Zimmer bleiben müssen, bekommen eine Matte und ein paar Hanteln, es wird Fieber gemessen und Tests geben. Wir dürfen in dieser Quarantänewoche zum Trainieren nicht in die Halle. Das wird erst anschließend erlaubt sein, zweimal am Tag mit genau festgelegten Slots. Und dann geht es irgendwann mit dem Bus zum Spielort.

Das könnten sehr lange Busfahrten werden. Von Shanghai nach Weihai, einer Küstenstadt am Gelben Meer im Nordosten Chinas, sind es etwa tausend Kilometer. Von dort ist es dann noch einmal genauso weit bis nach Zhengzhou zu den ITTF-Finals. Eine Abenteuerreise?

Diese gesamte Reise wird ein bisschen abenteuerlich, das stand von vornherein fest. Unter Coronabedingungen hat man beim Reisen sowieso schon ein mulmiges Gefühl, erst recht bei einer solchen Tour. Doch bei mir überwiegt eindeutig die Freude auf die kommenden Wochen.

Timo Boll, der verletzungsbedingt nicht antreten kann, Sie selbst und eine Reihe anderer Weltklassespieler hatten sich kürzlich in einem offenen Brief an den Internationalen Tischtennisverband ITTF gewandt. Sie monierten unter anderem, dass Sie wegen der kurzfristig vom ITTF unter Corona aus dem Boden gestampften Wettkämpfe in China ihren Kalender über den Haufen werfen und Ihre Verträge mit heimischen Vereinen und Sponsoren brechen müssten. Wie sind Sie mit Ihrem Bundesligaverein in Saarbrücken verblieben?

Auslöser für den offenen Brief war, dass vom Weltverband an einem Freitag die Einladungen an die Spieler kamen und wir bis zum Montag unsere Zusage geben sollten. Das war viel zu knapp, um mit meinem Verein, bei dem ich unter Vertrag stehe und der praktisch mein Arbeitgeber ist, alles zu besprechen und zu regeln. Ursprünglich wären für mein Team aus Saarbrücken im November sechs oder sieben Bundesligaspiele angesetzt. Innerhalb von drei Tagen konnte ich dem Weltverband also unmöglich zusagen. Zum Glück hat sich schnell herausgestellt, dass wegen der Wettbewerbe in China der Spielplan in der Bundesliga und der Champions League verändert werden darf. Die Verlegungen haben die Situation entspannt. Durch diesen Kompromiss wurden die Interessen auf jeder Seite unter einen Hut gebracht und der Konflikt aufgelöst. Wenn alles gut läuft, werde ich am 23. November aus China zurück sein und für meinen Verein kein einziges Spiel verpassen.

Patrick Franziska stammt aus Bensheim und ist 28 Jahre alt. Aktuell wird er auf Rang 16 der Weltrangliste geführt und wurde mit dem 1. FC Saarbrücken in der ­vorigen Saison Deutscher Mannschaftsmeister. Er gewann 2019 WM-Bronze im Mixed mit Petrissa Solja, 2018 EM-Bronze im Einzel, 2014 und 2018 mit dem ­deutschen Team WM-Silber sowie 2010, 2013, 2017 und 2019 den EM-Titel

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