Gegründet 1947 Sa. / So., 5. / 6. Dezember 2020, Nr. 285
Die junge Welt wird von 2453 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 26.10.2020, Seite 5 / Inland
Coronamaßnahmen

Feldversuch im Klassenzimmer

Bundesregierung kündigt neue Regeln für Schulbetrieb an. Für effektiven Gesundheitsschutz fehlen Räume, Geld und Personal
Von Christina Müller
Schulstart_in_Schles_67050384.jpg
In einer Schule in Kiel müssen Schüler Masken während des Unterrichts tragen (19.10.2020)

Kinder sind weder besonders durch das Coronavirus gefährdet noch die Treiber der Pandemie. Mit dieser Auffassung sind sich viele Wissenschaftler einig. Dennoch werden die Jüngsten maximal in die Verantwortung genommen. Besonders arme Kinder leiden durch Schulschließungen und Quarantänemaßnahmen. Nicht etwa mit speziellen Hilfen für besonders Betroffene will die Politik Schäden begrenzen. Die immer neuen Verordnungen kreisen bislang vor allem um ein Thema: Mit welchen immer schärferen Maßnahmen kann man die Schulen trotz steigender Positivtests offenlassen? Das Ergebnis der jüngsten Konferenz der Kultusminister, die am Freitag hinter verschlossenen Türen tagte, soll die Öffentlichkeit diese Woche erfahren.

Maskenpflicht ausgeweitet

Die Bundesregierung betonte bisher, man wolle Schulschließungen wie im Frühjahr vermeiden. Klar ist, dass diese bundesweite Maßnahme besonders arme Schüler zurückgeworfen und viele Familien vor gravierende Probleme gestellt hat. Seit Ende der Sommerferien halten die Länder mit immer drastischeren Hygieneverordnungen dagegen. Anstatt Lehrer und Einrichtung mit medizinisch geprüftem Material auszustatten, das effektiv vor einer möglichen Ansteckung schützt, weiten die Länder dabei derzeit vor allem die Maskenpflicht aus.

In Berlin, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und andernorts müssen viele Schüler auch im Unterricht Alltagsmasken tragen. Laut Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte darf diesen Utensilien allerdings mangels erwiesenem Nutzen keine Wirkung zugeschrieben werden. In bayrischen Kommunen mit hohen Positivzahlen gilt diese Pflicht inzwischen sogar für Grundschüler, also für Sechs- bis Zehnjährige. Mehrere Kommunen wehren sich dagegen. Vielerorts ist der Schulbetrieb trotzdem eingeschränkt, denn Gesundheitsämter schicken immer mehr Schulklassen oder ganze Einrichtungen bei einzelnen Positivfällen in die häusliche Isolation. Wie viele Schüler inzwischen in Quarantäne sitzen, ist unbekannt. Seit August dürfte dies bereits Hunderttausende Familien betroffen haben.

Widersprüche, Planlosigkeit und Realitätsferne, immer wieder von Lehrern kritisiert, offenbart das gesamte Vorgehen. Am Donnerstag mahnte der Chef des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, kein Bundesland setze die Empfehlungen seiner Behörde vollständig um. Demnach soll in Landkreisen und Städten, wo innerhalb einer Woche mehr als 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern auftraten, die erweiterte Maskenpflicht im Unterricht gelten. Ab 50 Fällen sollen Schulklassen aufgeteilt werden. Das ist mangels Platz, räumlichen Gegebenheiten und Personal vielerorts nicht machbar, wie die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaften (GEW) mehrfach rügte.

Familien belastet

Auch ein Eilbeschluss des Verwaltungsgerichts (VG) Düsseldorf weist auf Widersprüche bezüglich der Abwägung von Nutzen und Schaden der einseitigen Maßnahmen hin. Das VG erklärte am 16. Oktober die 14tägige Quarantäne eines Schülers, dessen Lehrerin positiv auf das Virus getestet worden war, für rechtens. Das als »Kontaktperson 1« geltende Kind habe 45 Minuten mit ihr im Raum verbracht. Dass es dabei durchgängig eine Alltagsmaske getragen habe, ist laut VG nicht relevant. Denn diese schütze nicht vor einer Verbreitung des Virus über die Atemluft. Die Richter beriefen sich dabei explizit auf das RKI, das eine Quarantäne für Kontaktpersonen auch bei negativem Testergebnis empfehle, wenn diese sich, unabhängig vom Tragen einer Maske, mit einer positiv getesteten Person länger als 30 Minuten in einem Raum aufgehalten haben.

Die Lasten und Kosten bisheriger Maßnahmen überlässt die Politik noch immer weitgehend den Familien. Diese müssen trotz Berufstätigkeit den Hausunterricht ihrer Kinder in der Quarantäne sicherstellen. Angesichts der steigenden Positivzahlen sind neue Schulschließungen nicht ausgeschlossen. Zwar stellte der Bund 500 Millionen Euro für Laptops für bedürftige Schüler bereit. Doch die Verteilung der Gelder wirft Fragen auf. Wie der SPD-Bundestagsabgeordnete Ernst Dieter Rossmann Anfang Oktober in einem Interview mit dem Spiegel erklärte, orientiert sich diese zu zwei Dritteln an der Finanzkraft der Länder. Demnach stehen in Bayern fast 1.000 Euro pro bedürftigem Kind bereit, in Bremen und Berlin aber nur gut 200 Euro. »Es wird nicht berücksichtigt, wie viele Schüler von Armut betroffen sind«, so Rossmann.

Unverzichtbar!

»Die junge Welt ist die Zeitung gegen Krieg, die schreibt, was andere weglassen. Nur durch Information ist Veränderung möglich, deswegen ist sie für uns unverzichtbar.«  – Rose-E. Wachata und Sonja Riedel für die jW-Leserinitiative Chemnitz/Erzgebirge

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme – gedruckt und online!

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Peter Dehmer: Wer hat recht? In diesem interessanten Bericht von Christina Müller ist betreffend »Alltagsmasken« wörtlich zu lesen: »Laut Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte darf diesen Utensilien allerdings mangels er...
  • Conny Geeve: Wider besseres Wissen Auf Seite 2 der Montagausgabe sehe ich die Jury bei der Auswahl der Fotos mit Masken. Auf Seite 5 schreibt Christina Müller den Satz: »Laut Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte darf diesen U...

Mehr aus: Inland

Auftakt der jW-Mietenserie: Heute Teil 1 – »Wohnen als Goldgrube. Die Inwertsetzung einer Mietnation«!